Erschienen in der Zürichsee-Zeitung
Geschäfte lohnen sich - für alle
Die meisten Erwachsenenspiele richten sich
entweder an Gelegenheits- oder an Vielspieler. Erwischt ein Vielspieler ein
Spiel, das sich an ein wenig spielgewohntes Publikum richtet (dazu gehören etwa
die Spiele zu TV-Sendungen), ist er häufig enttäuscht ab den spärlichen
taktischen Möglichkeiten; im umgekehrten Fall ist der Gelegenheitsspieler
möglicherweise von den komplizierten Regeln überfordert. Es gibt aber auch
Spiele, an denen sowohl Gelegenheits- als auch Vielspieler ihre Freude haben.
"Die Händler von Genua" ist so ein Glücksfall. Auf dem Spielplan,
der die Stadt Genua darstellt, kann der Zugspieler die gemeinsame Spielfigur bis
zu fünf Felder weit frei bewegen. Auf jedem Gebäudefeld kann eine Aktion
durchgeführt werden: Die Warenlager etwa liefern Handelsgüter, in den Villen
gibt's Privilegkarten, die in richtiger Kombination am Schluss viele Dukaten
wert sind (denn um den Mammon geht's im Endeffekt), anderswo kann man
Auftragskarten ziehen, mittels derer man bestimmte Waren in bestimmte Gebäude
bringen muss, was wiederum Dukaten einbringt. Der Clou an der Sache: Der
Zugspieler darf pro Zug nur eine einzige Aktion ausführen, die anderen kann er
an seine Mitspieler verkaufen. Diese Deals sind nicht auf Geldbeträge
beschränkt, vielmehr können auch Karten und Waren den Besitzer wechseln. Steht
die Spielfigur beispielsweise im Gewürzlager, kann eine Mitspielerin 20 Dukaten
bieten, damit der Zugspieler in die Villa Ricci zieht und sie dort die Aktion
ausführen lässt. Ein anderer Spieler bietet nun aber 10 Dukaten und ein
Privileg für die Aktion der Trattoria. Wird die erste Spielerin ihr Angebot
erhöhen? Schaltet sich gar noch ein weiterer Spieler ein? Man merkt: "Die
Händler von Genua" ist Interaktion pur. Ständig wird gefeilscht und
verhandelt, und wer nur sein eigenes Süppchen kochen will, zieht den kürzeren.
Denn das Spiel ist geschickt so konzipiert, dass sich ein Geschäftsabschluss
meist für beide Parteien lohnt: Mit einem Boykott würde man sich selber
schaden. Kleine Fiesheiten zwischendurch sind dagegen durchaus möglich und
machen den Spielablauf noch lebendiger, als er ohnehin ist.
Wenn die Möglichkeit zur Interaktion zwischen den Spielern ein
durchschnittliches von einem hervorragenden Spiel unterscheidet, dann gebührt
den "Händlern von Genua" die Bestnote: Selten habe ich ein Spiel
erlebt, in dem in jeder Partie die Wellen derart hochgingen und alle Beteiligten
Spass hatten. Auch die eher überdurchschnittliche Spieldauer von rund
zweieinhalb Stunden verging wie im Flug. Dies hat auch damit zu tun, dass das
Spiel - Vielspieler können sich freuen - mehrere grundverschiedene Strategien
zulässt, die alle zum Sieg führen können: Ob es sich eher lohnt,
Privilegkarten zu sammeln, ob man versuchen soll, möglichst viele Aufträge zu
erfüllen, oder ob man die eigenen Bedürfnisse zurücksteckt und dafür
versucht, die Aktionen im eigenen Zug möglichst gewinnbringend an die
Mitspieler zu verhökern - das ist je nach Spielverlauf und Verhandlungsgeschick
unterschiedlich. Zugegeben: Für Ungeübte mag die umfangreiche Anleitung
abschreckend wirken. Wie immer ist es einfacher, sich das Spiel von einem
erfahrenen Spieler erklären zu lassen. Aber ich bleibe dabei: Sowohl
Gelegenheits- als auch Vielspieler werden an den "Händlern von Genua"
grossen Spass haben. Was will man noch mehr?
"Die Händler von Genua" von Rüdiger Dorn, für 2 bis 5 Spieler (ideal sind 4 oder 5) ab 12 Jahren. Spieldauer ca. 2 1/2 Stunden (lässt sich bei Bedarf verkürzen; zu dritt nur ca. 1 1/2 Stunden), Preis ca. 55 Franken. Verlagsadresse: Carlit + Ravensburger AG, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Egg im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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