Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Schnecken im Garten und Mistkäfer in der Pyramide

tom. Bei jährlich Hunderten von Neuerscheinungen können zwangsläufig nicht alle guten Spiele einen hohen Beachtungsgrad erreichen, Preise gewinnen oder auf Empfehlungslisten von Kritikern erscheinen. «Kraut & Rüben» und «Cheops» sind zwei solche vielleicht zu Unrecht etwas verschmähte Spiele dieses Jahrgangs. Beides sind kurzweilige Legespiele für die ganze Familie, die Spass machen, wenn man sie nicht sehr taktisch, sondern eher «aus dem Bauch heraus» spielt und sich von kruden Zufallsfaktoren nicht ins Bockshorn jagen lässt.
«Kraut & Rüben» von Gerd Fenchel (der Autor heisst wirklich so, Ehrenwort) macht jeden Mitspieler zum Schrebergärtner. Im Unterschied zur Wirklichkeit mit klar abgesteckten Garten-Besitzrechten, darf man wild in eigenen und fremden Gärten herumwühlen, vier Gemüsesorten pflanzen und seinen Gegnern Schnecken, Maulwürfe und wertlosen Löwenzahn in die Beete setzen. Jeder Spieler erhält einen Geheimauftrag, der bestimmt, welche Gemüsemischung im eigenen Garten die optimale Punktzahl bringt. Dies hängt von Anzahl und Kombination von Tomaten, Rüben, Salaten und Spargeln ab. Eine Gemüsesorte – die Gegner wissen nicht welche – bringt Minuspunkte, ebenso Schnecken und Maulwürfe.
Wer an der Reihe ist, zieht verdeckt ein Kärtchen, auf dem ein Gemüse, eine Schnecke, Klee oder Löwenzahn abgebildet ist. Das Kärtchen muss in einen der Gärten gelegt werden, die jeweils zwölf Pflanzplätze umfassen. Im Verlaufe des Spieles füllen sich die Kleingärten mit den unterschiedlichsten Gemüsen und tierischen Widrigkeiten. Irgendwann im Spiel muss sich dann jeder Spieler für einen Garten entscheiden und ihn in Besitz nehmen. Der richtige Zeitpunkt dieser Aktion ist purer Nervenkrieg. Nimmt man den Garten zu früh, werden die Gegner die Beete mit Ungeziefer und Gemüse vollstopfen, von denen sie glauben, dass man sie nicht gebrauchen kann. Entscheidet man sich zu spät, ist jener Garten, in den man mit einem Pokerface unauffällig seine lukrativsten Kärtchen gesetzt hat, zum grossen Ärger bereits weg. Geblufft wird dabei reichlich.
Wer regelmässig am Spieltisch negative Erfahrungen darin sammelt, wie verschieden die Ansprüche und Geschmäcker sind, für den kommt ein Spiel wie «Kraut & Rüben» einer Offenbarung gleich. Es scheint, als habe man das ultimative Spiel gefunden, das Alt und Jung, Anfänger und Freak begeistert. Das Spiel ist nicht allzu teuer, einfach erklärt und benötigt wenig Zeit. Bei einer einzigen Partie bleibt es nie. «Kraut & Rüben» ist ein lockeres und tolles Familienspiel.

Die Meinungen über «Cheops» hingegen werden mit Sicherheit geteilt ausfallen. Denn «Cheops» kann auf den ersten Blick falsche Erwartungen wecken. Versierte Taktiker und Mathematiker, die glauben, Siege ausrechnen zu können, sind hier fehl am Platz, obwohl der Spielmechanismus zunächst den gegenteiligen Eindruck vermittelt. Wer gern locker aus dem Bauch heraus aufspielt und Spass an Zufälligkeiten hat, dem wird dieses sehr schön und originell ausgestattete Spiel jedoch gefallen. Es geht darum, Schätze aus der Cheopspyramide herauszuholen und ihren Wert auf dem Schwarzmarkt zu optimieren. Als Schätze sind 66 Amulette in sechs verschiedenen Farben eingepackt. Sie tragen das Symbol des Skarabäus, des Mistkäfers also, der von den alten Ägyptern als Sinnbild des Sonnengottes verehrt wurde.
In der Spielregel wird der Grabraub als moralisch vertretbar dargestellt. Die Mitglieder der Familie «Ahliman» bauten nämlich 23 Jahre an der Pyramide mit und verloren dabei Ernte, Vieh und Angehörige. Die Pyramide ist in elf Reihen randvoll mit Skarabäen gefüllt, in der untersten Reihe liegen elf Schätze, in der obersten wartet einer. Wer ein Plättchen mit einem von vier möglichen Mitgliedern der Grabräuber-Familie auf ein Pyramidenfeld legt, erhält den entsprechenden Schatz. Aus der jeweils oberen Reihe kann man aber erst etwas nehmen, wenn in den beiden darunterliegenden Feldern bereits Plättchen liegen. Gleiche Plättchen darf man nicht in benachbarte Felder legen. Die Schätze können entweder an Lager genommen werden, weil man auf Wertsteigerung hofft. Oder man verkauft sie sofort, wodurch der Wert der gleichfarbigen Schätze in allen Lagern positiv oder negativ verändert wird.
Es gibt Spieler, die ihre Züge lange überlegen, weil sie glauben, man könne den Erfolg optimal berechnen. Verschiedene Mechanismen und Zufalls-Ereignisse verändern den Verlauf jedoch zu krass, als dass dem wirklich so wäre. Seltsam ist trotzdem, dass dieses Spiel in unseren Runden zu 70 Prozent denselben Sieger sah: Faktoren jenseits von Zufall und jenseits von Mathematik scheinen hier – ähnlich wie bei «El Grande» – eben auch noch eine von den Spielern oft unterschätzte Rolle zu spielen: Intuition, die Fähigkeit, sich in Gedanken und Taktik der Gegner zu versetzen, das geschickte Manipulieren von Absichten und Zügen mittels beiläufig placierter Kommentare sind Künste, die nicht von jedem Spieler beherrscht werden, hier aber voll zum Tragen kommen. Denn fast wichtiger als der eigene Zug ist bei «Cheops» der Zug jenes Spielers, der unmittelbar vorher an die Reihe kommt.

«Cheops», Legespiel von Klaus Paal für 2 bis 5 Spieler ab 9 Jahren. Verlag: Hans im Glück. Spieldauer: 30 bis 60 Minuten. Preis: etwa 50 Franken.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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