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Spielmesse 10. Internationale Spiel- und Spielwarenmesse St. Gallen 6. - 10. September 2000 |
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E-Commerce und neue Vermarktungskanäle nicht statt, sondern mit dem Fachhandel
Die Vermarktung von Spielwaren über das Internet (E-Commerce)
ist für die einen die Zukunft, für die anderen höchstens Ergänzung und
„Schaufenster“. Unsere Umfrage bei Herstellern, Importeuren, Grossisten und
Detaillisten zeigt: Der Fachhandel wird auch in Zukunft für viele Produkte der
Spielwarenbranche wichtigster Absatzkanal bleiben.
Ein
Traditionalist sei er nicht. Er pflege Kontakte über viele Grenzen und habe
sich mit Internet und E-Commerce-Lösungen eingehend vertraut gemacht, will
Peter Gygax vom Importeur Carletto in Wädenswil gleich zu Beginn klarstellen.
Natürlich sei das Internet ein Wachstumsmarkt. Natürlich müsse man dem
E-Commerce, also dem Handel über das Internet, Beachtung schenken. Doch könne
ein Hersteller nicht auf allen Hochzeiten tanzen. „Und“, so Gygax,
„rentable Shops im Internet sind wohl an einer Hand abzuzählen. Da werden
nicht selten Ressourcen und Gelder verpufft, mit denen man die ganze Branche
sanieren könnte“. Gygax weiss, wovon er spricht. Er kennt Unternehmen, „die
mehrere zehntausend Franken in solche Projekte investiert haben, um schliesslich
ein paar hundert Franken Umsatz pro Jahr daraus zu generieren“.
Am
Beispiel der legendären Steiff-Tiere illustriert Gygax seine Haltung. Suche ein
Sammler ein ganz bestimmtes Stück, so könne ein Kauf durchaus direkt über
eine Homepage (Internetseite des Herstellers) stattfinden. Plüschtiere seien
aber in der Regel Geschenke, seien wie viele andere Spielsachen emotional
besetzt. Um einen Ausstellungsraum, einen Stützpunkt vor Ort mit einem
stattlichen Sortiment komme darum nicht herum, wer erfolgreich solche Objekte
verkaufen wolle. „Und“, schliesst Gygax, „Viele Endkunden sind
orientierungslos, wollen beraten werden – und zwar persönlich“.
Ähnlich
sieht es Roland Gaukele vom „Eisenbahnkönig“ Märklin. Als
Kommunikationsmittel zwischen den Detaillisten und der Herstellerin, als eine
Art elektronischer Katalog, kann er sich das Internet vorstellen. Doch Systeme
wie jene von Märklin würden nicht einfach verkauft. Da entstünden Bindungen
über Jahrzehnte. Bei Märklin setzt man denn auch beim Marketing weniger auf
das Internet, sondern vielmehr auf die Kundenbindung im „Fan-“ oder im
„Insiderclub“, in Schulungen für Detaillisten, an Messen oder
Modellbahntreffen oder in der Fachpresse. Dass man deshalb das E-Commerce
unterschätzt, will er nicht gesagt haben: „Die Generation, die diese Kanäle
kennt und nutzen wird, wächst heran“.
Hart
ins Gericht mit E-Commerce-Lösungen geht Werner Wild, Mitinhaber und Geschäftsführer
des St.Galler Grossisten Bersinger. „Zum einen wollen wir nicht unsere eigenen
Partner, die Detaillisten, konkurrenzieren. Zum anderen wehren wir uns gegen
eine Kannibalisierung der Preise.“
Bei
Carlit+Ravensburger verfolgt man ein Projekt, das aber laut Geschäftsführer
Rolf Zindel „nicht unter den Nägeln brennt“. Namentlich die dichte
Besiedlung und das enge Netz an Grossverteilern und Detaillisten hierzulande dränge
nicht zur Eile.
Auch
Roger Kunz, Key-Accounter von Lego für die Schweiz, sieht das Internet
allenfalls als Schaufenster gegen aussen und als taugliches Kommunikationsmittel
gegen innen. Umsatz werde damit aber wenig generiert.
Begeistert
hingegen klingt es bei einem renommierten Detaillisten. Peter Rechsteiner ist
mit seinem Spielwarengeschäft in Romanshorn, dessen Spezialität
Modelleisenbahnen sind, seit einigen Jahren unter dem Namen toyshop.ch im Netz
der Netze präsent. „1,3 Millionen Zugriffe verzeichneten wir allein von
Anfang Oktober 1999 bis heute (August 2000)“. Doch vertrage der Schweizer
Markt vielleicht gerade vier bis fünf Händler, die auf diese Schiene setzten.
