Schweizer Spielmesse
Internationale Spiel- und Spielwarenmesse St. Gallen

5. - 9. September 2001

         


Das Spiel lebt heute vom schnellen Zugang

Allein 400 Ludotheken und 30 Spieleclubs animieren zur sinnvollen Freizeitbeschäftigung

2001 ist ein guter Spielejahrgang. Sechs Jahre nach dem Phänomen „Die Siedler von Catan" haben sich die Verlage endlich dazu durchgerungen, bei der Produktion wieder weniger nach den Fanatikern zu schielen und sich mehr ans breite Publikum zu wenden.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre im Bereich der Brett- und Kartenspiele drohte in einer Sackgasse zu enden: Autoren und Verlage überboten sich gegenseitig im Anspruch, das möglichst komplexeste Spiel herauszubringen. Der „normale" Spieler stieg nicht mehr durch: Von Jahr zu Jahr wurde ihm ein Gros der Neuheiten zu kompliziert. „Die Bereitschaft, sich hinzusetzen und lange Spielregeln zu studieren, ist deutlich gesunken", beobachtet nicht nur Renate Fuchs, Präsidentin des Vereines der Schweizer Ludotheken.

Mit den Verlagsprogrammen 2001 ist eine Trendwende eingeläutet worden. Auch der Sprecher der Jury Spiel des Jahres, der Schweizer Synes Ernst, konstatiert: Gerade der neue Spielejahrgang zeichne sich „ganz allgemein durch eine hohe Qualität und eine Vielzahl von Spielen aus, die bei leichtem Einstieg ein gutes Spielerlebnis vermitteln. Diese neue ,Publikumsnähe’ ist erfreulich, da sie vermehrt wieder Menschen an das Gesellschaftsspiel heranführt, für die diese Freizeitbetätigung heute nicht mehr selbstverständlich ist."

„Carcassonne", das Spiel des Jahres 2001, ist der Archetyp des guten, alten Familienspiels, das jetzt wieder in Mode kommt. Die Regeln sind in wenigen Sätzen erklärt und trotz des einfachen Spielmechanismus verläuft keine Partie wie die vorige. „Carcassonne" ist ein Legespiel mit Kartonplättchen, die Teile einer Landschaft zeigen. Mit jedem Zug wächst die Region Carcassonne und das Geschick der Spieler besteht darin, auf den Plättchen ihre Figuren so zu platzieren, dass sie möglichst grosse Gebiete besetzen.

Einen ähnlich schnellen Einstieg erlaubt auch „Africa". Hier begeben sich die Spieler auf Entdeckungsreise über den schwarzen Kontinent. Man deckt auf der Landkarte der Reihe nach Chips auf, um hinter die Geheimnisse von Afrika zu kommen, Schätze zu sammeln oder Elefanten, Löwen usw. zu Herden zusammenzuführen. Fortuna spielt ihre Rolle, wie schon bei „Carcassonne", doch das stört den durchschnittlichen Spieler nicht. Glück und Zufall braucht man auch im wirklichen Leben – und Spiel ist und bleibt ein Abbild des Lebens.

Zu den Eigentümlichkeiten der Spielebranche gehört, dass ohne erkennbaren Anlass mehrere Verlage das gleiche Thema besetzen. Derzeit hat es den Verlagen die Lagunenstadt angetan. Das vielleicht beste aktuelle Venedig-Spiel ist „San Marco" mit einem interessanten Versteigerungselement: Nach dem Prinzip „Einer teilt den Kuchen in ungleiche Stücke, die anderen dürfen zurerst wählen" versuchen die Spieler die Vorherrschaft in den Stadtteilen von Venedig zu gewinnen. Spiele um Mehrheiten sind schon seit einigen Jahren stark präsent. Doch nicht immer sind sie ohne Abstriche bei Spielwitz und Anspruch auch so einfach und logisch gestrickt. Ein zweites Beispiel ist „Capitol": Hier werden die Spieler ins antike Rom zeitversetzt, um mit ungewöhnlich viel Holzsteinen Paläste zu errichten. Auf ganz andere Weise, nämlich mit Karten, versucht man sich bei „Wyatt Earp" den grössten Anteil am Kuchen zu sichern. Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als Variante von Canasta bzw. Rommée – doch die Umsetzung spricht nur für den Ideenreichtum der immer professioneller werdenden Spieleautoren. Das Gleiche gilt für die Adaptierung des „Catan"-Vorläufers „Die neuen Entdecker". Das ursprüngliche Spiel ist mit neuen Elementen ausgestattet worden und befriedigt die fortgeschrittenen Spieler in allen Punkten.

An der Schweizer Spielmesse in St.Gallen sind die Produkte aller namhaften Produzenten vertreten. Darüber hinaus kommt eine Vielzahl kleinerer Spieleverlage in die Schweizer Spielehauptstadt. Gerade dieses Nebeneinander und der Vergleich macht ja den besonderen Reiz der St.Galler Veranstaltung aus. An Ort und Stelle können die Besucher die Spiele ausprobieren. Das gilt für alle Altersstufen. Bei den Kindern und Jugendlichen stehen Spiele hoch im Kurs, die durch aktives Mitmachen das spielerische Kräftemessen erlauben und sie dabei nicht ruhig auf dem Sessel sitzen müssen. Fürs Kindi-Alter sei stellvertretend das bezaubernde Reaktionsspiel „Das grosse Hallo!" angeführt, für die schon etwas Älteren das Kinderspiel des Jahres „Klondike". Und nicht zu vergessen: Die brandaktuelle Schweizer Ausgabe von „Wer wird Millionär?" kann auch einem Gameboy für gewisse Zeit den Reiz abspenstig machen.

