Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Die Händler von Genua»: Feilsch-Exzesse in der freien Marktwirtschaft
tom. «Well, we're . . . we're
supposed to haggle.» Unweigerlich tauchten die Worte von Harry the Haggler aus
Szene 14 des Monty- Python-Klassikers «Life of Brian» in meinem Bewusstsein
auf, als ich mich zum ersten Mal in einer Partie «Die Händler von Genua»
versuchte. Er müsse feilschen, wird Brian im Film mehrfach aufgefordert, während
er sich auf der Flucht vor garstigen Wachen an einem Marktstand zur Tarnung
Kunsthandwerk ansieht. Seine Bereitschaft, für einen Gegenstand ohne
Verhandlung 20 Schekel hinzublättern, wird von seinem Gegenüber fast schon als
aggressiver Akt aufgefasst. Freude am Feilschen, Verhandeln und Schachern um des
reinen Feilschens willen ist denn auch Voraussetzung, um an dem wunderbaren
Wirtschaftsspiel «Die Händler von Genua» Spass zu haben.
Die Philosophie der freien Marktwirtschaft wird dabei gekonnt auf die Spitze
getrieben. Fast alles ist in diesem Spiel handel- oder tauschbar: Waren, Geld,
Aufträge, Sonderkarten mit Spezialfähigkeiten, Privilegien – selbst
Aktionen, die überhaupt das Eingreifen ins Spielgeschehen ermöglichen.
Festgelegte Preise existieren nicht. Es geht ganz einfach darum, selber alles so
billig wie möglich zu erstehen und so teuer wie möglich zu verkaufen. Damit
stellt das Spiel nicht alltägliche Anforderungen an die Interaktionsfähigkeiten
der Mitspieler. Auch dass «Die Händler von Genua» in der edlen Alea-Reihe von
Ravensburger erschienen ist, verrät den höheren spielerischen Anspruch. Der
Schein trügt jedoch. Zwar ist zunächst durchaus ein 12-seitiges Regelheft zu
bewältigen, der Einstieg ist aber trotzdem eher einfach und das Spiel derart
logisch und packend, dass sich Anfänger schnell im Spielgeschehen
zurechtfinden, obwohl sie wohl erst nach dem Ende der ersten Partie wirklich
wissen werden, worauf sie beim Geschachere hätten achten müssen.
Obwohl es wie auf einem orientalischen Basar zu und her geht, ist der Schauplatz
des Spiels das historische Genua. Der Spielplan zeigt einen imaginären
Stadtteil mit einem Marktplatz in der Mitte. Gassen, sechzehn Gebäude, ein
Hafen und ein Park sind darum herum angeordnet. In jedem der Gebäude, zu denen
auch Park und Hafen zählen, kann eine bestimmte Aktion ausgeführt werden. In
vier Warenlagern gibt es Silber, Kupfer, Seide, Leinen, Pfeffer, Salz, Weizen
oder Reis zu kaufen. In der Gildenhalle und im Rathaus werden Aufträge
verteilt, die darin bestehen, Waren in bestimmte Gebäude zu bringen. In der
Kathedrale gibt es Besitzmarken für Gebäude, in der Poststation Botschaften,
die zwischen Gebäuden überbracht werden müssen. Ein Palazzo, eine Kutscherei,
eine Taverna, eine Trattoria, der Park und der Hafen halten für ihre Besucher
Sonderkarten bereit. Und in den vier Villen Colini, Monetti, Ricci und Zasteri
gibt es Privilegien zu erstehen oder Aufträge zu erfüllen.
Jeder Spieler ist pro Runde einmal der Chef und bestimmt, wo es langgeht. Fünf
Schritte hat er zur Verfügung, um sich in der Stadt zu bewegen und im besten
Fall fünf Gebäude zu besuchen. Der Chef selber – auch Zugspieler genannt –
darf aber jeweils nur in einem Gebäude eine Aktion durchführen. Die übrigen
Aktionen versucht er möglichst lukrativ an die Mitspieler zu verkaufen. Sein
Weg durch die Stadt richtet sich dabei durchaus nach den Wünschen der
Mitspieler, je nachdem, was ihm diese bieten. Wer wo eine Aktion durchführt,
ist reine Verhandlungssache.
Ersteigert ein Spieler zum Beispiel die Aktion, in einem Lager Waren zu kaufen,
erhält er die Ware und der Zugspieler das Gebot dafür. Der Chef ist frei in
der Entscheidung, wem er eine Aktion gibt, es muss nicht zwangsläufig jener
Spieler sein, der am meisten geboten hat. Als Angebote sind alle Kombinationen
von «Hardware» möglich: Geld, Waren, Auftragskarten, Sonderkarten,
Privilegienkarten, Besitzmarken für Gebäude. Mit «weicher Währung» wie
Zusagen für spätere Züge, dem Verzicht auf Rechte oder dem Versprechen, dem
Gastgeber die Toilette zu putzen, darf allerdings nicht geboten werden.
Wie bei jedem richtigen Wirtschaftsspiel – dieses ist schlicht meisterhaft in
seinem Genre – gewinnt, wer zum Schluss am meisten Geld hat. Auch erworbene
Privilegien und Gebäude-Besitzmarken zählen. «Die Händler von Genua» ist
ein Spiel, das die Spielenden als ausgesprochen mündige Bürger betrachtet und
ihnen wahnsinnig viele Freiheiten lässt, innerhalb des Regelwerks selber zu
agieren. Es gibt keine überlegene Taktik. Auch die Strategie, selber passiv zu
bleiben und alle seine Aktionsmöglichkeiten möglichst gewinnbringend unter die
Mitspieler zu bringen, hat schon zum Sieg geführt. Jeder Fünfer kann dabei
wichtig werden. Obwohl durchaus mit hohen Beträgen gehandelt wird, geht das
Spiel nämlich oft sehr knapp aus. Die Verhandlungsintensität bestimmt die
Spieldauer. Eine Partie dauert normalerweise eineinhalb bis zwei Stunden. Mit
launigen, geschäftstüchtigen Feilschern haben wir aber auch schon über drei
Stunden gespielt.
«Die Händler von Genua»: Wirtschaftsspiel von Rüdiger Dorn für 2 bis 5 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer: 60 bis 180 Minuten. Verlag: alea (Ravensburger). Preis: etwa 55 Franken. Verlagsadresse: Carlit + Ravensburger AG, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos. Internet: www.ravensburger.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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