Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

«Carolus Magnus»: Ein Kaiser auf dem Marsch durch die Provinzen

tom. Aus der Fülle von hoch stehenden neuen Strategiespielen sticht «Carolus Magnus» auf Grund seiner relativ kurzen Spieldauer hervor. Eine Partie dauert oft nicht einmal eine Stunde. Es geht darum, eine vorgegebene Zahl von Provinzen mit eigenen Burgen zu besetzen. Gemäss Spielregel soll das mit Karl dem Grossen zu tun haben, dessen «zerstrittene Erben» Provinzen sichern müssen. Das wirkt allerdings ziemlich aufgesetzt und hat auch wenig mit historischen Überlieferungen zu tun, deshalb lassen wir für einmal Thema Thema sein. «Carolus Magnus» ist auch so ein gutes Spiel und hat es zu Recht auf die Auswahlliste zum «Spiel des Jahres» geschafft.
Beim Auspacken fällt das edle Material auf, das zur Hauptsache aus verschiedenfarbigen Holzklötzchen und -figuren besteht. Einen Spielplan gibt es nicht, dafür aber 15 flache Kartonelemente. Sie heissen Provinzen und werden im Kreis angeordnet. Kaiser Karl ist eine gelbe Figur, die fortan im Uhrzeigersinn durch diese Provinzen gezogen wird. Nur dort, wo er anhält, können sich die Machtverhältnisse ändern. Quadratische Klötzchen in fünf Farben repräsentieren Ritter aus fünf Familien. Zwei Möglichkeiten gibt es, um sie zu placieren: direkt in Provinzen oder aber an den eigenen Burghof, den jeder Spieler verwaltet.
Das Dilemma kann erraten werden: natürlich möchte man Ritter überall einsetzen, ihre Zahl ist aber pro Runde beschränkt. Hat man von einer Ritterfamilie mehr Ritter als die Gegenspieler am Burghof, erringt man sofort die totale Kontrolle über alle Ritter dieser Farbe in allen Provinzen. Weil sich die Mehrheitsverhältnisse an den Burghöfen öfters ändern, ist Loyalität für die Ritterfamilien ein Fremdwort. Schafft es ein Gegner, an seinem Burghof plötzlich mehr blaue Ritter zu versammeln, kann der Verlust der Kontrolle über die blaue Familie fatale Folgen haben und die Machtverhältnisse in einzelnen Provinzen Purzelbäume schlagen lassen – aber eben erst, wenn sich der gute alte Karl mal wieder blicken lässt. Eine Provinz mit einer Mehrheit eigener Ritter erlaubt den Burgenbau. Benachbarte Provinzen mit gleichfarbigen Burgen werden zudem (wie auf dem Bild ersichtlich) zu Regionen zusammen geschoben, die schwieriger zu erobern sind.
Zum eigentlichen Spielablauf: Grob erklärt, darf, wer an der Reihe ist, drei Ritter aus seiner Reserve an den Burghof oder in Provinzen placieren, dann mit Karl einige Felder ziehen und in der Provinz, in welcher der Kaiser stehen bleibt – nur diese ist für den Zug aktiv – eine Burg bauen, falls er zu diesem Zeitpunkt die Mehrheit der Ritter in der Provinz kontrolliert. Danach kommen drei neue Ritter in die eigene Reserve. Ihre Farben werden – und dies ist ein erheblicher Glücksfaktor – mit einem Farbenwürfel erwürfelt.
Klar, dass es ständig gilt, alle Mehrheiten im Auge zu behalten und die Möglichkeiten der Gegner voraus zu sehen und zu rechnen. «Carolus Magnus» besticht durch einfache Mechanismen, die viele taktische Varianten bieten. Die Mischung von Glück und Taktik ist gelungen und auch noch variierbar. Weil für unseren Geschmack der Sieger am Ende ein bisschen zu oft durch den Zufall eines einzigen glücklichen Würfelwurfs bestimmt wird, spielen wir leicht anders: man würfelt jede Runde mit einem Würfel weniger und darf dafür einen Ritter frei wählen.
«Carolus Magnus» ist zu zweit, zu dritt und zu viert spielbar, Letzteres allerdings nur im Teamspiel zwei gegen zwei. Wie viele an sich gute Spiele hat es leider Schwächen in der Spielregel. Diese ist zwar vorbildlich bebildert und mit Beispielen versehen, lässt aber Detailfragen offen. Zudem ist der Regelaufbau, der das Spiel zunächst nur für 2 Spieler erklärt und erst im Anhang die Ergänzungen für 3 und 4 Spieler liefert, zwar gut gemeint, jedoch unpraktisch.

«Carolus Magnus», Machtspiel von Leo Colovini für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren. Verlag Winning Moves, Spieldauer: 30 bis 60 Minuten; etwa Fr. 65.–. Verlagsadresse: Winning Moves Deutschland GmbH, Belsenplatz 2, D-40545 Düsseldorf.

Auswahlliste zum «Spiel des Jahres»

Die Jury «Spiel des Jahres» hat ihre Auswahlliste veröffentlicht, die eine Orientierungshilfe für qualitativ hoch stehende Spiele im breiten Angebot bieten soll. Im neuesten Jahrgang vermisst der Vorsitzende der Jury, Synes Ernst, vor allem einfache Spiele, die auf Grund eines schnellen Einstiegs und eines eingängigen Ablaufs auch jene zum Spielen verführen, die nicht schon vom «Virus ludens» angesteckt sind. Fetzige Kartenspiele und komplexe Strategiespiele mit geschichtlichem Hintergrund, die ein zweistündiges Erlebnis bieten, überwiegen. Laut Synes Ernst setzen solche Strategiespiele jedoch voraus, dass die Teilnehmer bereit sind, sich mit längeren Regelwerken auseinander zu setzen. Der Genuss ist dann aber ab der zweiten Spielrunde garantiert. Die diesjährige Auswahlliste umfasst zwölf Titel. Aus ihnen werden im Juni drei Spiele für den Hauptpreis «Spiel des Jahres» nominiert. Der Nachfolger von «Tikal» wird dann am 12. Juli in Berlin bekannt gegeben. Die Liste in alphabetischer Reihenfolge: «Carolus Magnus» von Leo Colovini, Verlag Winning Moves; «Kardinal» von Wolfgang Panning, Verlag Holzinsel; «Kardinal und König» von Michael Schacht, Verlag Goldsieber; «La Città» von Gerd Fenchel, Kosmos; «Metro» von Dirk Henn, Queen Games; «Ohne Furcht und Adel» von Bruno Faidutti, Verlag Hans im Glück; «Port Royal» von Wolfgang Panning, Queen Games; «Tadsch Mahal» von Reiner Knizia, alea/Ravensburger (NZZ 29. 04. 00); «Torres» von Wolfgang Kramer und Michael Kiesling, F.X. (NZZ 18. 03. 00); «Vinci» von Philippe Keyaerts, Verlag Eurogames Descartes (NZZ 13. 05. 00); «Zèrtz» von Kris Burm, Schmidt Spiele; «Zoff im Zoo» von Doris Matthäus und Frank Nestel, Eigenverlag Doris & Frank (NZZ 24. 12. 99).


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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