Ehrenamtlich dem Spiel verschrieben

Obwohl die Schweiz kaum mehr eigene Spieleproduzenten hat, weist sie im internationalen Vergleich eine sehr ausgeprägte Spielleidenschaft auf. Anders als etwa in Deutschland, wo sich die so genannten Freaks in mehr oder wenigen losen Gemeinschaften sowie bei Spielefesten tummeln, ist der spielerische Kern der Schweiz sehr stark vom generationsübergreifenden Spiel in der Familie geprägt. Motor der Bewegung sind die an die 4000 ehrenamtlichen Mitarbeiter in den knapp 400 Ludotheken. Ohne dieses Ehrenamt wäre die Schweiz „mit absoluter Sicherheit nicht so verspielt", sagt Verbandspräsidentin Renate Fuchs selbstbewusst: „Ich kenne niemanden, der so viel tut fürs Spiel, für so viel PR in den Medien sorgt und Aktivitäten setzt, wie unsere Ludotheken." Die Schweiz weist die weltweit höchste Dichte an Ausleihstellen für Spiele auf. Selbstverständlich sind die Ludotheken auch dieses Jahr wieder fixer Bestandteil der Schweizer Spielmesse in St.Gallen.

Die Ludotheken eignen sich mit als Gradmesser für den gesellschaftlichen Stellenwert, den das Spiel einnimmt. „Heute kommen auch die Väter mit ihren Kindern in eine Ludothek, das hat es vor 20 Jahren noch nicht gegeben", erinnert sich Fuchs und räumt gleich mit einem Vorurteil auf: „Das Spielen in der Familie ist nicht reine Frauensache, auch wenn trotz moderner Gesellschaftsformen die Frau immer noch diejenige ist, die eher um die Kinder herum ist." In der Ausleihe stünden zwar nur ganz wenige Männer, „aber im Hintergrund der Ludotheken arbeiten viele Männer mit, etwa bei den Reparaturen."

Schliesslich, und das ist ein Schweizer Spezifikum, sind zahlreiche Ludotheken auch örtlicher Generalanbieter von Spielzeug. Dort können auch Greifspielzeug für Kleinkinder, Grossspiele, spielpädagogisches Material und Roller aller Art ausgeliehen werden. „Der Trend geht hin zu Action und Bewegung", berichtet Fuchs: „Es darf keine Langeweile aufkommen! Ein Computerspiel, das wird als sehr aktiv angesehen, und daran werden heute Schachtelspiel und andere Spielformen gemessen."

Gute Computerspiele sind für die Schweizer Ludotheken kein Tabu mehr und werden forciert angeboten. Untereinander findet ein intensiver Erfahrungsaustausch statt, was geeignet ist, was nachgefragt wird und deshalb angeschafft werden sollte. Freilich ist das auch Reaktion: Das Computerspiel hat das Alter auf etwa 10 Jahre herabgesetzt, bis zu dem die Kinder noch selbst in die Ludothek kommen und nach einem traditionellen Spiel fragen. Weil zugleich die Geburtenrate sinkt, „werden wir uns damit abfinden müssen, dass die Ausleihzahlen nicht immer noch weiter steigen", macht sich die Vereinspräsidentin keine Illusionen.

Spielen überwindet Grenzen und soziale Konturen

Ein weiterer Animator für eine verspielte Schweiz sind die rund 30 Spieleclubs. „Die beste Werbung für das Spiel ist, wenn die Mitglieder neue Leute an einen der Spieleabende mitnehmen", weiss der Wiler Heiri Grob. Er ist mit seiner Informationsstelle Schweizer Spieleclubs das Bindeglied zwischen Lausanne und St.Gallen. Gespielt wird in den Clubs alles, vom einfachen Karten- oder Legespiel bis hin zu komplexen Strategie- und Simulationsspielen. Wobei sich doch die Hälfte den abendfüllenden Spielen widmet, schätzt Grob, die eine gehörige Portion Erfahrung und engagierte Partner voraussetzen. So überrascht es nicht, dass sich vornehmlich Erwachsene in den regelmässigen Treffs finden. Während der Club in seinem Schrank die Grundversorgung mit bewährten Spielen sicherstellt, bringen die Mitglieder die Neuheiten zum Ausprobieren mit. Gegen einen Mitgliedsbeitrag, der je nach Club von 20 bis ca. 40 Franken pro Jahr reicht, kann dann nach Herzenslust der Leidenschaft gefrönt werden.

Einmal im Jahr ist eine Pension in Wildhaus Schauplatz eines gemeinsamen Spielwochenendes, wo sich der „harte Kern" aus den verschiedenen Clubs mit Gleichgesinnten aus Süddeutschland trifft. Spielen ist grenzüberschreitend.

Spielen durchbricht auch soziale Konturen. „Es geht quer durch, vom Handwerker über den Koch und Büroangestellten", schildert Grob die Professionen seiner Mitspieler. Selbst den sprichwörtlichen Strassenputzer findet man in den Reihen der Spieleclubs. „Am Brettspiel fasziniert", sinniert Grob, „dass man den Menschen kennenlernt. Man findet übers Spiel in einer geselligen Runde neue Freunde und pflegt den Meinungsaustausch." Zwischen zwei Spielen einfach dazusitzen und über Gott und die Welt zu reden, auch das gehöre zur Kultur der Spieleclubs.


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