Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
Turbulenter Jass zu dritt, aber keiner spielt nach den gleichen Regeln
tom. Im August 1989 landeten Avory und Quaife, zwei Bewohner des Planeten RDD44 aus dem
Sternbild der Eidechse, mit ihrem Raumschiff bei der Familie Hugentobler auf der
Kreuzbodenchlapfalp im Emmental. Die Hugentoblers zeigten den Aliens den
gutschweizerischen Jass, während die Ausserirdischen versuchten, den Emmentalern ihr
Nationalspiel «Cosmix» beizubringen. Schliesslich wurden Elemente von «Cosmix» mit
Jass zu einem neuen Spiel kombiniert: «Cosmic Eidex». So jedenfalls überliefert
uns das Berner Fata-Morgana-Team um Urs Hostettler und Lukas Merlach die Entstehung ihres
neuen Spiels, das eigentlich ein Jass für drei Personen ist ein sehr spezieller
allerdings.
«Cosmic Eidex» wird in den vier Farben Eidex, Raben, Herz und Sternen gespielt, man
könnte aber durchaus auch herkömmliche Jasskarten verwenden. Die 36 Spielkarten wurden
von Res Brandenberger gezeichnet. In unseren Runden haben erfahrene Jasser mit deren
Erkennung und Handhabung zu Beginn leider etwas Mühe bekundet. Das Grundspiel ist recht
einfach. Trumpf (Farbe, Obenabe oder Undenufe) wird abgehoben. Zu Beginn der Partie muss
jeder Spieler eine Karte aus seinem Blatt verdeckt vor sich hin legen. Ihr Wert zählt
bereits für den, der sie «gedrückt» hat. Gejasst wird dann noch um elf Stiche. Pro
Runde gibt es zwei Siegpunkte zu vergeben. Schafft jemand einen Match, erhält er beide.
Schafft niemand einen Match, geht leer aus, wer mehr als 100 der 157 Stichpunkte erreicht.
Dann erhalten die anderen beiden je einen Gewinnpunkt. Wenn alle unter 100 Stichpunkte
bleiben, erhält je einen Punkt, wer die wenigsten und wer die meisten Stichpunkte
geschafft hat. Machen zwei Spieler gleich viele Stichpunkte, erhält der glückliche
Dritte zwei Punkte. Das Spiel endet, sobald jemand sieben Punkte erreicht.
Natürlich ist das nicht alles. Der Grundsatz «Jeder Spieler ist vor den Regeln gleich»
gilt bei «Cosmic Eidex» nicht. Wie beim Spielklassiker «Cosmic Encounter» verkörpert
jeder Teilnehmer einen Charakter mit einer bestimmten Fähigkeit. Eine zufällig gezogene
Karte weist dem Spieler seinen Charakter zu. Die Karte steht für eine bestimmte Regel,
die der Spieler und nur er allein während des Spiels anwenden darf. Unter
den 36 Charakteren findet man eine «Wünschelrute», einen «Zombie», den
«Konsumentenschutz», das «Teekränzchen» oder die «Radarkontrolle».
Beispiele gefällig? Der «Trumphator» etwa darf nach dem Verteilen der Karten die
zweitletzte Karte zum Trumpf machen, wenn ihm der erste Trumpf nicht gefällt. Das
«Teekränzchen» erhält von allen eine Karte geschenkt, schaut sie an und schenkt dann
je eine zurück. Die «Feministin» muss keine Stiche übernehmen, in denen eine Dame mit
einem Buben oder König liegt. Der «Quizmaster» darf nach jedem Stich einem Mitspieler
eine Frage zu seinen Karten stellen, die der Betreffende wahrheitsgemäss mit «Ja» oder
«Nein» beantworten muss. Die «Fürsorge» kann jeden Stich mit drei Punkten oder
weniger samt Ausspielrecht einem Mitspieler geben. Der «Kompass» darf die
Ausspielrichtung ändern.
Die Stärke der einzelnen Charaktere wurde vom Fata-Morgana-Team jahrelang ausgetestet, um
die Ausgewogenheit zu gewährleisten, wie Urs Hostettler gegenüber der NZZ betonte. Es
sei extra ein Computerprogramm geschrieben und eine Rating-Liste für die Charaktere
geführt worden. Eigenschaften seien dann noch leicht abgeändert worden, um die Stärken
einander anzugleichen. Im Spiel kommt es dann ähnlich wie bei «Schere, Stein,
Papier» vor allem auf die Konstellation an. Ein vermeintlich starker Charakter
kann je nach Gegner plötzlich wertlos sein oder sich als Bumerang erweisen.
Einige Charaktere sind sehr schwierig zu spielen, dann kommt es auf das Können des
Jassers an.
In unseren Spielrunden herrscht zwar noch die Meinung vor, dass es sehr wohl tendenziell
stärkere und schwächere Charaktere gibt, noch stehen wir aber am Anfang unserer
jahrelangen Analyse. Wem einzelne Charaktere zu schwach erscheinen, der kann sie ja
einfach weglassen.
Entscheidend ist letztlich der Spassfaktor. Jassen wird mit den «Cosmic Eidex»-Regeln um
einiges turbulenter. Das Spiel ist sicher nicht für Stammtische geeignet, die Jassen als
eine trockene Wissenschaft verstehen. Es ist zwar für drei Spieler gedacht, jedoch auch
zu viert spielbar, wenn rundum jeweils ein Spieler aussetzt. Fata Morgana ist mit
schrägen Spielen wie «Kreml», «Ein solches Ding» oder «Tichu» bekanntgeworden.
«Cosmic Eidex» hätte bereits vor Jahren den Planeten Erde erobern können, Fata Morgana
hatte aber lange Zeit Hemmungen, das Spiel herauszugeben, weil man es ja mit gewöhnlichen
Jasskarten spielen kann. Das Spiel ist nun in Zusammenarbeit mit dem deutschen
Abacus-Verlag erschienen, der es in Deutschland vertreibt. Vielleicht gelingt es damit,
das Schweizer Nationalspiel weiter zu verbreiten. «Cosmic Eidex» hat möglicherweise
sogar das Potential, um einen Kultstatus wie «Tichu» zu erlangen.
«Cosmic Eidex», Kartenspiel für 3 Personen auf Basis der Jassregeln, ab 10 Jahren. Verlag: Fata Morgana / Abacus. Spieldauer: etwa 60 Minuten. Preis 7 bis 8 Franken.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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