Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Herzinfarkt-Auktionen in Amsterdam und Wein-Poker auf der Loire

tom. Möglichst viel Geld scheffeln, so lautet das Ziel zweier kurzweiliger, aber sehr unterschiedlicher Familienspiele, deren Themen in die europäische Wirtschaftsgeschichte entführen. «Die Kaufleute von Amsterdam» lässt die Geschichte der Grachtenstadt zwischen 1579 und 1666 aufleben, von der Errichtung der Union von Utrecht, die als Beginn des niederländischen Staats gilt, bis zum Ausbau des Grachtenrings mit prunkvollen Stadtpalästen. Das Regelheft erzählt dazu auf drei A4-Seiten die wichtigsten Ereignisse der Stadt, deren Bevölkerungszahl in jener Zeit von 50 000 auf 200 000 wuchs. «Die Weinhändler» feiern die Ära der Dampfschifffahrt auf der Loire am Anfang des 19. Jahrhunderts. Baumwolle, Kaffee, Gewürze und Seide wurden von Nantes flussaufwärts ins Landesinnere gebracht, während Getreide, Geflügel und die berühmten Weine flussabwärts schipperten.
Als Kaufmann in Amsterdam hat man zwölf Möglichkeiten, zu Geld zu kommen: Man kann in Afrika, Amerika, Ostindien oder dem Fernen Osten Handelsniederlassungen gründen, in einem der vier Stadtteile «Grachten», «Nieuw Zijde», «Oude Zijde» oder «Lastage» ein Kontor bauen oder an der Amsterdamer Warenbörse in Zucker, Edelsteinen, Gewürzen oder Seide investieren. Dabei gilt es, in möglichst vielen der zwölf Bereiche Mehrheiten zu erlangen. Denn im Lauf des Spiels kommt es immer wieder zu Wertungen, bei denen an die beiden gerade Dominierenden jedes Bereichs Geld ausbezahlt wird. Entscheidungsnotstand herrscht: Man möchte zwar gern überall mitmischen, was aber unmöglich ist.
Drei Elemente machen dieses Wirtschaftsspiel besonders originell: 1. Das Spiel dauert genau so lange, bis ein verdeckter Kartenstapel mit 84 Karten einmal durchgespielt ist. Im Stapel verbergen sich 24 Sanduhrkarten. Erscheint eine Sanduhr, wird eine Figur auf einer Zeitbahn mit 24 Feldern vorwärts bewegt. Einige dieser Felder lösen Wertungen aus. Da niemand weiss, wann die Sanduhren auftauchen, ist auch der Zeitpunkt der Wertungen ungewiss. 2. Wer an der Reihe ist, zieht jeweils drei Karten, die Investitionen in spezifische der zwölf erwähnten Bereiche erst ermöglichen. Eine der Karten darf er behalten, eine wird versteigert, die Dritte vernichtet. Der Spieler muss nach jeder gezogenen Karte sofort, bevor er die nächste kennt, entscheiden, was er damit anfängt. 3. Der eigentliche Clou ist die Versteigerung mit einer Auktionsuhr, deren Zeiger langsam rückwärts läuft. Der Preis für eine Karte wird dabei immer billiger, und es gilt, Nerven zu behalten. Wer zuerst auf die Uhr drückt, erhält die Karte. Wer zu früh drückt, muss viel bezahlen, wer zu lange wartet, kriegt gar nichts. Das ist bis zum Schluss aufregend und macht Spass.
Karten spielen auch bei «Die Weinhändler» eine zentrale Rolle. Auf der Loire, die auf dem Spielplan aus acht Feldern mit acht Städten besteht, müssen Weinfässer nach Nantes und Passagiere zu ihren Wunsch-Häfen gebracht werden. Als Lohn winken Louis d'Or. Das Spielgeschehen wird durch Ausspielen von Karten mit unterschiedlichen Funktionen bestimmt: «Heizer» bewegen den eigenen Dampfer vorwärts. «Bootsleute» werden zum Anlegen in Häfen gebraucht. Wenn aber zwei Dampfer auf dem gleichen Feld stehen, darf nur derjenige anlegen, der mehr Bootsleute ausspielt. «Anglerkarten» ermöglichen eine Auszeit, um abzuwarten und zu schauen, was die Gegner zu bieten haben. Wer in einer Kartenrunde nicht mehr will oder kann, steigt wie beim Pokern aus. Das Spiel lebt von der Spannung, ob der Gegner wohl blufft oder halt doch noch einen Bootsmann auf der Hand hat und damit alle eigenen Absichten durchkreuzt. Sonderkarten beleben das Gerangel: Eine «Sonne» verdirbt den Wein, eine «Explosion» legt einen Heizer lahm, und mit «Wein» kann man «Bootsleute» abwerben. Ein durchdachtes Gemisch zwischen Glück und Planung macht die «Weinhändler» zu einem soliden Familienspiel.

«Die Kaufleute von Amsterdam», Wirtschaftsspiel von Reiner Knizia für 3 bis 5 Spieler ab 10 Jahren. Verlag: Jumbo; Spieldauer: 60 bis 90 Minuten; Preis: etwa 55 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Pierre Bloch Spielwaren, Hardstrasse 105, 4020 Basel. Internet: www.jumbo-spiele.de

«Die Weinhändler», Wirtschaftsspiel von Dominique Ehrhard für 3 bis 6 Spieler ab 10 Jahren. Verlag: Piatnik; Spieldauer: 50 bis 90 Minuten; Preis: etwa 40 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstrasse 14, 9445 Rebstein. Internet: www.piatnik.com


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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