Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Erfolgreiche TV-Sendungen als Brettspiele: Wer wird Vollidiot 2000?

tom. Erfolgreiche Fernsehsendungen wollen mit Merchandising-Produkten vermarktet sein. Als Opfer muss immer mal wieder das Spiel herhalten. Brettspiel-Umsetzungen gab es nicht nur von «Dallas», «Wetten, dass. . .?» oder «Herzblatt». Das Phänomen ist recht merkwürdig, denn Menschen, die viel fernsehen, geht die Fähigkeit zum Spielen meistens ab, und Leute, die gerne spielen, sitzen selten vor dem Fernseher. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang die breite Akzeptanz, welche Fernsehzuschauer in der Öffentlichkeit geniessen, während Brett- und Kartenspieler noch immer damit rechnen müssen, als ewige Kinder belächelt zu werden.
Weil die Hoffnung auf das schnelle Geld oft der einzige Lancierungszweck von Brett- und Kartenspielen mit Fernsehthemen ist, verfügen die Produkte normalerweise über wenig Substanz und verschwinden mit der Absetzung der jeweiligen Sendung schnell wieder vom Markt. Leider erhalten Leute, die nur solche Spiele kaufen, einen falschen Eindruck vom Qualitätsstandard im Brettspiel-Bereich und getrauen sich dann nicht mehr, ein wirklich gutes Spiel zu kaufen. Festgehalten werden muss hier allerdings auch, dass das Spiel des Jahres 1999, «Tikal», wegen seines Fernsehaufklebers mit Verweis auf die Sendung «Megaherz» leider zu Unrecht in den Verdacht gerät, ein seichtes TV-Spielchen zu sein. Bei «Tikal» wurde der umgekehrte Weg beschritten und das Fernsehen als Werbeplattform für ein bereits bestehendes, hochkarätiges Spiel benutzt.
Wenn nun eigenartige Leute wochenlang vor der Fernsehkamera in einem Container Schwachsinn reden oder im Monsunregen auf einer Insel herumstolpern, um TV-Produktionsgesellschaften reich zu machen, verwundert es natürlich nicht, dass Brettspiel-Umsetzungen nicht lange auf sich warten lassen. «Expedition Robinson» wurde zwar erst in einer norwegischen Ausgabe in einem Osloer Spielwarenladen gesichtet, «Big Brother, das Spiel» ist jedoch bereits seit Frühling auf dem deutschsprachigen Markt, genauso übrigens wie eine läppische PacMan-Umsetzung, die als «Big- Brother-PC-Spiel» für 28 Franken zu haben ist.
Schon beim ersten Blick auf das Material des Brettspiels wirken die Fragekarten von «Big Brother», die sich leider nur mühsam aus dem Schachteleinsatz klauben lassen, merkwürdig vertraut: «Du hast im Lotto 100 000 Mark gewonnen. (. . .) Wer gönnt dir die Hunderttausend von ganzem Herzen? Wem kocht vor lauter Neid das Blut in den Adern?». Die Spieler stimmen darüber ab und werfen Stimmkärtchen, die den Mitspielern zugeordnet sind, in eine Urne. Der Jumbo-Verlag hat damit nichts anderes geleistet, als die Idee aus «Blackbox» oder «Farbe bekennen» ein drittes Mal auszuschlachten. Diesmal wurde zusätzlich ein Spielplan beigegeben, auf dem sich die Spieler durch die Räume des Big- Brother-Containers würfeln müssen. Fatalerweise liessen die Macher aber das wichtigste Element, das einen einigermassen fairen Spielablauf garantiert, einfach weg: die Einschätzung darüber, wie man selber von den Gegnern eingeschätzt wird.
Das hat traurige Folgen: Die Inhalte der Fragen haben gar keine Bedeutung. Was hält mich davon ab, meine Stimme jedes Mal für denselben unsympathischen Mitspieler einzulegen? Gar nichts! Eigentlich geht es bloss darum, in gemeinsamer Abstimmung festzulegen, wer der Depp am Tisch ist, was die Bezeichnung «Spiel» eigentlich gar nicht verdient. Wer nach einer vorgegebenen Anzahl Abstimmungen am meisten Stimmen auf sich vereint, fliegt aus dem Container. Sobald nur noch zwei Spieler übrig sind, kommt es zur Schlussabstimmung. Dazu muss einer der bereits ausgeschlossenen Spieler, falls er noch nicht aus Langeweile nach Hause gegangen ist, zurück ins Spiel geholt werden. Aus den drei Anwärtern wird dann einer zum endgültigen Sieger gewählt. Um Zeit zu sparen, könnte man natürlich auch nur eine einzige Abstimmung darüber abhalten, wer das Spiel gewinnen soll oder wer das WC putzt oder sich «Batman» oder «Vollidiot 2000» nennen darf, das wäre etwa gleich lustig.
Bezeichnenderweise steht in der Spielanleitung von «Big Brother», dass man «um einen Einsatz» spielen sollte. Eines der Grundmerkmale von guten Spielen ist aber gerade, dass man sie spielt, weil sie einen interessanten Spielablauf haben und nicht weil es dabei einen Einsatz zu gewinnen gibt. «Black Jack» und «Roulette» sind genauso stinklangweilig, wenn es dabei nicht um Geld geht, wie «Big Brother, das Spiel».
Dasselbe gilt auch für die Brettspielausgabe von «Geh aufs Ganze». Hier ziehen die Spieler verdeckt Karten mit zufälligen Gewinnen wie Bargeld, Wein oder Fernsehgeräte von einem Stapel und können stets wählen, ob sie aufhören und die Gewinne behalten oder weitermachen wollen, mit dem Risiko, einen «Zonk» zu erwischen und die Karten wieder zu verlieren. Wer Glück hat, darf auch Karten von den Stapeln «Tor 1», «Tor 2» oder «Tor 3» mit grösseren Gewinnmöglichkeiten nehmen oder sogar versuchen, im «Big Deal» ein Auto zu gewinnen. Da ein Hauptpreis jede vorher gewonnene Gewinnsumme übertrifft, gibt es keinen Grund, nicht immer auf volles Risiko zu spielen. – Die eintönige Karten-Aufdeckerei ist leider wirklich etwas zu blöd geraten, um sie ohne einen echten Einsatz durchzustehen. Fazit: Schachteldeckel zumachen und Fernseher einschalten!

«Big Brother, das Spiel», Psycho-Spielchen für 4 bis 6 Spieler ab 16 Jahren, Verlag: Jumbo. Spieldauer: 60 bis 90 Minuten. Preis: etwa Fr. 50.–. Vertrieb in der Schweiz: Pierre Bloch Spielwaren, Hardstrasse 105, 4020 Basel.

«Geh aufs Ganze», Wettspiel für 2 bis 5 Spieler ab 7 Jahren, Verlag: Noris, Spieldauer: etwa 30 Minuten. Preis: etwa Fr. 40.–. Verlagsadresse: Noris-Spiele, Georg Reulein GmbH + Co. KG, Waldstrasse 38, D-90763 Fürth.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


© 1998/2000 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Tannenstrasse 40, CH-9010 St. Gallen. Update: 06.07.2000