Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Der Spieltisch als Bauplatz von Städten und Kathedralen 

tom. Das Jahr 1999 wird wohl als das Jahr der Materialschlachten in den Spieleschachteln in die Geschichte eingehen. Selten haben derart viele Spielverlage ihre Produkte so üppig und sorgfältig ausgestattet wie heuer. Dies gilt auch für «Big City» und «Krieg und Frieden», zwei Machtspiele zum Thema «Bauen». Während es in «Big City» darum geht, eine moderne Stadt aus dem Boden zu stampfen, begnügt sich «Krieg und Frieden» mit dem Errichten einer «Kathedrale».
Schon das Auspacken von «Big City» wird zum Erlebnis. In drei Lagen sind 52 bunte Plastic- Häuschen in der Schachtel untergebracht: Wohnhäuser und Geschäftshäuser in unterschiedlichen Grössen, ein Rathaus, Kirchen, Kaufhäuser, Banken, Kinos, Postämter, Fabriken und Stadtpärke, zudem 17 glänzende Trams für die verkehrstechnische Erschliessung. «Big City» besteht aus acht Stadtteilen mit insgesamt 68 numerierten Parzellen. Durch das Ausspielen von Karten mit entsprechenden Nummern kann man als Stadtplaner auf den Parzellen Häuser bauen und dafür Punkte garnieren. Gebäude auf benachbarten Grundstücken können dabei Voraussetzungen für den Bau eines bestimmten Haustyps sein oder dessen Wert verändern. So zählen Wohnhäuser am Stadtrand mehr als in der Innenstadt, Postämter benötigen ein Wohnhaus und ein Geschäftshaus in der Nachbarschaft, Kirchen können nur auf Parzellen mit Schnapszahlen errichtet werden. Fabriken verringern, Stadtpärke erhöhen und Trams verdoppeln den Wert von Gebäuden.
Taktiker haben allerdings das Nachsehen. «Big City» ist ein extrem glücksabhängiges, aber doch flottes Spiel und kann Spass machen, wenn höchstens drei Spieler mit von der Partie sind. Selten habe ich derart unterschiedliche Meinungen über ein Spiel gehört. Vor allem ein Detail-Mechanismus hat wohl einen etwas zu krassen Einfluss auf das Spielgeschehen und kann den Spielreiz ziemlich zunichte machen. Während man normalerweise Karten der Bauplätze besitzen muss, um Gebäude zu errichten, dürfen Fabriken und Stadtparks ohne weiteres auf fremde Parzellen gestellt werden. Wer Opfer eines Fabrikbaus wurde, kann das Spiel meistens aufgeben. Denn er hat dann die Hand voller wertloser, weil bereits verbauter Grundstückskarten und benötigt mehrere Runden, bis er sie ausgetauscht hat. Bei Partien zu viert oder zu fünft kommt man einfach zu wenig oft an die Reihe, um diesen Rückstand wieder aufzuholen. Die Spielidee von «Big City» ist übrigens nicht ganz neu. Ravensburger brachte 1984 ein Spiel namens «Metropolis» auf den Markt, das über frappant ähnliches Spielmaterial und einen ähnlichen Spielablauf verfügte.
«Krieg und Frieden» ist ebenfalls nicht nur ein Spiel zum Spielen, sondern auch zum Anschauen. Die Schachtel ist im Buch-Design aufgemacht und enthält viele Holzteile. Der Spieltitel ist allerdings irreführend, mit Tolstoi hat das Ganze nichts zu tun, der Name des holländischen Original-Spiels «Charlemagne» war treffender. Der Bau einer Kathedrale dient als Vorwand, um als Fürst seinen Konkurrenten mit Schicksals- und Machtkarten das Leben schwerzumachen. Wer gewinnen will, muss möglichst oft selber beim Bau der Kathedrale, die aus sechs Teilen besteht, Hand anlegen, um damit «Königliche Siegel» zu ergattern. Dazu gibt es Versteigerungen, Gefechte mit gegnerischen Rittern, und ab und zu werden Hütten von Kathedralen-Arbeitern niedergebrannt. Auch hier scheint der Glückfaktor des Spiels zunächst relativ gross zu sein. Mit vertiefter Kenntnis der Regel legt sich dieser Eindruck nach mehreren Partien aber ein bisschen. Da Verhandlungen eine wichtige Rolle spielen, ist «Krieg und Frieden» ein Spiel, bei dem es vor allem vom Verhalten der Mitspieler abhängt, ob eine Partie spannend und lustig wird oder nicht.

«Big City», Machtspiel von Franz-Benno Delonge für 2 bis 5 Spieler ab 10 Jahren. Verlag: Goldsieber. Spieldauer: etwa 90 Minuten, Preis: etwa Fr. 60.–. Vertrieb in der Schweiz: Max Bersinger AG, Zürcherstrasse 505, 9015 St. Gallen.
«Krieg und Frieden», Machtspiel von Gerard Mulder für 3 bis 4 Spieler ab 12 Jahren. Verlag: TM Spiele. Spieldauer: etwa 90 Minuten, Preis: etwa Fr. 60.–. Vertrieb in der Schweiz: Lemaco SA, Chemin du Croset 9, 1024 Ecublens.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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