Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Spiele fürs Büchergestell von gepflegten intellektuellen Nichtspielern

tom. Bekanntlich gibt es Leute, die zum Prahlen grosse Gestelle mit Hunderten von Büchern füllen, aber gar nicht lesen können. Im Bereich der Spiele war dieses Phänomen bisher eher unbekannt, einerseits weil Spiele doch eher Gebrauchsgüter sind, an denen man sich auf sehr praktische Weise erfreut, andererseits gelten Spiele leider in gewissen Kreisen noch immer nicht als besonders schick. Mit der Ausnahme von Schach werden sie fast nie ausgestellt und vielfach nur im Kinderzimmer geduldet.

Nun bringen die Spielverlage aber immer mehr Spiele heraus, die Themen wie «Kunst» oder «Philosophie» behandeln, von der Ausstattung her sehr schön anzusehen sind und sich in ihrem Design auch in jedem Büchergestell ausgesprochen gut präsentieren. Der Verdacht liegt nahe, dass sie an Leute verkauft werden sollen, die nicht direkt am Spiel, sondern eher an einem gewissen Thema, an einem Buch oder einem Design interessiert sind. Spiele wie das «Prestel-Kunstspiel» oder «Sofies Welt», dessen Erstauflage sofort nach Erscheinen vergriffen war, werden neu auch über den Buchhandel vertrieben. Und plötzlich schaffen es dann solche Spiele sogar, wie im Fall des «Prestel-Kunstspiels», im Feuilleton-Teil der NZZ besprochen zu werden (NZZ 9. 2. 99).

Aber machen diese schönen Spiele auch Spass? Wenigstens im Fall des «Kunstspiels», auf das hier nur noch kurz eingegangen werden soll, kann man getrost mit «ja» antworten; allerdings mit der Einschränkung, dass Leute mit Freude an sogenannten Party-Spielen am Tisch sitzen müssen und Kunstinteressierte doch eher enttäuscht sein werden. Das Kunstelement spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Ein paar Wissensfragen zum Thema dürfen beantwortet werden. Sonst überwiegt ein Mix von bereits bekannten Spielelementen aus Spielen wie «Activity», «Nobody is perfect», «Pictionary» oder «Trivial Pursuit», die von Bertram Kaes lediglich neu zusammengeschustert worden sind. Man muss Fragen beantworten, Begriffe zeichnen, Begriffe umschreiben und ein bisschen «Black Jack» spielen. Eindrücklich ist die Ausstattung mit 100 Bildkarten von Meisterwerken bekannter Künstler.

«Sofies Welt» ist das Spiel zum gleichnamigen Kultbuch von Jostein Gaarder. Der geneigte Philosophie-Freund würfelt eine Figur über verschlungene Pfade, landet damit auf Spielfeldern und muss Multiple-choice-Fragen wie «Wer war der König der Riesen in der nordischen Mythologie?» beantworten. Das sprüht derart von Spielreiz, dass in unseren Runden jeweils spätestens nach einer Viertelstunde gähnender Langeweile der Deckel wieder auf der Schachtel war. Nicht nur sind viele Fragen aus den sechs Bereichen «Mythologie», «Hellas & Rom», «Mittelalter», «Renaissance», «Barock», «Aufklärung» und «19. & 20. Jahrhundert» für Normalbürger viel zu schwer, vollkommen unspielbar wird es, wenn die Spieler zu philosophischen Fragen wie «Existiert Gott?» oder «Wenn man einen Raum verlässt, wie kann man sicher sein, dass er anschliessend noch da ist?» Stellung nehmen müssen. Ihre Antworten sollen von den Mitkonkurrenten mit Punkten bewertet werden, was von der Anlage her schon gar nie fair ablaufen kann. Deshalb ist «Sofies Welt» gar kein Spiel, sondern eher eine Anregung für einen Diskussionsabend unter Intellektuellen. Ehrlich, ich hatte es mir wirklich zur Herausforderung gemacht, Spieler zu finden, die freiwillig zu Ende spielten, doch selbst Historiker und Altphilologen waren nicht dazu zu bewegen. Nach mehr als einem Dutzend Anläufen habe ich es wenigstens geschafft, eine Runde zu finden, die das Spiel zu Ende spielte, weil es für diesen Artikel als notwendig erachtet wurde. Fazit: «Sofies Welt» ist kein Spiel, sondern ein Gimmick für Leute, die das Buch liebten, sich noch immer vor Sehnsucht danach verzehren und diese Sehnsucht mit etwas Gegenständlichem auf ihrem Lesetischchen stillen möchten.

«Ido», auf der Packung mit dem Slogan «Die Kunst des Spielens» versehen, ist ein Taktikspiel, das ganz im Design eines Mondrians gehalten ist – zweifellos wunderschön anzuschauen. Auf das Spielbrett wird ein beweglicher Rahmen gesetzt, in dem leuchtend farbige Plastic-Spielsteine umhergeschoben werden müssen. Dadurch ergeben sich immer wieder neue Strukturen von Rechtecken, L-förmigen Feldern und Quadraten. Mit Schieben des Rahmens und Ziehen der Spielsteine über die Felder wird versucht, als erster vier seiner sechs Steine auf die gegenüberliegende Seite zu bringen. Das kann man volltaktisch zu zweit oder doch sehr zufallsbetont zu dritt oder zu viert in Angriff nehmen. Von meinen Mitspielern wurde zwar kaum negative Kritik am Spiel geäussert; «sehr schön» und «vermutlich taktisch recht anspruchsvoll», lauteten die Urteile. Trotzdem hat es niemanden gepackt, es ein zweites Mal zu spielen. «Ido» ist somit ein typisches Spiel aus der Kategorie: «Schön und nett, aber da fällt mir ein, eigentlich habe ich was Besseres zu tun.»

«Das Prestel-Kunstspiel», Quizspiel von Bertram Kaes für 3–7 Spieler ab 12 Jahren, Verlag Prestel, Spieldauer: 60 bis 120 Minuten je nach Verlauf, Fr. 79.–.
«Sofies Welt», Quizspiel von Ken Howard und Robert Hyde für 2–6 Spieler ab 16 Jahren, Verlag Kosmos, Spieldauer: 60 bis 120 Minuten oder noch länger, Fr. 69.–.
«Ido», Denkspiel von Bernhard Weber für 2–4 Spieler ab 12 Jahren, Verlag Goldsieber, Spieldauer: 30 bis 60 Minuten, Fr. 69.–.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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