Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Blokus»: Durchbruch über Ecken
tom. Angesichts der über dreihundert
Spiele-Neuheiten, die im deutschsprachigen Raum jedes Jahr erscheinen, ist die
Gefahr gross, dass einzelne hervorragende Ideen im unüberschaubaren Angebot
untergehen. «Blokus» ist so ein Spiel, das – trotz grossformatiger Schachtel
– von seiner äusseren Erscheinung her weder auffällt noch zum Spielen
animiert. Kann man sich aber durchringen, das Spiel näher anzuschauen, bereut
man, es nicht schon viel früher versucht zu haben. Von der ersten Sekunde an
wird man gepackt. In der unscheinbaren Schachtel ist ein geniales Werk
verborgen, mit dem man jeden für eine kurzweilige Partie an den Spieltisch
fesseln kann. Im Unterschied zu vielen anderen abstrakten Denkspielen spielt
sich «Blokus» erstaunlich leicht und locker, Man probiert, guckt zu, was
entsteht, und ist begeistert.
«Blokus» besteht aus einem Spielbrett von zwanzig mal zwanzig quadratischen
Feldern. Vier Farben sind im Spiel, von jeder Farbe gibt es einundzwanzig
Plasticteile. Ihre Formen erinnern an «Tetris» und stellen alle Anordnungen
dar, die durch seitliches Aneinanderfügen von bis zu fünf Quadraten möglich
sind. Die Spieler müssen reihum jeweils einen Stein auf dem Brett placieren,
wodurch der Platz immer enger wird. Wer am meisten Steine unterbringt, gewinnt.
Die beiden Setzregeln sind in dreissig Sekunden erklärt: Die Steine müssen so
angelegt werden, dass sie mindestens eine Ecke eines bereits placierten
gleichfarbigen Steins berühren. Nie dürfen sich aber gleichfarbige Steine über
Seitenflächen berühren.
Im Verlaufe der ersten Partie offenbart sich der ungeheure Reiz von «Blokus»,
der – wie der Name sagt – vor allem darin besteht, gegnerische Steine zu
blockieren. Weil Steine einer Farbe immer über Eck aneinander gelegt werden,
ergeben sich Möglichkeiten für die Gegner, durchzubrechen und sich weitere Räume
zu erschliessen. Gegnerische Farben kreuzen sich und stossen plötzlich überraschend
in Gebiete vor, die unerreichbar schienen. Am Anfang der Partie sollte man
deshalb versuchen, möglichst schnell in die Mitte des Spielfelds vorzudringen,
um Platz zur weiteren Ausdehnung zu gewinnen. Die wichtigsten Punkte sind die
Ecken der eigenen Spielsteine. Nur von ihnen aus kann man weiter vorrücken.
Alle Spielsteine haben durch ihre Form charakteristische Merkmale, welche
taktisch genutzt werden können.
Spielen nur zwei Spieler mit, erhält jeder zwei Farben. Im Spiel zu dritt darf
jeder Spieler ausser seiner eigenen Farbe auch Steine der vierten, neutralen
Farbe setzen. Ausserdem gibt es die Möglichkeit, die Grösse des Spielfelds zu
beschränken. So funktioniert «Blokus» in jeder Besetzung von zwei bis vier
Spielern einwandfrei. Je nach Spielerzahl ergibt sich allerdings eine völlig
unterschiedliche Spieltaktik. Zu dritt kann man mit der neutralen Farbe die
Gegner zusätzlich ärgern und sich selber schützen. Zu zweit kann man seine
eigenen beiden Farben so einsetzen, dass sie sich hervorragend ergänzen. Unter
www.blokus.com gibt es im Internet die Möglichkeit, gegen einen Computer
anzutreten.
Auch wenn das Material des französischen Spiels nicht gerade deutschen
Standards entspricht und für deutsche Verhältnisse billig wirkt, ist es doch
äusserst spielgerecht. Und am Ende der Partie liegt auf dem Brett ein buntes
Kunstwerk. Gemäss Verlagsangaben ist «Blokus» denn auch im weitesten Sinne
durch Kunst entstanden. So suchte der Ingenieur und Maler Bernard Tavitian einen
originellen Rahmen für ein soeben vollendetes Gemälde, das ein Orchester
darstellte, dessen Mitglieder aus geometrischen Formen stilisiert waren. Ein
erster Versuch bestand aus Pentaminos (aus fünf Quadraten gebildete Formen),
von denen sich nie zwei gleiche Teile berührten. Tavitian wählte sodann
verschiedene Farben für jedes Pentamino. Zwei Teile gleicher Farbe durften aber
nicht nebeneinander stehen. Die Anordnung der Teile und Farben soll ihn
daraufhin so begeistert haben, dass er daraus die Grundzüge des Spiels «Blokus»
ableitete.
«Blokus» ist ein kleines Meisterwerk, das in unsere schnelllebige Zeit passt.
Es ist schnell erklärt und schnell gespielt und hat doch grossen Tiefgang.
«Blokus»: Legespiel von Bernard Tavitian für 2 bis 4 Spieler ab 8 Jahren. Spieldauer: etwa 20 bis 30 Minuten. Verlag: Sekkoia (Paris). Preis: etwa 55 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Froschkönig, Rathausgasse 2, 8180 Bülach. Internet: www.blokus.com
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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