Erschienen in der Zürichsee-Zeitung
Der Bluff mit der Geschichte
Wann war das grosse Erdbeben in Basel, das 300 Menschenleben forderte? Keine Angst, so
genau müssen Sie das in «Anno Domini» nicht wissen. Ob allerdings zu der Zeit die
Italiener schon Spaghetti mit Tomatensauce assen - diese Kenntnis könnte nützlich sein.
Es geht nämlich darum, historische Ereignisse, die auf Kärtchen gedruckt sind, in die
richtige Reihenfolge zu bringen.
Das tönt trockener, als es ist. Denn in der immer länger werdenden Ereigniskette tummeln
sich bald der erste nachgewiesene Biergenuss der Menschheit vor dem ersten Fitnesscenter
für Hunde, Martina Hingis nach dem Zürcher Captain Henry Wirz, der in Amerika als
Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Neun solcher Kärtchen erhalten alle Mitspieler am
Anfang, der Reihe nach können sie eines in die gemeinsame Kette einfügen, und wer zuerst
alle gelegt hat, ist Sieger.
Wer jedoch an der Reihe ist und denkt, dass sich in der Kette ein Fehler befindet, kann
zweifeln: Er dreht alle liegenden Kärtchen um, und auf deren Rückseite kommen
Jahreszahlen zum Vorschein. Stimmt die Chronologie, muss der Zweifler zwei Kärtchen vom
Stapel nehmen, andernfalls erhält der Spieler vor ihm deren drei. Es lohnt sich also, die
Reihe genau anzuschauen, bevor man eine Karte legt: Zweifelt man selber nicht, tut es
vielleicht der folgende Spieler, und wenn die Reihe einen Makel hat, hängt man - auch
wenn man den Fehler nicht selber produziert hat. Nach dem Aufdecken wird mit einer neuen
Kette begonnen.
Es ist unmöglich, die Daten aller Ereignisse zu wissen, und darum ist häufig gesunder
Menschenverstand gefragt. Wenn auch der nicht mehr weiterhilft, dann gibt es nur eines:
selbstsicher eine Karte legen, von der man keine Ahnung hat, wo sie hingehört. Denn
Bluffen ist in «Anno Domini» mindestens so wichtig wie Wissen.
Die verschiedenen Ereignisse bieten immer wieder Anlass für Gespräche und Erinnerungen -
man staunt auch, wer was weiss, und was nicht! Darum ist es auch nicht so schlimm, dass
das Spielgeschehen nur derjenige direkt beeinflussen kann, der am Zug ist. Auch bei acht
oder neun Spielern wird es selten langweilig. Es empfiehlt sich aber, nach jeder Runde die
Spielrichtung zu wechseln: Ein überkritischer Nachbar kann einem mit seiner Zweiflerei
gehörig die Suppe versalzen - solange er recht hat.
Die einfachen Regeln haben nicht nur den Vorteil, dass «Anno Domini» in zwei Minuten
erklärt ist, sie regen auch dazu an, eigene Varianten zu erfinden - etwa dass man, statt
eine Karte selber zu legen, sie dem Nachbar gibt, der sie dann legen muss. Oder eine
Sich-gegenseitig-kennenlernen-Version, in der jeder Spieler eigene Karten schreibt.
Der grösste Nachteil an «Anno Domini» ist zweifellos der Wiedererkennungseffekt: Sobald
alle Karten gespielt sind - und das ist nach vier bis fünf Partien der Fall - ändert
sich der Charakter des Spiels: Nun geht es darum, wer das bessere Gedächtnis hat. Dies
kann durchaus reizvoll sein, wird aber problematisch, wenn erfahrene Spieler mit Neulingen
spielen. Der Berner Verlag Fata Morgana hat dieser Gefahr entgegengewirkt, indem er gleich
fünf verschiedene Serien von «Anno Domini» anbietet. Sie umfassen je 336 Karten und
tragen die Titel «Kirche & Staat», «Lifestyle», «Natur», «Schweiz» sowie «Sex
& Crime». Am reizvollsten ist der Mix aus verschiedenen Serien - immer noch weit
günstiger als ein Kinoeintritt für alle Mitspieler. Weitere Serien sind geplant - im
Herbst sollen «Erfindungen» und «Frauen» folgen.
«Anno Domini» von Urs Hostettler, für 2 bis 10 Personen ab 10 Jahren, Spieldauer etwa 60 bis 90 Minuten, Preis rund 19 Franken pro Serie. Verlagsadresse: Fata Morgana, Güterstrasse 32, 3008 Bern.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Egg im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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