Gesellschaftspiele: Spielebesprechungen aus der Schweiz


Neue Zürcher Zeitung LEBENSART Samstag, 02.05.1998 Nr. 100  112

Faites vos jeux

Originelle Varianten alter Spieleklassiker: «Dimenticato» und «Canyon»

    tom. Es liegt in der Natur von guten Spielideen und Spielregeln, dass sie von kreativen Spielern ständig weiterentwickelt und verändert werden. Denn nur selten gelingt es einem Spielerfinder, einen wirklich überzeugenden neuen Spielmechanismus herauszutüfteln. In vielen Neuerscheinungen finden sich bewährte Bestandteile alter Klassiker wieder, manchmal sind sie gut versteckt, manchmal sehr offensichtlich. «Dimenticato» und «Canyon» sind zwei solche Varianten alter Klassiker, dem ersteren ist ganz eindeutig «Eile mit Weile», dem anderen sind Stich-Kartenspiele à la «Skat» oder «Jassen» Pate gestanden. Bei «Dimenticato» ist die Umsetzung sogar derart gut gelungen, dass es im vergangenen Jahr auf der Auswahlliste für den Kritikerpreis «Spiel des Jahres» erschienen ist.

    «Dimenticato» wird von Ferdinand Hein im Eigenverlag vertrieben. Es überzeugt bereits beim Auspacken durch die einfache, aber sehr schöne Ausstattung. Der Spielplan muss aus farbigen Karten, die mit unterschiedlichen Würfelwerten bestückt sind, immer wieder neu zu einem Rundkurs zusammengesetzt werden. Wie bei «Eile mit Weile» geht es darum, vier Figuren möglichst schnell über den Rundkurs zu bringen. Einen Würfel gibt es jedoch nicht. Der Spielmotor ist das eigene Gedächtnis. Ist man an der Reihe und will weiterziehen, muss man die verdeckte Augenzahl unter einer eigenen Holzfigur richtig ansagen, worauf man die entsprechende Anzahl Felder ziehen darf. Misslingt die Ansage, bleibt man stehen. Weil gegnerische Figuren schlagen und geschlagen werden können, gilt es, sich die eigenen und fremden ständig wechselnden Werte zu merken. Dadurch entfällt ein grosser Teil des Glückfaktors von «Eile mit Weile». Mit entsprechendem Gedächtnisaufwand sind die Züge immer berechenbar. Geschlagene Figuren werden ausserdem im Gegensatz zu «Eile mit Weile» nur drei Felder hinter die eigene Figur zurückgesetzt und können von dort aus zur Revanche ausholen.

    Die Basis von «Canyon» ist ein einfaches Karten-Stichspiel. Es geht darum, die Zahl der Stiche, die man in einer Runde zu machen gedenkt, richtig vorauszusagen. Der Kartensatz besteht aus insgesamt 50 Karten in 5 Farben mit den Werten 1 bis 10. Eine Farbe ist jeweils Trumpf. Es werden aber nicht alle Karten verteilt. Die Anzahl der an jeden Spieler verteilten Karten wechselt zudem von Runde zu Runde: maximal acht, minimal eine. Gelingt es einem Spieler, so viele Stiche zu erzielen, wie er vorausgesagt hat, erhält er entsprechende Punkte und je nach Anzahl der Stiche auch noch zusätzliche Bonuspunkte.

    Das Besondere an «Canyon» ist nun, dass die erzielte Punktzahl nicht einfach auf ein Blatt Papier gekritzelt wird. Nein, jeder Spieler rückt auf einem Spielbrett, für dessen Graphik wieder einmal Franz Vohwinkel verantwortlich ist, ein Kanu um so viele Felder flussabwärts, wie er Punkte erzielt hat. Da der Canyon unregelmässig gewunden ist und Inseln beherbergt, sind verschiedene taktische Optionen, wie etwa das Blockieren von gegnerischen Kanus, möglich. Ausserdem treibt man zum Schluss der Strecke in einen gefährlichen Wasserfall. Kann ein Spieler, der sich in der Wasserfall-Zone befindet, über mehrere Runden seine Stichzahl nicht richtig ansagen, wird er einfach hinuntergespült und muss sein Kanu vor dem Wasserfall wieder wassern.

    «Canyon» sticht dank seiner Originalität aus der Unzahl aktueller Karten-Stichspiele heraus. Es wurde bereits vor einem Vierteljahrhundert erfunden und ist eine Neuauflage des 1972 bei 3M erschienenen «Bid und Bluff». Einige Regeln sind verändert worden. Für alle, die gerne jassen, ist es sicherlich eine spannende Abwechslung. Die Regel mit der Wasserfall-Zone wirkte auf uns allerdings etwas aufgesetzt. In über einem Dutzend «Canyon»-Partien ist nämlich seltsamerweise nie ein Spieler hinuntergespült worden.

    «Dimenticato» von Ferdinand Hein, Verlag: Dr.-F.-Hein- Spiele, für 2 bis 4 Spieler ab 6 Jahren, Dauer einer Partie: etwa 30 Minuten. Preis: etwa 40 Franken.

    «Canyon» von Frederick A. Herschler, Verlag: Abacus, für 2 bis 6 Spieler ab 10 Jahren, Dauer einer Partie: 45 bis 60 Minuten. Preis: etwa 33 Franken.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net-ch.


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