| Schweizer
Spielmesse Internationale Spiel- und Spielwarenmesse St. Gallen 6. - 10. September 2000 |
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"Neue Zürcher Zeitung VERMISCHTE MELDUNGEN" Donnerstag, 07.09.2000 Nr.208
Moorhühner, Pokémons und Leiterlispiel
Ungebrochene Anziehungskraft der Spielmesse in St. Gallen
fsi. St. Gallen, 6. September
Ein
Jahrzehnt nach ihrer Gründung ist die
Schweizer Spielmesse in
St. Gallen zu einer festen
Institution geworden.
Trotz der Konkurrenz
durch die Suisse Toy, die
in nur zwei Wochen in
Bern erstmals ihre Tore öffnen
wird, bleibt die
Anziehungskraft der St. Galler
Messe praktisch
ungebrochen: 220
Aussteller aus sieben Ländern
nehmen an der 10. Spiel-
und Spielwarenmesse auf dem Olma-Gelände
teil. Das sind nur 50 weniger als im Vorjahr,
als die St. Galler Schau hierzulande
noch die einzige Veranstaltung ihrer Art
gewesen war. Angesichts der Tatsache, dass in
der Schweiz 1,6 Millionen
Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren leben und dass, wie der deutsche Marktforscher Christoph Blum anlässlich der Pressekonferenz zur Eröffnung
der Ausstellung am Mittwoch erklärte, jedem Mitglied
dieser Altersgruppe im
Mittel 2000 Franken jährlich zum Ausgeben zur Verfügung stehen, ist es
durchaus verständlich,
dass die meisten Spielwarenhersteller die zusätzlichen Kosten einer
Teilnahme an zwei
Schweizer Messen nicht
scheuen.
Nach
Lust und Laune testen
Rund
50 000 Besucher erwarten die Veranstalter bis zum Ende der Ausstellung am
Sonntagabend, und der Publikumsandrang war schon am ersten
Tag beachtlich. Mit Feuereifer spielten Kinder und auch Erwachsene mit Modelleisenbahnen und Rennautos, sie
stapelten Türme aus
neuartigen Holzbausteinen
oder versuchten mit
raffiniert durchbohrten Würfeln
vertrackte Kugelbahnen zu konstruieren, sie bauten Playmobil-
Männchen zusammen und
testeten einen Bastelkasten mit Baumaterial aus buntgefärbtem Puffmais,
schmolzen Kunststoffgranulat zu Schmuck
und liessen sich an einem
Schminkstand verschönern, sie malten, klebten, schnitten und modellierten,
was das Zeug hielt, und widerlegten damit all
jene Pessimisten, die behaupten, dass der Computer im Kinderzimmer das herkömmliche
Spielen verdrängen werde.
Natürlich war der Ansturm auf Videospiele und Computergames vom didaktisch klug aufgebauten Lernspiel über temporeiche Action-Jagden und witzige Krimispiele bis hin zum kultigen Moorhuhnschiessen gross, aber auch die in Halle 2 überall aufgebauten Brettspiele fanden regen Zuspruch. Schliesslich darf man in St. Gallen nach Lust und Laune Neuheiten testen. Man kann beispielsweise das «Spiel des Jahres» (heuer ist es «Torres» von Wolfgang Kramer und Michael Kiesling) ausprobieren, und wenn einem eine Spielanleitung etwas gar kompliziert erscheint, gibt es kundige Helfer, die bei Fragen und Problemen weiterhelfen können. Helferinnen – allerdings heissen sie hier Trainer – gibt es übrigens auch am Pokémon-Stand. Der Importeur der Lieblingssammelobjekte praktisch aller Primarschüler der Schweiz will die Kinder nämlich dazu bringen, dass sie ihre überteuerten Trickfilmmonsterkarten nicht nur in dicken Beigen horten, sondern mit ihnen gegeneinander spielen, wie sie das mit den elektronischen Game-Boy-Pokémons auch tun.
Seifenkistenrennen
und Comics-Börse
Die
Spieleschau in St. Gallen ist eine Verkaufsmesse. Das heisst, dass man
die meisten Dinge
gleich an Ort und Stelle
und oft mit einem Messerabatt erstehen kann; manch einer dürfte deshalb
bis Sonntagabend ganz froh
um den Postomaten
auf dem Olma-Gelände
sein. Daneben gibt es
aber auch eine Reihe
attraktiver Sonderausstellungen und Veranstaltungen. Am Samstag und Sonntag
stehen eine Comics- und eine Modellbaubörse auf
dem Programm. Die Kinder können ihre Fahrkünste
auf einem Rundkurs mit Tretautos oder
in renntauglichen Seifenkisten bei einem Indoor-Rennen testen. Beim
SBB-Junior-Club gilt es, während einer
Minute eine möglichst grosse Strecke auf einer
Endloskletterwand hinter sich zu bringen.
Es
gibt Workshops, Spielturniere und viele
Wettbewerbe – unter
anderem sollen mit Aluminiumabfall Modelle zum Thema Bewegung gebaut werden
–, und das Publikum darf bei der Vergabe des 2. St. Galler
Spielzeugpreises mitmachen. Man kann im Internet surfen und sich
für ein paar Minuten auf
einem Flugsimulator als Linienpilot fühlen.
Und wer es gerne nostalgisch hat,
kommt in der Sonderschau Schweizer Spielwaren auf seine Rechnung. Dort werden
allerlei Varianten
von «Eile mit Weile» / «Mensch
ärgere dich nicht» aus
mehreren Epochen sowie
zahlreiche Spiele, die
sich in irgendeiner Form
um die Schweiz drehen,
vorgestellt. Manche Besucher dürften das eine oder andere Spiel aus
ihrer Kindheit finden. Der
Berichterstatter beispielsweise entdeckte ein jahrzehntealtes Leiterlispiel,
das in ihm die Erinnerung an lustige Spielnachmittage am Stubentisch der
Grosseltern
wachrief, ebenso wie das
Autorennspiel mit der
imposanten Dampflokomotive
und dem bei Feld
13 grausig aus seinem
brennenden Wagen hängenden toten Fahrer, der ihm als Dreikäsehoch regelmässig Hühnerhautschauer beschert hat.
Spielen mit anderen wird,
Gameboy hin und
Computerspiele her, wohl
immer zu den zentralen Kindheitserfahrungen gehören, und manche dabei gewonnenen Eindrücke prägen sich eben
dauerhaft ein.
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