Neue Zürcher Zeitung LEBENSART
Faites vos jeux «Die Macher»: Wahlpoker, Medien kaufen, Volksmeinungen manipulieren tom. Der Höhepunkt des Wahlfrühlings steht mit den Stadt- und Gemeinderatswahlen in der Stadt Zürich am kommenden Wochenende unmittelbar bevor. Klagen über mangelnde Spannung prägten den Wahlkampf. Fehlendes Wahlfieber kann jedoch durchaus am Spieltisch kompensiert werden. Das Thema Wahlen hat die Erfindungsgabe von Spiele-Autoren schon immer beflügelt. Die deutsche Spiele-Zeitschrift «Pöppel Revue» hat 1995 nicht weniger als 159 Wahlspiele aufgelistet, darunter auch «Kreml» und das «Wahlspiel» des Schweizers Urs Hostettler. Zwei legendäre Wahlspiele sind nun in überarbeiteten Neuauflagen wieder auf dem Markt; das alte Pelikan- Spiel «Minister» von Rudi Hoffmann, das im Frühling neu bei TM-Spiele erscheint, sowie «Die Macher» von Karl-Heinz Schmiel.«Die Macher» ist ein gediegen aufgemachtes Mammut-Spiel. An Ausstattung wurde nicht gespart. Das Regelheft im A4-Format umfasst 24 Seiten, eine Partie dauert im optimalen Fall vier Stunden, kann sich aber auch länger hinziehen. Schon deshalb richtet sich das Spiel an eine sehr kleine Gruppe von Konsumenten. Die Regeln sind zu komplex, das Spielthema ist zu spezifisch und zu deutsch, um einen grossen Verkaufserfolg erzielen zu können. Für Spiele-Freaks und Polit- Angefressene lohnt sich das lange Regelstudium im Hinblick auf eine spannungsgeladene Spielnacht allemal. Die Spielregel ist jedoch verbesserungswürdig. Wegen ihrer Gliederung können wichtige Details leicht überlesen werden. Genaues Verstehen ist aber Voraussetzung, um mühsamen Diskussionen im Spiel vorzubeugen.
Jeder Spieler verkörpert eine Partei, für die er den Wahlkampf in sieben zufällig bestimmten deutschen Bundesländern managen muss. CDU, SPD, PDS, FDP und die Grünen stehen zur Auswahl. Im Parteiprogramm jedes Spielers wird die Haltung zu aktuellen politischen Fragen wie Gentechnik, Euro, Rechtschreibreform oder Kernenergie festgehalten. Die Grünen können dabei durchaus für «mehr Kernenergie» eintreten. Jede Partei muss versuchen, ihr Programm den in den Ländern herrschenden Volksmeinungen anzupassen, um Stimmen zu holen. Mit der Kontrolle der Medien kann auch umgekehrt die Volksmeinung dem eigenen Parteiprogramm angepasst werden.
Eine Vielzahl von Faktoren bestimmt den Spielablauf. Sehr kurz zusammengefasst, müssen die Spieler in den Ländern Wahlveranstaltungen organisieren, durch die sie Wählerstimmen holen. Die Zahl der Stimmen pro Wahlveranstaltung hängt mit den Übereinstimmungen des Parteiprogramms mit der Volksmeinung sowie mit einem «Trend» zusammen, der für jede Partei in jedem Bundesland den momentanen Beliebtheitsgrad festhält. Mit unzähligen Aktionen, die Geld kosten, können Programme und die «Trends» geändert, Medien gekauft, Stimmen eingefangen, Meinungen manipuliert oder gar aus taktischen Gründen dem Gegner Koalitionen aufgezwungen werden. Zu Geld kommt man über errungene Mandate, Spenden und Beiträge der Parteibasis. Der Sieg führt über mehrere Faktoren; die Anzahl erzielter Mandate und kontrollierter Medien, die Grösse der Parteibasis und die Übereinstimmung des Parteiprogramms mit der «Bundesmeinung».
«Die Macher» ist ein Spiel, das zu Beginn mehr Respekt einflösst, als notwendig wäre. Erstaunlicherweise finden sich auch ungeübte Spieler nach ein paar Runden sehr gut mit dem Spielablauf zurecht. Die Zahl der Entscheidungsmöglichkeiten ist fast unbegrenzt, falls man das nötige Kleingeld besitzt. Niemand kann überall stark sein, jeder Spieler muss sich auf einzelne Bereiche und Länder konzentrieren. Die Spielhandlungen fallen in der Schlussabrechnung sehr unterschiedlich ins Gewicht. Der Sieger steht jedoch wirklich erst ganz zum Schluss fest.
Als enorm wichtiger und vielleicht etwas zu starker Faktor hat sich in mehreren Partien die Versteigerung von «Umfragekarten» erwiesen. Mit ihnen können die Trends der Parteien massiv verändert werden. Stundenlang geplante Strategien werden im Extremfall durch eine einzige Karte völlig zunichte gemacht. Regelmässig geht es für einzelne Spieler bei den Versteigerungen deshalb um alles oder nichts. Oft wird man gezwungen, für den Erhalt einer Karte das ganze Vermögen herzugeben. Da der Inhalt der Karte erst nach der Versteigerung preisgegeben wird, kann sich die Karte auch als Fehlinvestition erweisen. Hier werden «Die Macher» definitiv zum Spiel für abgebrühte Zocker. Trotzdem sind es letztlich genau diese Versteigerungsrunden, die dem Spiel die nötige Spannung verleihen, um überhaupt stundenlang fesseln zu können.
«Die Macher» von Karl-Heinz Schmiel. Verlag Moskito- Spiele/Hans im Glück (in Zusammenarbeit). 3 bis 5 Spieler ab 14 Jahren. Dauer einer Partie: 4 bis 6 Stunden. Preis: etwa 85 Fr. In der Schweiz nur in speziellen Spiele-Fachgeschäften erhältlich oder direkt beim Importeur Pierre Gauthier AG, Hofackerstrasse 79, CH-4132 Muttenz, Telefon 061 461 72 73
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
© 1998 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Leimatstrasse 32, CH-9000 St. Gallen. Update: 08.03.1999