Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

"Basari": Feilschen, Bluffen und die Absichten der Gegner voraussehen

tom. Es sei gleich vorweggenommen: bei uns vergeht seit einem halben Jahr praktisch kein Spielabend mehr, ohne dass «Basari» auf den Tisch kommt. Wer ein lustiges, etwa einstündiges Spiel mit einfachen Regeln und überraschenden Wendungen sucht, der sollte weiterlesen. Leider muss man die Aufmachung von «Basari» aber als seltsame Schandtat im Abkupfern bezeichnen. Es ist unglaublich, wie stark sowohl der Titel als auch das Schachtelbild an die Ausgabe von Schmidt- Spiele des Sid-Sackson-Klassikers «Bazaar» erinnern. Auf der Spielschachtel feilschen bärtige Beduinen auf einem orientalischen Basar um Perlenketten. Etwas mehr äusserliche Abgrenzung hätte gut getan. Vom Spielmechanismus her haben die beiden Spiele nämlich überhaupt nichts miteinander zu tun, obwohl in beiden Spielen mit Edelsteinen gehandelt wird.

Den äusseren Rahmen bildet ein Säulengang mit 30 Feldern, durch den sich die Spieler als orientalische Händler würfeln müssen. Bis zum Spielende werden drei Runden absolviert. Immer, wenn einem Spieler eine komplette Umrundung gelungen ist, gibt es eine Punktewertung, also dreimal pro Spiel. Wer dann jeweils die Mehrheit einer Edelsteinfarbe besitzt, erhält Punkte. Alle Spieler, denen die Umrundung gelungen ist, werden zusätzlich mit Punkten belohnt. Vier unterschiedlich farbige und wertvolle Edelstein-Sorten gibt es zu erwerben. Edelsteine, aber auch zusätzliche Punkte werden auf jedem der 30 Felder unter den Säulenbogen angeboten.

Hat jeder Beduine gewürfelt und seine Figur auf ein Feld gezogen, sind alle gleichzeitig am Zug. Jeder hat immer drei Möglichkeiten. Er kann entweder versuchen, die an seinem Standort angebotenen Edelsteine zu nehmen, die angebotenen Punkte auf sein Konto verbuchen zu lassen oder nochmals zu würfeln, damit die eigene Spielfigur die Runde schneller beendet. Ihre Entscheidung müssen die Spieler verdeckt mit Aktionskärtchen angeben, die gleichzeitig umgedreht werden (der gleiche Mechanismus wie bei «6 nimmt» oder «Löwenherz»). Nur wer sich als einziger für eine Aktion entschieden hat, darf diese ausführen. Wollten zwei Spieler dieselbe Aktion, müssen sie durch gegenseitiges Überbieten mit Edelsteinen um das Recht feilschen, die Aktion auszuführen. Haben drei oder vier Spieler dieselbe Aktion gewählt, verfällt sie ganz.

Die Spieler kommen sich also gegenseitig dauernd in die Quere. Es gilt immer zu bedenken, wie stark allfällige Entscheidungen der Mit- Beduinen das eigene Spiel verpfuschen können. Alle zur Entscheidungsfindung nötigen Informationen wie die Angebote auf den Feldern, die Punktekonti und Edelsteinlager liegen dabei offen, was die Angelegenheit um so heikler macht und zu hochkomplizierten Denkprozessen nach folgendem Schema führt: «Ich glaube, dass Ali denkt, dass ich denke, dass für mich der beste Zug wäre, zwei rote Edelsteine und noch einen blauen zu nehmen. Da Ali ebenfalls Edelsteine will oder mir meine Absicht am liebsten durchkreuzt, versuche ich jedoch lieber, mit der Figur zusätzliche Felder zu fahren. Weil aber womöglich Mustafa denkt, dass ich so denke, ist die Gefahr einer Patt- Situation gross. Damit wir uns nicht alle gegenseitig ausbremsen, sollte ich es eventuell lieber mit Würfeln versuchen. Oder doch nicht? Ach was, ich ziehe einfach blind ein Kärtchen.» Mit gezieltem dummem Geschwätz versucht ein jeder dabei noch, den anderen in die Irre zu führen. Wer glaubt, ein Menschenkenner zu sein, wird sich im Element fühlen – und enttäuscht werden.

Beim Aufdecken der Kärtchen entladen sich dann Feuerwerke an Gefühlen, ein Gemisch aus Konsternation, Staunen, Verblüffung und Schadenfreude bildet das gängige Menu. Mit einem vermeintlich schlauen Zug befördert man sich ab und zu selber ins Abseits. Trotz bester Menschenkenntnis ist der Glücksfaktor natürlich erheblich. Falls es zur Verhandlung kommt, kann man aber mit Bluffen und cleverem Taktieren noch einiges herausholen. Dazu benötigt man allerdings einen angemessenen Edelsteinvorrat, um nicht in Zugzwang zu geraten. Handelt jedoch ein Gegner einen einzigen Edelstein von der falschen Sorte zu viel, verliert man leicht eine sicher geglaubte Mehrheit wieder. Reizvoll an «Basari» ist das Zusammenspiel unterschiedlichster Elemente und Spielstrategien, die zum Sieg führen können.

«Basari» gehörte mit zu den Favoriten auf den Preis «Spiel des Jahres». Im Vergleich zum Sieger «Elfenland» bietet es wesentlich mehr Interaktion und Kommunikationselemente. Es ist ein klassisches Vier-Personen-Spiel, funktioniert zwar auch zu dritt, die Besonderheiten des Spiels kommen dabei aber nur begrenzt zum tragen. Im Bereich des Spielmaterials gibt es leider einen Wermutstropfen. Zwar sind Spielplan, Holzfiguren und Perlen sehr spielgerecht gestaltet, die Aktionskärtchen aus Karton nützten sich bei uns jedoch nach wenigen Partien ausserordentlich stark ab und sehen mittlerweile ziemlich abgegriffen aus. Das hat den Nachteil, dass sie auf Grund der Rückseite von den Gegnern unterschieden werden können, was dazu führt, dass ein geregelter Spielablauf nur noch möglich ist, wenn die Kärtchen verdeckt in der Hand behalten werden.

«Basari» von Reinhard Staupe, Wirtschaftsspiel für 3 bis 4 Spieler ab 10 Jahren. Verlag F. X. Schmid (Ravensburger), Spieldauer 45 bis 60 Minuten. Preis etwa 48 Franken.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


© 1998 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Leimatstrasse 32, CH-9000 St. Gallen. Update: 08.03.1999