Und ewig lockt der Ehekrach

Andy Warhol beweist es: Ein Künstler muss nichts fundamental Neues schaffen, er kann auch Bekanntes in einen neuen Kontext stellen oder – Techno lässt grüssen – Elemente aus anderen Werken zu einem neuen Ganzen kombinieren. In diesem Sinn ist auch Richard Borg ein Künstler, Autor des Spiel des Jahres 1993 ("Bluff") und von "Wongar" ("spielend" vom 18. Oktober). Sein Zweipersonenspiel "Blitz und Donner" erinnert sofort an zwei Klassiker: Von "Stratego" stammt die Idee, zwei "Schlachtformationen" gegeneinander antreten zu lassen, von "Magic" diejenige von Karten, die Figuren mit verschiedenen Stärkewerten darstellen und/oder
Sonderfähigkeiten haben.

Doch keine Angst: "Blitz und Donner" ist weit weniger komplex als "Magic" und auch nicht so taschengeldschröpfend, da es sich nicht um ein Sammel-, sondern um ein normales Kartenspiel handelt, das durchaus auch für Gelegenheitsspieler gedacht ist. Und wer in "Stratego" (wie der Schreibende) immer wieder vergass, wo jetzt welche gegnerische Figur stand, sei beruhigt: Einmal aufgedeckte Karten bleiben hier offen liegen. Das attraktive Thema des Spiels: Um unbemerkt seinen Liebschaften frönen zukönnen, hat Zeus Argus, Heras hundertäugigen Helfer, gefangengesetzt. Hera, nicht faul, revanchiert sich, indem sie Zeus' Geliebte Io einbuchtet. Logisch, dass in einem göttlichen Ehekrach nicht bloss böse Worte und Teller fliegen, sondern ganze Armeen von Zentauren, Zyklopen und Medusengegeneinander aufmarschieren – ja sogar die anderen Götterkollegen werden in die Fehde eingeschaltet. Ziel des Spiels ist die Befreiung der Gefangenenkarte (Io bzw. Argus), die irgendwo im Stapel des Gegners verborgen ist. Wenn er sie zieht, kann er sie entweder in der Hand behalten, wo aber die Gefahr besteht, dass sie durch einen Pegasus (eine Art Späherkarte) meinerseits entdeckt wird und er das Spiel verliert. Oder er kann sie verdeckt vor sich ablegen und mit anderen Kreaturen dafür sorgen, dass ich sie nicht angreifen kann. Ich kann aber auch gewinnen, wenn ich – unabhängig von der Gefangenenkarte – alle seine ausliegenden Karten besiege. Dies wird durch die folgende Regelerleichtert: Pro ausliegender Schlachtreihe – bis zu drei sind möglich – erhält man einen Aktionspunkt, mit dem man entweder Karten ziehen, Kartenlegen oder angreifen kann. Wenn ich also meinen Gegner auf zwei und später auf eine Reihe reduziere, kann er sich auch immer weniger wehren.

Der grosse Reiz von "Blitz und Donner" liegt genau in diesen verschiedenen Siegesmöglichkeiten. Denn je nach den Karten, die ich ziehe, wähle sicheher diese oder jene Strategie, muss sie aber vielleicht wieder anpassen, wenn sich die Situation ändert. Der "Noch einmal!" – Effekt ist so stark, dass man ohne weiteres sechs oder sieben Spiele hintereinander macht und trotzdem am nächsten Tag schon wieder Lust auf mehr hat. Da stört es auch nicht, dass eine Runde manchmal schon nach wenigen Runden zu Ende ist, weil das Kartenglück ungleich verteilt war. Vielspieler seien allerdings gewarnt: Die Karten sind nicht allzu widerstandsfähig. Wen Gebrauchsspuren stören, dem seien Schutzhüllen empfohlen.

Ähnlich wie "Caesar & Cleopatra" ("spielend" vom 1. Dezember 1999) richtet sich "Blitz und Donner" marktetingmässig wohl an Paare, die sich gerne spielerisch eins auswischen – was nicht heisst, dass es nicht auch für Singles höchsten Spielgenuss bieten kann.

Fussnote:

"Blitz und Donner" von Richard Borg, für 2 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer 10 bis 40 Minuten,
Preis ca. 25 Franken. Verlagsadresse: Kosmos, Postfach
106011, D-70049 Stuttgart.

Kartenschutzhüllen sind ab ca. 3 Fr. pro 100 Stück im Spiele-Fachhandel erhältlich.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Egg im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


© 1998 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Leimatstrasse 32, CH-9000 St. Gallen. Update: 19.11.2000