Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Carcassonne»: Die Entstehung einer nicht vorhersehbaren Welt
tom. Eine Strasse – wohin sie führt,
weiss keiner. Ein Stück Stadtmauer – was sich dahinter verbirgt, ist nicht
abzusehen. Eine Wiese – keine Ahnung, wohin sie sich erstrecken wird. Wir
befinden uns irgendwo mitten in einer Landschaft, hingeworfen aus dem Nichts.
Die Situation könnte der Ausgangspunkt einer Geschichte, eines Films oder einer
Reise sein. Hier wird sie zum Spiel mit Namen «Carcassonne». Einsam liegt ein
quadratisches Kartonplättchen, das den Ausschnitt einer mittelalterlichen
Gegend aus der Luft zeigt, auf dem Tisch. Um das Plättchen herum beginnt sich
langsam, aber stetig eine nicht vorhersehbare Welt aus Strassen, Städten,
Wiesen und Klöstern zu bilden, die mit Rittern, Wegelagerern, Bauern und Mönchen
bevölkert wird.
Es sei hier gleich vorweggenommen: Diese Erschaffung einer Landschaft bis hin
zum Mini- Reich ist eines der feinsten Familienspiele der vergangenen Jahre:
leicht zu erklären, leicht zu begreifen, schön und ruhig zu spielen, in einer
halben Stunde zu bewältigen, listig und fesselnd. Die Anteile von Taktik, Glück
und Risiko sind ausgewogen. Das Spiel ist funktional und preiswert, sowohl zu fünft
als auch zu zweit hervorragend und auch für Kinder geeignet – selbst wenn
das, was sich am Schluss auf dem Tisch präsentiert, nicht annähernd so
aussieht wie die südfranzösische Stadt Carcassonne, die für ihre
turmbewehrten Festungsanlagen berühmt ist.
Das Spiel besteht im Wesentlichen aus 72 unterschiedlichen Landschaftsplättchen.
Darauf sind Wiesen, Klöster, Stadtgebiete sowie Strassenabschnitte abgebildet,
die mal zu Kreuzungen, mal zu Städten, mal zu Klöstern und oft ins Leere führen.
Alle Kärtchen bis auf eines werden verdeckt gemischt. Wer an der Reihe ist,
deckt ein Kärtchen auf und muss es passend an die bereits bestehende Landschaft
anlegen. Das ist nur möglich, wenn alle Wiesen, Wege und Stadtteile dadurch
logisch fortgesetzt werden. Als zweite Aktion kann der Spieler eine seiner
sieben Holzfiguren – Gefolgsleute genannt – auf das zuletzt gelegte Kärtchen,
und nur auf dieses (!), stellen.
Was das Setzen einbringt, wird sich aber erst im späteren Verlauf des Spiels
herausstellen. Spekulation und Risikobereitschaft werden wichtig. Je nach Kärtchen
kann das Männchen auf eine Strasse, in eine Wiese, in eine Stadt oder auf ein
Kloster gestellt werden und wird damit entweder zum Wegelagerer, zum Bauern, zum
Ritter oder zum Mönch. Die Spieler müssen versuchen, ihre Kärtchen so
anzulegen, dass sie lukrative Strassen, Städte und Klöster fertigstellen können.
Punkte gibt es, wenn das fertiggestellte Objekt mit einer Figur besetzt ist, für
den Besitzer des Männchens. Auf ein Objekt, das schon im Besitz eines Männchens
ist, darf normalerweise kein weiteres gestellt werden. Strassen sind fertig,
sobald sie zwei Enden haben, es zählt ihre Länge. Städte werden an ihrer Grösse
gemessen, wenn sie komplett von einer Stadtmauer umgeben sind. Klöster müssen
von acht anderen Kärtchen eingeschlossen sein. Nach erfolgter Wertung erhält
der Spieler die Figur zurück und kann sie für weitere Schandtaten verwenden.
Dieser Mechanismus zwingt einen dazu, mit seinen Gefolgsleuten clever und haushälterisch
umzugehen.
Gefolgsleute, die als Bauern auf Wiesen gestellt werden, bleiben allerdings bis
zum bitteren Ende des Spiels dort stehen. Erst nachdem bei der Schlusswertung
auch alle nicht fertiggestellten Strassen, Städte und Klöster gewertet worden
sind, bekommen die Bauern ihren grossen Auftritt. Für jede komplette Stadt (und
das können durchaus 10 bis 20 sein) wird festgestellt, wer am meisten Bauern in
den umliegenden Wiesen stehen hat. Dieser Spieler versorgt die Stadt und erhält
dafür weitere, oft spielentscheidende Punkte.
Spätestens nach drei Partien offenbart «Carcassonne» eine ungeheure
Spieltiefe, die es ermöglicht, dass verschiedenste Vorgehensweisen zum Sieg führen
können. Durch rasches Fertigstellen von kurzen Strassen und kleinen Städten
kann man stetig, aber spärlich Punkte absahnen und hat immer genug Männchen
zur Verfügung. Wer will, kann aber auch grosse Risiken eingehen, planen und
versuchen, langfristig lukrative Objekte aufzubauen. Fintenreiche werden es
immer wieder schaffen, ihre Gegner zu ärgern und deren Punktgewinne zu
vermiesen. Der Glücksfaktor des unvorhersehbaren, zufällig gezogenen Kärtchens
verleiht dem Spiel eine angenehme Frische. Taktischer wird «Carcassonne», wenn
man als Variante beschliesst, dass jeweils aus zwei oder drei Kärtchen ausgewählt
werden darf.
Verfolgt man die Diskussionen in Internet- Foren, liest man Spiele-Kritiken und
diskutiert man mit Spiele-Freaks, stellt man fest, dass «Carcassonne» bereits
als «Spiel des Jahres»-Anwärter gehandelt wird. Die Wahl findet jedoch erst
im Juni statt. Leider scheint der Vertrieb des Spiels in der Schweiz momentan
nicht reibungslos zu klappen. Auch in Spiele-Fachgeschäften ist «Carcassonne»
derzeit nur schwer erhältlich. Man bangt und hofft, dass sich das bald ändert.
«Carcassonne»: Taktisches Legespiel von Klaus-Jürgen Wrede für 2 bis 5 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: 30 bis 50 Min. Verlag: Hans im Glück. Preis: etwa Fr. 30.–. Vertrieb in der Schweiz: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstrasse 14, 9445 Rebstein. Internet: www.hans-im-glueck.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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