Erschienen in der Zürichsee-Zeitung

Darf der Missetäter mitfahren?

Wolfgang Kramer gehört ohne Zweifel zu den erfolgreichsten Spieleautoren der letzten 20 Jahre. Schon viermal erhielt eines seiner Werke die Auszeichnung "Spiel des Jahres", zuletzt "Tikal" in diesem Jahr, davor 1996 "El Grande". Dieses Spiel entwarf Kramer zusammen mit Richard Ulrich. Nun ist vom Gespann Kramer/Ulrich "Die Händler" erschienen.
Einmal mehr ist das Geschehen im Mittelalter angesiedelt. Sechs Städte sind durch Strassen miteinander verbunden, und es geht dar-um, durch geschickten Handel zwischen ihnen zu möglichst viel Geld und damit wiederum auf der "Ständetafel" - sie reicht von "Krämer" über "Grosshändler" bis "Ratsherr" - möglichst weit nach oben zu kommen. Noch vor Spielbeginn fallen zwei Dinge positiv auf. Einerseits das Spielmaterial: grosse Holzwagen, in denen jeder Spieler ein eigenes Abteil für die Waren hat und ein Spielplan, der die Balance zwischen Übersichtlichkeit und Ausschmückung genau trifft. Andererseits die raffiniert dreigeteilte Spielanleitung: Auf einer Doppelseite werden alle Elemente des Spielplans und die Startaufstellung erklärt, auf drei Seiten wird dann der Ablauf so erläutert, dass man gleich losspielen kann, und in einem separaten Heft folgen Antworten auf häufig gestellte Fragen, Beispiele und strategische Tipps. Diese vorbildliche Einführung ins Spiel ist auch nötig, denn "Die Händler" besteht aus recht vielen verschiedenen Mechanismen, die allerdings leicht verständlich sind und gut ineinander greifen. Die leeren Wagen beispielsweise werden unter den Spielern versteigert. Wer am meisten bietet, ist "Lademeister" und darf als einziger drei Waren einladen. Wenn er will, kann er anderen Spielern - gegen Bezahlung - erlauben, bis zu zwei ihrer Waren einzuladen. Doch sobald es ums Bewegen der Wagen geht, sind wieder alle gleichberechtigt: Jeder darf sich einen Wagen aussuchen, den er ziehen will. Und wer über eine Strassenkreuzung fährt, entscheidet, wohin die Reise gehen soll. Dies ist darum entscheidend, weil die verschiedenen Städte unter-schiedliche Preise für die Waren zahlen. Hier kann man den Mitspielern bisweilen wunderbar einen Strich durch die Rechnung machen. Doch Rache ist süss: Das nächste Mal, wenn der Geschädigte Lademeister ist, wird er sich zweimal überlegen, ob er den Missetäter mitfahren lassen will.
Dies zeigt: "Die Händler" lebt von der Interaktion zwischen den Spielern, und so steht und fällt die Qualität einer Partie mit dem Temperament der Mitspieler. Fliesst ihnen zuwenig Krämerblut in den Adern, so wird das Spiel zäh und zieht Fäden wie Kaugummi an der Sonne. Mit den richtigen Leuten jedoch vergehen zwei Stunden wie im Flug, und man hat sogleich Lust auf mehr.
Zusätzliche Würze erhält "Die Händler" durch sogenannte Ausstattungskarten, die am Anfang einer Partie nach einem festen Schlüssel verteilt oder - diese Option ist für erfahrene Spieler gedacht - versteigert werden. Sie verleihen etwa zusätzliche Bewegungspunkte für die Wagen, den spottbilligen Wareneinkauf oder Einfluss auf die Fluktuation der Preise.
Übrigens: "Die Händler" gehört zu den ganz wenigen Spielen, die sich sowohl zu dritt oder zu viert als auch zu zweit gut spielen. Zu zweit tritt naturgemäss die Interaktion etwas zurück hinter taktischem Kalkül - jeder Nachteil des Gegenspielers ist mein Vorteil - aber langweilig wird eine
Partie dadurch bestimmt nicht.

"Die Händler" von Wolfgang Kramer und Richard Ulrich, für 2 bis 4 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer 80 (zu zweit) bis 120 (zu viert) Minuten. Preis ca. 60 Franken. Verlag: Queen Games, Vertrieb: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstrasse 14, 9445 Rebstein.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Egg im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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