Schweizer Spielmesse
10. nternationale Spiel- und Spielwarenmesse St. Gallen

6. - 10. September 2000

         


Elektronisches Spielvergnügen contra Eile mit Weile?
Computerspiele sind der Renner – die klassischen Spiele lassen sich aber nicht verdrängen

Der Trend ist eindeutig: Computerspiele, Spielkonsolen und Game Boy faszinieren Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Noch haben aber die klassischen Gesellschaftsspiele nicht ausgedient. Vor allem an Regen- und Wintertagen werden die Schachtel-, Brett- und Kartenspiele aus den Schubladen geholt.

"Welche Spielkategorien werden in der Ludothek am meisten ausgeliehen?", lautete eine Frage der kürzlich von den Schweizer Ludotheken lancierten Umfrage. "An erster Stelle waren wie erwartet die Computerspiele. Was wir aber nicht erwartet hatten: an zweiter Stelle rangierten bereits die Gesellschaftsspiele, also die Kategorie der klassischen Spiele", schreibt Renate Fuchs, Präsidentin des Vereins der Schweizer Ludotheken, in der Auswertung der Umfrage. Die Schweizer Ludotheken beschäftigten sich daraufhin mit der Frage, welche Unterschiede es zwischen klassischen Spielen und Computerspielen gibt. Sie kamen zum Schluss, dass beim klassischen Spiel viele Faktoren eine Rolle spielen, die bei einem Computerspiel gar nicht einfliessen können: zum Beispiel das Gefühl, das das Berühren von Spielfiguren auslöst, die Kommunikation untereinander und die verschiedenen Reaktionen der Mitspielerinnen und Mitspieler. Beim Computerspiel gebe es dafür dank guter Software ungeahnte Möglichkeiten: Kombinationen, die beim klassischen Spiel nicht realisierbar seien, und komplizierte Abläufe. Dies übe zweifellos eine grosse Faszination aus, lasse einen nicht mehr los, reize, immer weiterzumachen.

"Das Argument, dass Computerspiele nur vereinsamen, ist genauso wenig stichhaltig wie dasjenige, dass klassische Spiele auf dem Computer attraktiver sind als auf dem Spielbrett", schreiben die Schweizer Ludotheken in ihrem Bericht. Jedes Kind müsse mit den technischen Errungenschaften seiner Zeit spielen können.

CD-Rom im Angebot

Die Frauen in der Ludothek St.Gallen bestätigen den Run auf die Computerspiele, Spielkonsolen und Game Boys. "Die Nachfrage ist gross und nimmt immer mehr zu." Seit diesem Frühling haben sie deshalb neu auch CD-ROMs mit Spielen für den Computer im Angebot. Trotzdem verstauben die Playmobil-Teile, Legoklötze und Gesellschaftsspiele nicht in den Regalen. Kindergärtnerinnen und Lehrer leihen sich Lernspiele aus, Mütter und Kinder Spielzeug und Gesellschaftsspiele.

"Kinder fragen oft nach den Spielen, die sie vom Kindergarten oder von der Schule kennen, manchmal stossen sie aber auch in der Werbung auf Spiele, die sie interessieren", sagen die Frauen der Ludothek. Wichtig sei, dass das Sortiment immer wieder mit neuen Spielen ergänzt werde. "Die Kinder wollen Neues erleben und entdecken." Beim Kauf der Spiele achten die Frauen der Ludothek darauf, dass die Spiele nicht zu komplizierte Spielanleitungen haben und möglichst strapazierfähig sind. Spiele, die aus leicht brechbaren Teilen bestehen, eignen sich nicht für das Ausleihen. Und spielt der Preis eine Rolle beim Entscheid, ob das Angebot an Computerspielen oder das Sortiment der Gesellschaftsspiele erweitert werden soll? Die Frauen der Ludothek verneinen: "Eine CD-ROM kostet etwa gleich viel wie ein gutes Gesellschaftsspiel". Ganz allgemein seien die Mittel der Ludothek begrenzt, da sich der Betrieb selber finanzieren müsse.

Spiele aller Art

Am Restauranttisch sitzt der zehnjährige Joshua mit seinen Eltern und drückt an den Knöpfen seines Game Boys. Muss er ab und zu vom Spielen abgelenkt werden? "Ganz und gar nicht", sagt seine Mutter. "Es sind kurze Phasen, in denen sich Joshua mit dem Game Boy beschäftigt." An den sonnigen Sommertagen sei er die meiste Zeit mit seinen Kameraden im Freien unterwegs. Fussball und Unihockey sind momentan seine liebsten Freizeitbeschäftigungen. Vor allem an den Regen- und Wintertagen kommen aber auch die klassischen Gesellschaftsspiele zum Zug. Oft spielt die Familie jene Spiele, die die Eltern aus ihrer Kindheit kennen: Eile mit Weile, das Leiterspiel und Monopoly.

