Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Die Fürsten von Florenz» oder wenn man Meinungsfreiheit kaufen kann
tom. Die Qualität eines Werks
wie zum Beispiel eines Zeitungsartikels hängt nicht immer nur von den Fähigkeiten
des Autors ab, sondern auch von allerlei äusseren Ereignissen und Umständen
und nicht zuletzt davon, ob sich der Schreiber an seinem Arbeitsplatz wohl fühlt
oder nicht. Um leistungsfähig zu sein, braucht der eine jeden Morgen eine nette
Zugfahrt, der andere eine Designer- Kantine, der Dritte einen Arbeitsplatz mit
Seeanstoss, damit er über Mittag segeln gehen kann, der Vierte einen
Cameron-Diaz-Bildschirmschoner, der Fünfte einen Sieg des FC Zürich und der
Sechste einen Kampfhund, der sein Büro verteidigt. Von Goethe wird erzählt,
dass er sich vom Duft faulender Äpfel inspirieren liess.
An den Höfen der bekannten Florentiner Adelsfamilien wie Medici oder Strozzi zu
Beginn des 16. Jahrhunderts war dies nicht anders, jedenfalls wenn man dem Spiel
«Die Fürsten von Florenz» vertraut. Um als Mäzen die besten Künstler und
Wissenschafter in sein kleines Fürstentum zu locken, braucht man in diesem
Spiel nicht nur geeignete Gebäude wie Universitäten und Werkstätten. Es müssen
auch Pärke, Seen und Wälder zur Erholung und Inspiration vorhanden sein sowie
besondere Privilegien wie Meinungs-, Religions- oder Reisefreiheit geboten
werden. Die Anwesenheit von Gauklern, die mit ihren Spässen die rauchenden Köpfe
der Gelehrten leeren, trägt ebenfalls dazu bei, dass qualitativ hochstehende
und prestigeträchtige Werke entstehen, die dem Fürsten zu Ruhm und hohem
Ansehen gereichen.
So tummeln sich die Künstler und Wissenschafter am Hof, je mehr von ihnen
vorhanden sind, desto anregender werden ihre Gespräche, positiver die
gegenseitigen Beeinflussungen und besser die Werke. Der Botaniker will aber natürlich
ein Laboratorium und einen Park. Der Theologe möchte ebenfalls gern einen Park
zum Lustwandeln, ausserdem Reisefreiheit, nicht aber Religionsfreiheit. Der
Alchimist, der Rechtsgelehrte und der Philosoph wollen Meinungsfreiheit, dem
Dichter allerdings ist Reisefreiheit wichtiger. Der Komponist braucht für seine
Inspiration einen See. Und alle wollen sie Unterhaltung, Unterhaltung und
nochmals Unterhaltung durch möglichst viele Gaukler. Die Bedürfnisse sind
nicht leicht zu befriedigen. Denn der Fürst hat nicht genügend Geld, Energie
und Platz in seinem winzigen Fürstentum, um für alle optimale Voraussetzungen
schaffen zu können.
Er muss also planen, Personalpolitik betreiben und sich genau überlegen, was er
erreichen und auf wen er setzen will. Als Fürst und Mäzen beginnt man das
Abenteuer mit einer Handvoll Florin Startgeld, einem bis auf einen Palazzo
leeren quadratischen Grundstück und einer Auswahl von Personenkarten. Es gilt,
nach dem Ablauf von sieben Runden eine möglichst hohe Zahl von Prestigepunkten
zu erringen, die durch das Errichten von Gebäuden, Anlegen von Landschaften,
Einstellen von Baumeistern, hauptsächlich aber durch die Vollendung von Werken
erreicht werden. Jede Runde hat zwei Phasen:
In Phase A stehen jeweils sieben verschiedene Objekte zur Auswahl: ein Wald, ein
See, ein Park, ein Gaukler, ein Baumeister – der das billigere und kompaktere
Bauen von Gebäuden ermöglicht (ohne ihn dürfen sich Gebäude im Fürstentum
nicht berühren!!) –, eine Karte zum Abwerben von Personen von fremden Höfen
sowie eine Prestigekarte, die bei Spielende Sonderpunkte einbringen kann. Jeder
Fürst darf pro Phase genau ein Objekt ersteigern, aber nicht dasselbe wie ein
Gegner. Nerven wie Drahtseile sind dabei gefragt. In Phase B kann jeder zwei
Aktionen ausführen, dazu zählen das Errichten von Gebäuden, das käufliche
Erwerben von Privilegien wie etwa der Meinungsfreiheit, das Anwerben von
Gelehrten und Künstlern, die Vollendung von Werken (je mehr Bedürfnisse eines
Künstlers oder Gelehrten im Fürstentum erfüllt sind, desto höher die
Punktzahl) und der Erwerb von Bonuskarten, die den Wert von einzelnen Werken erhöhen.
So stehen zwar viele Handlungsmöglichkeiten zur Auswahl. Jeder Spieler kann während
einer Partie aber nur genau sieben Mal ein Objekt ersteigern und vierzehn Mal
eine Aktion ausführen, muss sich also beschränken. Möglichst hohe Effizienz
ist gefragt. Dem Autorengespann Richard Ulrich und Wolfgang Kramer, von dem «El
Grande» stammt, ist mit «Die Fürsten von Florenz» ein grosser Wurf mit viel
Spielatmosphäre gelungen. Das Spiel richtet sich an anspruchsvolle, erfahrene
Spieler und ist deshalb in der Alea-Reihe von Ravensburger erschienen.
Ich kenne wenige Spiele, die eine solche Vielzahl von unterschiedlichen
strategischen Möglichkeiten erlauben, die alle zum Sieg führen können. Die
Mischung von extremer Interaktion (wenn im Gerangel der Versteigerungen wirklich
alles schief läuft, was schief laufen kann) und extremem Autisten-Spiel (wenn
in der Aktionsphase jeder still an seinem Fürstentum «herumgrümschelet»,
rechnet, bastelt und versucht, möglichst geeignete Gebäude und Landschaften
– ähnlich wie beim Computerspiel «Tetris» – effizient anzuordnen), macht
dabei den besonderen Reiz aus.
«Die Fürsten von Florenz», Versteigerungs- und Aufbauspiel von Richard Ulrich und Wolfgang Kramer für 3 bis 5 Spieler ab 12 Jahren, Verlag: Alea (Ravensburger), Spieldauer: 75 bis 100 Minuten, Preis: etwa 55 Franken. Vertrieb: Carlit + Ravensburger, Grundstr. 9, 5436 Würenlos.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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