| Schweizer
Spielmesse Internationale Spiel- und Spielwarenmesse St. Gallen 8. - 12. September 1999 |
Klassiker, Tüftler und Behindertenwerkstätten sorgen fürs Überleben des Schweizer Spiels
Spätestens seit die Produktion der guten alten Jasskarten aus Schaffhausen in ausländische Hände übergegangen ist, fragt man sich, ob Schweizer Spielwaren zu einer aussterbenden Gattung werden. Ganz so arg sieht es nicht aus, wie wir herausfanden.
Der inoffizielle Schweizer Nationalsport ist das Jassen. Kaum ein Schweizer Haushalt, in welchem nicht mindestens ein oder zwei Jasskartensets zu finden wären. Und doch sorgte die Nachricht, dass die guten alten Spielkarten aus Schaffhausen in belgische Besitzerschaft übergehen, kaum für grösseres Aufsehen. Denn die Karten werden weiter gedruckt, weiter erhältlich sein, nur nicht aus einem schweizerischen Haus.
Ob Brett- und Kartenspiele aus dem Hause Carlit nun reine Schweizer Produkte sind, oder ob es nur der "Ableger" von Ravensburger, eines der Marktführer in diesem Bereich, ist, kümmert zumindest den Endkunden wenig. So bestätigen es Fachleute aus den Fachgeschäften. "Die Kunden achten eher auf renommierte Namen, auf Kauf-empfehlungen des Personals oder auf die Werbung", sagt Roland Bösch vom St.Galler Fachhaus ZolliBolli. Auf Qualitätslabels, deren "Salat" bald ebenso gross zu sein scheint wie jener bei Biolebensmitteln, werde erst in zweiter Linie, auf das Herkunftsland fast gar nicht geachtet.
Pionier mit Ausstrahlung
Es sei denn bei einem Pionier wie den HAG Modelleisenbahnen, einem
Markenhersteller, der immer wieder für Überraschungen sorgt. Von der
Produkteidee über die Planung und Fertigung bis hin zum Marketing und Vertrieb
liegt hier noch alles in Schweizer Hand. Von Modelleisenbahnern wird HAG denn
nicht selten als der Mercedes der Modellbahn bezeichnet. Und dass drei Viertel
des Umsatzes in der Schweiz, gerade einmal ein Viertel im Ausland erzielt
werden, hat nicht etwa mit mangelnder Bekanntheit zu tun. Vielmehr liegt es
daran, dass HAG ausschliesslich Schweizer Loks und Wagen nachbildet.
"Wollten wir auf dem deutschen Markt Fuss fassen", so Firmenchef
Werner Gahler, "dürften deutsche Klassiker und Neuheiten in unserem
Sortiment nicht fehlen". Doch auch so gibt es Stammkundschaft bis nach Südafrika.
Denn die Schweizer Seen und Berge und die Schweizer Bahnen – das scheint für
viele immer noch die heile Welt zu sein, auch im Modellbau.
Professionell ist das Marketing, und ein vor kurzer Zeit gegründeter HAG-Club versorgt mittlerweile bereits gegen viertausend Mitglieder mit neuesten Informationen. Gahlers Philosophie: Wir können immer wieder etwas besser machen. Und spätes-tens wenn die Kunden eine der regelmässigen Betriebsführungen in Mörschwil erlebt haben, begreifen sie auch, dass die Preise nicht gerade ins Billigsegment gehören.
Holz ist Trumpf
"Holzspielwaren" nennen drei von uns befragte Detaillisten als erste
Assoziation, wenn sie nach Schweizer Spielwaren gefragt werden. Und wirklich: So
weit man auch forscht, stechen bei in der Schweiz entwickelten und hergestellten
Neuheiten immer wieder Holzspiele hervor.
Der mit einem patentierten Verbindungssystem ausgestattete Holzbaukasten "Rotfix" mag als ein Beispiel für diese Einschätzung dienen. Auf die Eigenentwicklung, die als hundertprozentiges Schweizer Produkt in einem Behindertenheim gefertigt wird, ist Manfred Hügli von der Happy Clown GmbH stolz. "In unserer Zeit voller Hektik den Menschen beruhigende, interessante und kreative Spielmöglichkeiten näherzubringen", nennt er als Ziel seiner Firma, die das eigene Sortiment mit Vertretungen etablierter Spiele, beispielsweise "Kapla", ergänzt.
Ställe, Verkaufsstände und Puppenhäuser, die jedem Heimatwerk gut anstehen würden, aber im wesentlichen erschwinglich geblieben sind, stellt die Spielba AG in Samstagern her. Auch hier ist der grösste Trumpf Qualität aus Holz.
Scalino heisst das Zugpferd des Familienunternehmens Hilpag: Eine Holzkugelbahn im Baukastensystem, die auf Normbausteinen aufbaut und Kugeln über eingebaute Gefälle in Schienen laufen lässt. Schweizer Buche wird gross geschrieben. "Von drei Jahren bis ins hohe Alter vermag das System zu gefallen", sagt Michael Hilpertshauser. Und wem der Sinn nach mehr steht, der findet mit Mühlrädern, einem Wasserfall oder Glockenturm und anderem Zubehör mehr Ergänzungsmöglichkeiten. Bei der Hilpag wie bei verwandten Herstellern ist ein Trend des Propheten im eigenen Land zu beobachten: Ein wichtiger Teil des Umsatzes wird im Ausland erzielt. "Während aber viele Firmen in Fernost herstellen lassen", so stellt Hilpertshauser klar, "wird in unserem Familienunternehmen von A bis Z alles in der Schweiz gearbeitet".
