Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Bamboleo» und «Kippit»: Wacklige Balanceakte mit der Schwerkraft
tom.
Nein, wenn es in meiner Wohnung rumpelt und kracht, dann ist nicht ein
Einbrecher am Werk, der die Möbel zerlegt, sondern es wird «Bamboleo»
gespielt. Jedesmal, wenn dabei die Entscheidung über Sieg oder Niederlage fällt,
weil ein Spieler nicht «die richtige Mischung aus Schwerkraft und Leichtsinn»
gefunden hat, wie es in einem Werbetext heisst, fallen Holzteile scheppernd zu
Boden. Klug ist, wer seine Tischplatte und seinen Boden vorher mit Polstern
abdeckt.
Eine schwankende Scheibe, die auf einem Korkball ruht, ist die Grundlage dieses
originellen Spiels mit der Schwerkraft. Auf die Platte werden rund 30
unterschiedlich geformte Holzklötzchen mit unterschiedlichem Gewicht gestellt,
die je nach Lust und Laune auch zu Türmchen gestapelt werden können. Die
Platte wird danach auf einem Sockel mit dem Korkball ausbalanciert, so dass ein
latentes Gleichgewicht entsteht. Keine Angst, diese Prozedur ist in der Praxis
wesentlich einfacher zu bewerkstelligen, als es sich anhört. Wer an der Reihe
ist, darf dann versuchen, ein Holzteil von der unheimlich schwankenden Platte zu
nehmen, und es behalten, wenn's klappt. Fliessend sind die Grenzen zwischen
Wagemut und Leichtsinn. Wem im Verlauf des Spiels ein Zug zu gefährlich
erscheint, der darf passen, muss dann aber dem nächsten Spieler eines seiner
bereits gesammelten Holzteile überlassen. Fallen Teile von der Platte oder stürzt
die ganze Welt zusammen, ist die Partie zu Ende. Wer die Platte zum Abstürzen
gebracht hat, muss vier Teile abgeben. Für die gesammelten Klötzchen gibt's
Punkte. Man kann auch eine Variante spielen, bei der die errungenen Klötzchen
am Schluss mit einer Küchenwaage gewogen werden und der Sieger nach deren
Gesamtgewicht bestimmt wird. Schwerere Teile sind viel schwerer zu entfernen als
leichtere.
«Bamboleo» ist nicht nur ein flottes Spiel, sondern hat auch den Reiz eines
Kunstobjekts, das man immer wieder anders aufstellen kann. Es stammt aus dem
1987 von Klaus Zoch und Albrecht Werstein gegründeten Zoch-Verlag, der sich auf
das Herstellen von qualitativ hochwertigen Holzspielen spezialisiert hat.
Bereits das erste Spiel namens «Bausack» sorgte 1987 für Aufsehen in der
Spielszene. Es handelt sich dabei tatsächlich um einen Sack mit 70
unterschiedlichen Holzteilen in verschiedenen Grössen, mit denen Bau- und
Versteigerungsspiele gespielt werden können. Bekannt wurde der Verlag jüngst
durch das erfolgreiche Kinderspiel «Zicke Zacke Hühnerkacke», von dem im Frühling
die Erweiterung «Zicke Zacke Entenkacke» erscheinen wird.
Das Newtonsche Gesetz ist auch Grundlage des Spiels «Kippit» von Torsten
Marold. Hier handelt es sich im Gegensatz zu «Bamboleo», das sich
ausgezeichnet in grossen Gruppen spielen lässt, um ein Duell zwischen exakt
zwei Kontrahenten. Zwar sieht «Kippit», bei dem bunte Würfelchen auf eine
Wippe gesetzt werden müssen, wie Kinderspielzeug aus. Wer sich aber hinsetzt
und einen Versuch wagt, wird schnell vom simplen, aber trickreichen Spielsystem
gepackt und hat Mühe aufzuhören. Jeder Spieler erhält zu Beginn gleich viele
Würfel unterschiedlicher Grössen. Wer an der Reihe ist, darf so viele Würfel
wie möglich auf die erhöhte Seite der Wippe legen. Kippt diese auf die andere
Seite, endet der Zug. Dabei fallen meistens Würfel von der Wippe. Die Klötzchen
muss der Gegenspieler zu seinem Vorrat nehmen. Fallen allerdings Würfel von der
Wippe, ohne dass diese kippt, bekommt der Setzende die Würfel selber. Wer
seinen letzten Würfel auf der Wippe placieren kann, gewinnt.
«Kippit» ist schnell gespielt und witzig. Die Würfel möglichst schön und
symmetrisch (wie auf dem Bild) zu placieren, erweist sich allerdings bald als
komplett falsche Taktik. Das Gegenteil ist gefragt: je instabiler die Klötzchen
liegen, desto mehr von ihnen fallen bei der Kippbewegung hinunter und werden dem
Gegner untergejubelt. Allzuviel Instabilität ist jedoch ungesund. Macht sich
ein Würfel aus Unachtsamkeit während des Setzens selbständig, verliert man
praktisch einen Zug, was angesichts von plötzlich zitternden schweissigen Händen
schwer wieder aufzuholen ist. «Kippit» ist ein einfaches, aber pfiffiges
Spielchen. Nur wer clever setzt, kann gewinnen. Nicht selten kommt es vor, dass
sogenannte «Nichtspieler», die als Zuschauer zunächst kopfschüttelnd die
Akteure belächeln, einmal zum Mitmachen überredet, ihre Finger selber nicht
mehr von den bunten Klötzchen lassen können.
«Bamboleo», Geschicklichkeitsspiel von Jacques Zeimet für 2 bis 7 (oder auch mehr) Personen ab 6 Jahren, Verlag: Zoch. Spieldauer: 10 bis 30 Minuten, Preis: Fr. 89.–. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstr. 31a, 8820 Wädenswil.
«Kippit», Geschicklichkeitsspiel von Torsten Marold für 2 Spieler ab 5 Jahren, Verlag: Franjos. Spieldauer: 15 Minuten, Preis: Fr. 30.–. Vertrieb in der Schweiz: Fata Morgana, Güterstrasse 32, 3008 Bern.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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