Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
Die Regel ist, dass sich die Regel ändert oder Schmiergeld gezahlt wird
tom. Ein Spiel kann nur
funktionieren, wenn die Spielregel eine feste, heilige Grösse ist, ein unveränderbares
Gesetz darstellt, an das sich alle halten. Das weiss jeder, meine Mutter nicht.
Geriet sie vor langer, langer Zeit während meiner Kindheit im Laufe eines Würfelspiels
ins Hintertreffen, passte sie die Regeln schnell zu ihrem Vorteil an und erfand
laufend neue Regeln hinzu, was schliesslich dazu führte, dass niemand mehr mit
ihr spielen wollte. 1994 hat Karl-Heinz Schmiel dieses eigentlich unmögliche
Prinzip unter dem Namen «Das Regeln wir schon!» verblüffend in ein taugliches
Spiel umgesetzt. Bruno Faidutti, dem wir das ungewöhnliche «Ohne Furcht und
Adel» zu verdanken haben, hat die Idee aufgegriffen und überarbeitet.
Herausgekommen ist dabei «Democrazy». Mit demokratischen Abstimmungen
werden dabei im Laufe einer Partie die Spielregeln ständig neu definiert.
Zu Beginn erhält jeder Spieler aus einem Sack mit roten, grünen, gelben und
blauen Steinen zufällig eine bestimmte Anzahl. Jeder dieser Steine hat zunächst
den Wert 1. Durch Annahme von Gesetzen können sich Anzahl, Zusammensetzung und
Wert der Steine radikal ändern. Wer an der Reihe ist, darf aus seinen
Handkarten jeweils ein Gesetz vorschlagen, zum Beispiel: «Die blauen
Spielsteine zählen null Punkte» oder «Wenn ein Spieler von einer Farbe nur
einen Spielstein besitzt, wird der Wert des Spielsteins verdreifacht» oder «Jeder
Spieler gibt alle seine Spielsteine an seinen linken Nachbarn weiter» oder «Jedes
Mal, wenn ein Gesetz angenommen wird, legen die Spieler, die dafür gestimmt
haben, einen Spielstein in den Beutel zurück. Die Spieler, die dagegen gestimmt
haben, ziehen einen Spielstein» oder «Der Spieler, der dieses Gesetz vorschlägt,
und ein Spieler seiner Wahl, den er nach der Abstimmung bekannt gibt, ziehen
zwei Spielsteine» oder «Bartträger erhalten fünf zusätzliche Punkte» oder
«Rauchverbot». Das Spiel lebt von der Bandbreite und Originalität der 74
Gesetzesvorlagen. Es liegen auch Blankokarten bei, mit denen eigene Gesetze
kreiert werden können.
Wird ein Gesetz angenommen, wird es zu einer neuen Regel des Spiels. Dabei gibt
es zwei Arten von Gesetzen: solche mit dauerhafter Wirkung, von denen aber nur
jeweils sechs gleichzeitig in Kraft sein können, und solche, deren Wirkung
einmalig ist. Jeder Spieler verfügt auch noch über einen Joker, mit dem er
einmal während der Partie alle anderen Stimmen in einer Abstimmung überbieten
oder allenfalls das Abstimmungsergebnis ins Gegenteil umkehren kann.
«Democrazy» ist ein Spiel, das man niemals ernst nehmen darf und das schwer zu
beeinflussen ist. Wer zum Schluss gewinnt, ist zufällig und auch ziemlich egal.
Das Spiel kann sehr unterhaltsam sein, wenn die Spielrunde nach einer gewissen
Anlaufzeit in Fahrt kommt. Das Chaos hält sich aber doch in Grenzen, und es
fehlt oft der entscheidende Kick, weil die Beeinflussbarkeit beschränkt und der
Ausgang vieler Abstimmungen vorhersehbar ist. Wenn man die verrückten Gesetze
nach drei, vier Partien alle kennt, geht zudem ein Teil des Spielreizes
verloren.
Wem Demokratie zu anständig ist, dem sei ein anderes Spiel von Bruno Faidutti
empfohlen, das wie «Democrazy» in der Blue-Games-Reihe mit Kartenspielen bei
Eurogames Descartes erschienen ist: «Corruption». Als Besitzer einer
grossen Baufirma versucht man, lukrative öffentliche Aufträge, zum Beispiel für
den Bau von Autobahnen oder Staudämmen, an Land zu ziehen. Sechs Aufträge mit
unterschiedlichem Ertrag liegen jeweils gleichzeitig offen aus. Reihum legen die
Spieler Schmiergelder, von denen jeder genau die gleichen Beträge besitzt, zu
den Aufträgen. Weil die meisten Gelder verdeckt zugeordnet werden, ist dabei
ein Pokerface gefragt. Nach sechs angelegten Karten pro Spieler wird aufgedeckt.
Wer den höchsten Betrag gezahlt hat, erhält den jeweiligen Auftrag. Das Spiel
endet, sobald alle 24 Aufträge vergeben worden sind.
Karten mit Journalisten, Richtern und Killern, die anstelle von Schmiergeld
gelegt werden können, verleihen dem verdeckten Bieten noch eine besondere Würze.
Journalisten machen eine Schmiergeldzahlung eines Gegners unwirksam. Wo ein
Richter liegt, wird der entsprechende Auftrag gar nicht vergeben. Ein Killer
macht eine Journalisten-, Richter- oder auch Killerkarte beim gleichen Auftrag
wertlos. «Corruption» ist ein pfiffiges Bietspiel, bei dem viel Psychologie
gefragt ist. Die Vergabe der Aufträge geht meistens nicht ohne Überraschungen
über die Bühne. Es kann durchaus passieren, dass sich ein Spieler gleich drei
Aufträge mit relativ mickrigen Zahlungen sichert, während sich alle seine
Gegner bei den übrigen drei Aufträgen mit hohen gezahlten Summen zum Teil
auspatten und leer ausgehen.
«Democrazy», Kartenspiel von Bruno Faidutti, nach einer Idee von Karl-Heinz Schmiel, für 4 bis 10 Spieler ab 12 Jahren; «Corruption», Kartenspiel von Bruno Faidutti für 3 bis 7 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer: je 30 bis 45 Minuten. Verlag: Eurogames Descartes. Preis: 25 bis 30 Franken. Verlagsadresse: Eurogames Descartes, Am Dachsberg 6, D-78379 Konstanz- Reichenau. Internet: www.descartes-editeur.com/german.htm
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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