Behindertenwerkstätten
Auf der Suche nach Schweizer Spielwaren trifft man immer wieder auf Werkstätten
mit geschützten Arbeitsplätzen, Behindertenwerkstätten. Beispielsweise die
Stiftung Albisbrunn im Knonauer Amt, die mit ihrer eigenen Linie, den "Albisbrunn
Spielwaren", auf den Markt tritt. Vom Schaukelbär oder Greifspielzeug für
die Kleinsten über Würfel- und Konstruktionsbaukästen, Kranen, Eisenbahnen,
Zootieren oder Puppenstubenmöbeln bis hin zu Stelzen oder neu gearbeiteten
Longsellern der Kategorie "Eile mit Weile" heisst die Devise: Holz, ästhetisch
und natürlich.
Auf dem Bauernhof der Familie Ramseier heissen die Werkstätten der Rehabilitationsstätte Dreischiibe ihre Kundschaft willkommen. "Unsere Spielsachen werden von Menschen mit psychischen Behinderungen in Handarbeit hergestellt", heisst es im Herisauer Betrieb. "Wir verwenden dafür einheimische Materialien und natürliche Öle oder Lasuren". "Bäbihüser" und andere Holzspielsachen aus dem Gewerbe- und Arbeitszentrum in Zollikofen oder aus der Invalida in St.Gallen gehören in dieselbe Reihe.
Auch die Produkte der Firma Alfaset in La Chaux-de-Fonds, Neuchâtel und Travers werden von Menschen mit einer psychischen Behinderung gefertigt. Geschicklichkeitsspiele wie ein Labyrinth aus Draht und Holz, Lern- und Konstruktionsspiele aus Holz sowie grafisch ansprechende, geometrische Puzzles stechen im Sortiment hervor. Mikasi, Puckasi oder Pythagoras sind strategische Familienspiele, die Spass machen. Zwar ist auch hier das "heimelige Holz" der Haupttrumpf, doch hat Alfaset das Marketing von Jahr zu Jahr verbessert und versteht den Verkauf und die Messeauftritte auch als willkommene Gelegenheit, den Graben zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu verkleinern.
Schweizer Autoren – Schweizer Ideen
Marketingmässig dem "handgestrickten" Image entwachsen ist der
gelernte Mechaniker, Sozialpädagoge und Werklehrer Matthias Etter. Während der
Ausbildung entstand die Urform von "Cuboro", bei welchem Holzwürfel
mit Rinnen und Tunnels zum einem System zu verbinden sind, durch die eine Kugel
rollen kann. Einem Prototyp mit 42 Teilen folgte die Zusammenarbeit mit einer
Schreinerei – und eine vorsichtig beginnende Serienproduktion. Heute werden
pro Jahr weit über 10 000 "Cuboro"-Spielkästen verkauft. Die
Produktepalette ist auf sieben verschiedene Sets, Murmeln, das Puzzle-Legespiel
"Alhambra" und anderes mehr angewachsen. All dies kann an der
Schweizer Spielmesse ausprobiert werden.
Immer wieder schaffen auch Schweizer Autoren den Sprung in die "Oberliga" der Spiele. Die professionelle Produktion des Spiels "Sealife" – einem Spiel von Adrian Inauen über die Meeresnahrungskette, über Fressen und Gefressenwerden – brachte für die Brüder Inauen die verdiente Aufmerksamkeit. Die erste Auflage von 3000 Stück ist dank eines professionellen Vertriebskanals verkauft, die Kritiken sind gut. Ein Erfolg, der sich vielleicht auch auf die liebevoll produzierten Kleinstauflagen von hervorragenden Sportspielen ("Le Tour", "Anpfiff", "Powerplay", "Grandslam") auswirken wird.
Keine Auslaufmodelle
"Schweizer Spiele und Spielwaren sind keine Auslaufmodelle", ist sich
der Spieleverleger Jürg Bühler von der Felsberger S & A Spiel & Art
AG, der aus seiner Spielleidenschaft einen Beruf gemacht hat, sicher. Damit
allerdings ein Spiel in ein Verlagsprogramm aufgenommen werde, müsse es
bestimmte Kriterien punkto Material, Spielwert, Programmphilosopie und
Marktchancen erfüllen. "Auch in unserem Fall ist Holz das Material erster
Wahl", sagt Bühler. "An Fertigung und Material werden hohe Ansprüche
gestellt." Mittlerweile umfasst das Sortiment neun Holzspiele, die in
Einzelanfertigung von einem befreundeten Schreiner und einer
Behindertenwerkstatt hergestellt werden. An der Schweizer Spielmesse wird nach
"Toccato" und dem "Felsberger Labyrinth" ein weiteres
Autorenspiel als Premiere zu sehen sein: Der "Felsberger Riegel", ein
spannendes Strategiespiel für zwei Personen. Als Spieleverleger und Organisator
der Schweizer Spielmesse ist Jürg Bühler auch mit einer attraktiven Homepage für
alle am Spiel Interessierten im Internet zu finden: www.toy-net.ch.
Sonderschau "Spielwaren aus
Schweizer Produktion"
Dem Thema von in der Schweiz hergesteller Spielprodukte ist an der Schweizer
Spielmesse ebenfalls eine Sonderschau gewidmet. In der Sonderschau
"Spielwaren aus Schweizer Produktion", Halle 1.1, sind verschiedene
Schweizer Neuheiten und Produkte ausgestellt.
Felsberger S & A Spiel & Art AG, Leimatstrasse 32, CH-9000 St. Gallen. Update: 05.11.2006 - www.toy-net.com