Ab und zu kauft Joshuas Mutter auch ein neues Spiel. Zu seinem letzten Geburtstag hat sie ihrem Sohn das Spiel "Wer ist das?" geschenkt. "Ein lässiges Spiel", meint Joshua und erklärt im Detail die Spielregeln. Kauft er sich auch manchmal selber ein Spiel? Der Zehnjährige rümpft die Nase: "Von meinem Taschengeld kaufe ich mir lieber am Kiosk Bildchen zum Tauschen." Auf den Bildchen sind Figuren einer Trickfilmserie abgebildet, die zurzeit  im Fernsehen gezeigt wird. "Diese Serie ist das einzige, das die Kinder vom Freien vor den Fernseher lockt. Pünktlich um siebzehn Uhr sitzen sie im Wohnzimmer und stürmen nach einer halben Stunde wieder aus dem Haus", lacht seine Mutter.

Solitär am Arbeitsplatz

Christoph Brändle ist selbständiger Grafiker. Braucht er bei seiner Arbeit eine Pause, spielt er am Computer "Solitär". "Das entspannt", sagt er. Aber auch einen verregneten Sonntagnachmittag verbringt er liebend gerne mit Computerspielen. Sind in seiner Familie die Karten- und  Brettspiele kein Thema? "Früher ja. Da haben wir an den Wochenende und vor allem in den Ferien oft gespielt." Seine beiden Söhne, 14- und 16-jährig, hätten aber das Interesse verloren und beschäftigten sich ebenfalls lieber mit Computerspielen. Die 9-jährige Tochter spiele mit ihren Freundinnen. Die Jasskarten würden hervorgeholt, wenn die Grosseltern zu Besuch seien.

Zur grossen Fangemeinde der Jasser gehören auch vier Männer, die täglich mit dem Zug von St.Gallen nach Zürich zur Arbeit fahren. Am Feierabend treffen sich der Bankangestellte, der Werbeleiter, der Typograf und der kaufmännische Angestellte im Speisewagen und klopfen einen Jass. Die Verlierer zahlen einen bescheidenen Beitrag in die Gemeinschaftskasse, mit deren Inhalt sie ein gemeinsames Nachtessen bezahlen. "Beim Jassen vergeht die Zeit wie im Flug, der Gesprächsstoff geht auch nie aus", begründen die vier Jasser ihren Zeitvertreib. Nicht alle sind auch zu Hause die begeisterten Spieler. "Keine Zeit", schüttelt der Typograf den Kopf. "Jassen" und "Backgammon" sind drei andere Spiele, die sie gelegentlich in der Erwachsenenrunde spielen. "Halli Galli", "Wer ist Walter" und "Heisse Socken" spielen sie mit ihren Kindern. Wer die Spiele den Kindern gekauft hat, wissen die drei Väter nicht. "Wohl die Grosseltern oder die Gotte", vermutet der Bankangestellte. Sein Göttikind hat sich von ihm auf den Geburtstag das Spiel "Magic" gewünscht. Vermutlich werde er es in einem Fachgeschäft kaufen.

Spielbegeistert

Patricia Neugel öffnet in ihrem Wohnzimmer den Wandschrank: Er ist vollgestopft mit Schachtelspielen. Die Dreissigjährige ist eine begeisterte Spielerin. Einmal im Monat trifft sie sich mit Freunden und Kollegen zum gemeinsamen Spiel. "Zuerst wird gekocht und dann oft bis in die frühen Morgenstunden gespielt", erzählt sie. Ein Teil ihrer Spiele stamme noch aus ihrer Kindheit. "Meine Eltern haben mit mir und meinen Geschwistern fast jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Spiel gespielt. Manchmal gab es auch Streit. Meine kleine Schwester konnte nicht verlieren. Dann schmiss sie die Figuren auf den Boden und es gab Tränen." Tränen und Wutausbrüche kommen bei ihren heutigen Spielrunden nicht mehr vor. "Das Spielen finde ich eine wunderbare Art, mit Freunden einen Abend zu verbringen. Es macht Spass, und es bleibt auch Zeit, um miteinander über Gott und die Welt zu reden." Ihre Spiele kauft Patricia Neugel an den verschiedensten Orten: im Fachgeschäft oder im Warenhaus, aber auch in Brockenhäusern und auf Flohmärkten hat sie Spiele erstanden. Und wie viel Geld gibt sie für ihre Leidenschaft aus? "Vielleicht vier- bis fünfhundert Franken im Jahr. Dafür kaufe ich mir fast nie CDs. Mein Freund gibt für seine Musikleidenschaft bestimmt das Doppelte oder Dreifache aus."

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St.Gallen, Juli 2000


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