| Schweizer
Spielmesse 14. Internationale Messe für Spiele und Spielwaren St. Gallen, 19. - 21. November 2004 |
Zug um Zug Spielspass pur
Text von Christof Lampart, freischaffender Journalist BR, Spielekritiker seit 1994, Mitglied Spieleclub Wil und Co-Präsident Wiler Spielfest
Was gibt es schöneres, als an einem stürmischen und verregneten Herbsttag ein Spiel auf dem Wohnzimmertisch auszubreiten und gemeinsam mit Freunden und Familie in die magische Welt zauberhafter Spielideen einzutauchen? Mal Prinzessin, mal Ritter, dann wieder ein Börsenspekulant, Ausbrecher, eine Pizzabäckerin oder ein Zugführer sein? Der Möglichkeiten gibt es viele, den Alltag spielerisch zu meistern – im wahrsten Sinne des Wortes.
Gehaltvolles für Zwischendurch
Spiele für viele sind meistens kurz erklärt, schnell verstanden und gespielt. Also bestens geeignet, um einen Spieleabend einzuläuten, wenn man vielleicht noch auf Kollegen wartet, oder auch abzuschliessen, wenn es nicht mehr allzu lange dauern sollte. Ligretto und Bluff sind zwei typische Vertreter dieser Kategorie.
Auch beim diesjährigen Schweizer Spielepreis, der im Rahmen der Schweizer Spielmesse in St.Gallen vergeben wird, schafften es lustige, aber nichtsdestotrotz gehaltvolle Spiele für Zwischendurch ins Spiele-Verzeichnis: Brettspiele wie Yellowstone Park (Amigo) oder Einfach genial! (Kosmos). Bei ersterem gilt es Tierkarten in einem neun Mal neun Felder grossen Raster aus der Hand so geschickt zu legen, dass andere ausserhalb dieses Feldes anlegen und somit Minuspunkte einsacken müssen. Da sich das Raster stets verschiebt, kann nur bedingt in die eigene Kartenhand vertraut werden. Kein Spiel für Leute mit schwachen Nerven, zumal der Glücksfaktor nicht unerheblich ist. Einfach genial! ist im Prinzip ein einfaches Spiel – und doch verzwickt. Ziel ist es, durch Anlegen von Spielsteinen mit Farbsymbolen an übereinstimmende Farbsymbole Punkte zu erzielen. Je mehr Spielsteine mit übereinstimmenden Farbsymbolen schon nebeneinander liegen, desto mehr Punkte gibt es. Am Ende gewinnt der Spieler mit dem höchsten Punktestand. Allerdings werden von jedem Spieler nur die am wenigsten gesammelte Farbe gewertet! Wer also von den Wenigsten am meisten hat, siegt. Dieses Wertungsprinzip hat Spieleautor Reiner Knizia schon bei so guten und bekannten Spielen wie Euphrat & Tigris (Hans im Glück) und Samurai (Hans im Glück) erfolgreich angewandt. Beide Spiele verfügen noch Jahre nach ihrem Erscheinen über eine treue Fangemeinde.