Rechsteiner
pflegt seine Homepage, führt gegen 500 E-Mail-Kontakte und ist sich sicher:
„Wir müssen mindestens alle zehn Tage etwas Neues bieten, damit die
‚elektronischen Kunden’ wiederkommen“. Mit zehn Prozent des Gesamtumsatzes
ist Rechsteiners Euphorie wohl begründet, wobei er Wert auf die Feststellung
legt, dass es sich hierbei um zehn zusätzliche Prozent handelt. Und: Ein
Discounter sei er nicht. Die Preise im Netz seien die Ladenpreise.
Beides
– E-Commerce und die konventionellen Kanäle – würden nebeneinander ihre
Existenzberechtigung haben, so die Einschätzung von Sony-Vertreter Zafer Devrim.
Genau so, wie es Leute gebe, die nie im Leben ein Paar Jeans aus dem
Versandkatalog bestellen würden, werde es stets eine überwiegende Kundschaft
geben, die sich über die Produkte vor Ort informiere. Die Präsenz von Konsolen
zum Ausprobieren in den Geschäften sei deshalb wichtig. Als Informations- und
vielleicht auch bald als (eine von mehreren) Verkaufsschienen beschäftigt man
sich beim Elektronikkonzern aber auch mit E-Commerce-Lösungen.
Bleibt
die Frage, welche der etablierten „Institutionen“ des Handels um ihre
Existenz fürchten müssen. Für Peter Gygax von Carletto hat der Grossist mit
einem sehr breiten, oft nicht sehr tiefen Sortiment heute mehr Mühe als früher:
„Der Konsument verlangt Kompetenz“. Importeure, die vielleicht gerade zehn
Prozent der Angebotsbreite bewirtschafteten, hätten hier Vorteile, könnten als
rechte Hand des Herstellers mit Schweizer Lager und in Kenntnis der hiesigen
Eigenheiten das Marketing des Produkts „übersetzen“.
Dass
es in Deutschland fast alle Grossisten inzwischen „verblasen“ habe, ist für
Werner Wild kein Grund zur Resignation. Kaum hätte er sich sonst am
Management-buy-out des traditionsreichen Grossisten Bersinger beteiligt, dessen
Geschicke er heute mitlenkt. Zum einen sieht Wild mit Seitenblick auf Kurzzeitphänomene
wie Pokémon „die Substanz dort, wo keine Sensationen passieren“. Zum
anderen hat sein Haus mit Risikofreude und Gespür für die Bedürfnisse der
kleinen und mittleren Detaillisten auch eine Nische mit extrem saisonalen
Artikeln gefunden: Weihnachts-, Fasnachts- oder Augustaccessoires
beispielsweise. Dass man bei Bersinger wisse, dass sich auch die seriöse
Betreuung des Souvenirkiosks auf der Bettmeralp lohne, bringe gute Noten bei der
Kundschaft ein. Liefersicherheit und Schnelligkeit sind Trümpfe von Bersinger.
Bei
Carlit+Ravensburger arbeitet man Hand in Hand mit dem Detaillisten, aber auch
mit den Grossverteilern wie Manor, Migros oder Coop, die punkto Know how und
Beratung ihr Image beim Spielwarenkonsumenten verbessern konnten. „Entfielen
auf den Fachhandel vor zehn Jahren noch gegen die Hälfte des Umsatzes, so sind
es heute noch rund ein Viertel“, weiss Geschäftsführer Rolf Zindel. Er sieht
im Detailhandel „gewisse Nachfolgeprobleme“, sieht aber für innovative,
risikobereite Detaillisten nach wie vor gute Marktchancen. Preislich seien sie
nur noch um Nuancen von den Grossverteilern entfernt.
Für
Markus Hamburger von Toy Partner, einer Dienstleistungsorganisation mit rund 120
Mitgliedern, haben Grossisten auch künftig gute Chancen, „wenn sie Trends
erkennen und umsetzen können“. Zudem hätten sie als Logistikanbieter gute
Aussichten, sich unentbehrlich zu machen. Die Detaillisten hätten erkannt, dass
sie punkto Werbung, Information, Beratung und zentraler Regulierung von einer
definierten Zusammenarbeit profitieren könnten. Das biete Toy Partner und könne
als Vertreter einer so stattlichen Fachgeschäftezahl zudem bessere Konditionen
aushandeln.
Entgegen
Zindel stellt Hamburger fest: „Über die letzten drei Jahre war der Fachhandel
der Gewinner, während die Grossverteiler eher etwas verloren“. Gute Chancen
sieht auch Peter Rechsteiner vom Romanshorner „Toy Shop“ für jene Fachgeschäfte,
die echte Beratung böten und sich mit Spass mit der Materie befassten.
Olma
Messen St.Gallen
Schweizer Spielmesse
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St.Gallen, Juli 2000
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