Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Der Herr der Ringe»: Gemeinsam gegen das Spielsystem
tom. Die Entscheidung fällt am
Schicksalsberg im Lande Mordor. Ein einziger Würfelwurf trennt Frodo davon, das
Spiel zu beenden. Der Würfel fällt, die dicke schwarze Figur des Oberbösewichts
Sauron wird vorgerückt und schmeisst Frodos Figur aus dem Spiel. Aber statt
dass sich unter den Mitspielern Schadenfreude ausbreitet, blicken sich alle
dumpf in ihre langen Gesichter: Denn «Der Herr der Ringe» ist ein kooperatives
Spiel, bei dem die Spieler nicht gegeneinander antreten, sondern in
Zusammenarbeit versuchen müssen, ein Spielsystem auszutricksen. Im Kampf der
guten Hobbits gegen Sauron gewinnen oder verlieren alle Beteiligten gemeinsam.
J. R. R. Tolkiens Trilogie «Der Herr der Ringe» ist das Standardwerk der
Fantasy-Literatur und kann weltweit auf eine millionenstarke Fangemeinde zählen.
Im Weihnachtsgeschäft verkaufte sich das neue Spiel deshalb wie von selber. Der
Spielablauf hält sich an die Begebenheiten, Charaktere und Schauplätze des
Buchs, weshalb bei Eingeweihten immer wieder Aha-Effekte auftreten und sich eine
adäquate Atmosphäre ergeben kann. Dazu trägt auch das Material bei. Gleich fünf
Spielpläne gehören zur Ausstattung; neben einem Hauptspielplan noch vier
Abenteuerspielpläne, auf denen nacheinander verschiedene Kapitel der Geschichte
durchgespielt werden. Die Spieler schlüpfen in die Rollen der Hobbits, von
Frodo, Sam, Merry, Pippin oder Dick, die alle eine andere Spezialfähigkeit
besitzen.
Eine «Finsternisanzeige» mit 16 Feldern auf dem Hauptspielplan wacht über das
Schicksal der Hobbits. Links werden zu Beginn die Hobbit- Figuren aufgestellt.
Rechts steht eine schwarze Sauron-Figur. Durch Ereignisse, die im Verlauf des
Spiels auftreten, kommen sich die Hobbit- Figuren und Sauron immer näher.
Sobald eine Hobbit-Figur auf Sauron trifft, scheidet der betreffende Spieler
ganz aus dem Spiel aus. Mit der Position Saurons zu Beginn des Spiels kann der
Schwierigkeitsgrad – quasi das Handicap – frei gewählt werden. Die Hobbits
müssen die vier Abenteuerspielpläne durchschreiten und erhalten – wie bei
einem Computerspiel – eine höhere Anzahl an Punkten, je weiter es der Beste
der Gruppe schafft. Ziel ist es, den Ring zu zerstören und eine möglichst hohe
Punktzahl zu erreichen. Dabei spielt es keine Rolle, wenn einzelne
Schicksalsgenossen früh das Zeitliche segnen. Die erreichte Punktzahl gilt für
alle.
Reiner Knizia hat ein ziemlich glücksbetontes Spielsystem ausgedacht, das
hervorragend funktioniert. Durch das Aufdecken von Aktionskarten geraten die
Spieler in vielerlei Herausforderungen und müssen immer wieder gemeinsam
entscheiden, wie sie darauf reagieren. Jeder sammelt individuell Lebensplättchen,
Abwehrschilde und Sonderkarten, mit denen Hindernisse überwunden und Gefahren
– auch für Mitspieler – abgewendet werden können. Wer nur für sich
schaut, schadet dabei der Gruppe. Partien, bei denen sich die Spieler nicht
gegenseitig mit ihren Ressourcen aushelfen, sind ziemlich rasch zu Ende.
Trotzdem muss man sich aber auch immer wieder um das eigene Wohl kümmern, weil
das individuelle Ausscheiden droht und man der Gruppe nur nützt, wenn man
selber stark ist.
Bei der Bewertung spaltet «Herr der Ringe» die Spielenden in zwei Fraktionen:
Den einen gefällt es extrem, den anderen überhaupt nicht. Mit welchen Gefahren
die Spielenden konfrontiert werden, ist – wie erwähnt – glücksabhängig.
Dass und welches Ungemach eintritt, beruht auf Wahrscheinlichkeiten, welche die
Entscheidungen der Gruppe prägen sollten. Das Spielsystem ist somit
mathematisch leicht zu durchschauen. Auch wenn man die Vorgehensweise
diskutieren kann, gibt es immer optimale Züge, der Rest ist Glück. So darf man
nie das Risiko eingehen, dass sich Sauron nur einen Millimeter in Richtung
Hobbit-Figuren bewegen könnte. Mit einer Gruppe von erfahrenen Spiele-Freaks
haben wir die Zerstörung des Rings mit einem schwierigen Handicap bereits in
der zweiten Partie geschafft und dann keinen Grund mehr gesehen, weshalb wir «Herr
der Ringe» jemals wieder spielen sollten. Zu sehr fehlte uns der Kampf
gegeneinander und die Unberechenbarkeit von menschlichen Gegnern. Die Abläufe
sind mit der Zeit eher eintönig.
Ich kenne aber auch Gruppen, die «Der Herr der Ringe» unheimlich spannend
finden und das Gemeinschaftserlebnis loben. Auch wenn das Schicksal der Gefährten
mehrheitlich vom Glück abhängt, kann die Frage «Schaffen wir's, oder schaffen
wir's nicht?» ein stetes Kribbeln verursachen und selbst dann noch zum
Mitfiebern mit der Gruppe verführen, wenn man selber längst ausgeschieden ist.
Es gibt auch Leute, die «Herr der Ringe» ein halbes Dutzend Mal gespielt
haben, ohne über den dritten Spielplan hinausgekommen zu sein – wohl aus
Pech. Weil man es endlich schaffen will, versucht man es dann halt immer wieder.
Zudem eignet sich «Der Herr der Ringe» auch für Einsame als Solitärspiel.
«Der Herr der Ringe», kooperatives Spiel von Reiner Knizia für 2 bis 5 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: 60 bis 90 Minuten. Kosmos-Verlag. Etwa Fr. 70.–. Vertrieb: Lemaco SA, Chemin du Croset 9, 1024 Ecublens. Internet: www.kosmos.de.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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