Spielspass mit Spieltiefe
Die Grenze zwischen Familien- und Erwachsenenspielen zu ziehen, fällt immer schwerer, verläuft sie doch oft fliessend. Meistens können Familien mit Kindern im Mittelstufenalter schon problemlos zu einem sogenannten Freakspiel greifen. Zu Spielen also, die eher strategischer, denn taktischer Natur sind und meistens etwas länger dauern. Man muss sich einfach nur Zeit genug nehmen, um den ludophilen Nachwuchs nicht nur in die Regeln, sondern auch in die Finessen des Spiels einzuführen. In diese Kategorie fällt ganz sicherlich Attika (Hans im Glück). Das Spielziel ist einfach – und doch schwer zu erreichen, denn alle haben klar das Selbe vor und der Platz ist beschränkt. Es gilt, sein Startfeld durch Plättchen mit dem Zielfeld zu verbinden. Da der Platz knapp ist und jedes Feld nur einmal belegt werden kann, kommt es darauf an, den berühmten „Tick" schneller zu sein als der Nachbar. Und sollte es einmal nicht reichen, muss halt noch eine Revanche her. Ein Spiel mit Suchtcharakter! San Juan (Alea) heisst die gelungene Kartenspielversion des letztjährigen Bestsellers und Gewinners des Schweizer Spielepreises 2002 (Kategorie Strategiespiele) Puerto Rico. Hier gilt es siegpunktträchtige Gebäude auszuspielen, wobei die Baukosten mit den Handkarten bezahlt werden, die man eigentlich lieber bauen würde... Immer steckt man hier in der Zwickmühle, mindestens drei, vier Sachen tun zu wollen, doch da im Normalfall nur eine Aktion möglich ist, ist rasches und sicheres Abwägen gefragt.
Grosse Schachtel, grosser Inhalt – diese Gleichung trifft auf Anno 1503 (Kosmos) zu. Die Entdeckungen neuer Inselwelten, Kolonien und Rohstoffen ist, was die Spieltiefe, die fein ineinander verzahnten Spielmechanismen betrifft, von epischer Breite und dürfte auch nach mehrmaligem Spielen immer wieder aus dem Spielregal hervorgeholt werden. Hier ist Erfolgsautor Klaus Teuber (Die Siedler von Catan, Kosmos) wieder ein grosser Wurf gelungen.
Allerlei für alle
Vor allem Buben zwischen 10 und 14 dürften sich für Die Rückkehr der Helden (Pegasus Spiele) begeistern. Helden werden ausgesandt, um Abenteuer zu bestehen, wobei diese in Etappen absolviert werden, welche stets schwerer werden. Zu guter Letzt wird dann noch dem Oberschurken im Schwarzen Turm zu Leibe gerückt, was angesichts dessen Stärke oftmals ein mühseliges Ansinnen ist, das mehrere Anläufe benötigt. Buben und Erwachsene, die sich mit Helden, Rittern und dem Fantasy-Genre generell leicht tun, haben hier ein Spiel für viele vergnügliche Stunden, bei dem sich im Verlaufe eines Spielabends der nicht geringe Glücksfaktor zumeist ausgleicht.
Schippern und der kluge Verkauf von Waren entlang der Hafenstädte der Ost- und Nordsee, dies ist der Inhalt des typischen Zug-Spiels Hanse (Abacus). Hier gilt es, möglichst kostengünstig die Städte anzufahren, so dass noch genügend Bewegungspunkte übrig bleiben, um einzukaufen oder zu handeln. Ein Spiel, das vor allem Krämernaturen – aber beileibe nicht nur solche – begeistern dürfte. Und schliesslich ist da noch Zug um Zug (Days of Wonder). Der ambitionierte Pariser Kleinverlag hat mit diesem Spiel den Durchbruch geschafft. Durch das Ausspielen von gleichfarbigen Karten besetzen die Spieler gemäss anfangs gezogenen Aufträgen Zugstrecken. Die Spieler erhalten Siegpunkte sowohl für die einzelnen gelegten Strecken als auch für die Erfüllung der Aufträge. Wer jedoch seine Aufträge nicht erfüllen kann, weil ihm jemand beim Streckenbau reingepfuscht hat, der kassiert die ursprünglich als Siegpunkte eingeplanten Zähler auch – allerdings als Minuspunkte. Das Spiel geht flott von statten, lebt vom Reiz des bewussten Verhinderns und des ein wenig Um-die-Ecke-Bauen. Denn wer zu früh verrät, welche Strecke er benötigt, verbaut sich mit Sicherheit den Weg. Dafür werden schon die „lieben" Mitspieler sorgen...
31. Oktober 2004
- Christof Lampart© 1998-2004 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Ilgenweg 8, CH-8370 Sirnach. Update: 05.11.2006 - www.toy-net.ch