Erschienen in der Zürichsee-Zeitung
Kriegsdrohung am Küchentisch
Christian Egg über „Diplomacy“
Dieses Spiel ist ein Dinosaurier. Nicht nur, dass es vor über 40 Jahren erstmals erschien, auch sonst wirkt „Diplomacy“ - gegenwärtig in einer Neuauflage bei Hasbro erhältlich - wie ein Gigant aus einer längst vergangenen Zeit. Es war eine Zeit, als es den Begriff „Erwachsenenspiele“ noch nicht gab, und wenn man jemanden danach gefragt hätte, wäre als Antwort wohl „Schach“ oder „Monopoly“ herausgekommen. Von der heutigen Vielfalt mit mehreren hundert Neuerscheinungen jährlich träumte noch niemand.
Doch auch damals muss es Freaks gegeben haben, die das
Besondere suchten. Und das bietet
„Diplomacy“ auch heute noch. Es spiegelt die europäische Politik zu Beginn
des 20. Jahrhunderts wider, die geprägt war von Intrigen, Drohungen und
geheimen Depeschen. Jeder Spieler kontrolliert die Streitkräfte einer
Grossmacht und hat zu Beginn drei Einheiten (Armeen oder Flotten) und ebenso
viele Versorgungszentren. Pro zusätzlichem Versorgungszentrum, das er erobert,
darf er eine zusätzliche Einheit aufbauen. Wer zuerst 18 der 34
Versorgungszentren kontrolliert, gewinnt.
„Diplomacy“ ist aber keines der hochkomplexen
Kriegsspiele mit gigantischem Regelwerk. Im Gegenteil, die Regeln sind verblüffend
einfach und kommen genialerweise ohne jegliches Zufallselement aus: Pro Gebiet
darf nur eine Einheit stehen; eine Einheit kann entweder ihre Position halten,
sich bewegen oder eine andere Einheit - auch die eines Gegners - bei einer
dieser Aktivitäten unterstützen. Wollen zwei Einheiten in dasselbe Gebiet
ziehen, siegt diejenige mit mehr Unterstützung; bei Gleichstand bewegt sich
nichts.
Der Clou an der Sache: Alle Spieler schreiben ihre
Befehle verdeckt auf, danach werden alle gleichzeitig offengelegt und ausgeführt.
Zuvor findet das statt, was dem Spiel den Namen gab und auch seinen Reiz
ausmacht: Es empfiehlt sich, dafür ein Zeitlimit zu setzen sowie verschiedene Räume
zur Verfügung zu stellen, damit geheime Absprachen möglich sind. So kann es
vorkommen, dass England Frankreich in der Küche mit Krieg droht, falls es nicht
umgehend seine Flotte aus dem Ärmelkanal zurückzieht, während gleichzeitig
auf dem Balkon das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn einen gemeinsamen
Angriff auf Russland planen. Da die Bündnisse nicht von Anfang an feststehen
und im Spielverlauf ändern können, sind böse Überraschungen beim Aufdecken
der Befehle programmiert.
Doch Rache ist Blutwurst, und wer zu oft die Fronten
wechselt, hat bald keine Freunde mehr. Es ist kein schöner Anblick, wenn die
eigene einstige Grossmacht von zwei Seiten her gnadenlos aufgerieben wird und
man über kurz oder lang ausscheidet, während die Mitspieler noch stundenlang
weiterspielen und -verhandeln. Ja, stundenlang: Unter acht Stunden ist eine
Partie „Diplomacy“, auch bei strikter Begrenzung der Diplomatiephasen, kaum
zu schaffen - eine echte Herausforderung auch für hartgesottene Spieler.
Nicht nur das Spielangebot, auch gesellschaftliche Gewohnheiten haben sich in den letzen vierzig Jahren geändert. Auch Leute, die gerne spielen, dürften heute nur schwer zu überreden sein, einen ganzen Tag (oder eine ganze Nacht) lang ihrem Hobby zu frönen. Die Terminsuche wird umso schwieriger, als sich „Diplomacy“ am besten zu siebt spielt. Auch in dieser Hinsicht: ein Dinosaurier eben. Aber faszinierend.
„Diplomacy“ von Allan B. Calhamer, für 2 bis (ideal) 7 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer mindestens 8 Stunden, Preis ca. 75 Franken. Verlagsadresse: Hasbro (Schweiz) AG, Alte Bremgartenstrasse 2, 8965 Berikon.
„Diplomacy“ per Email: http://www.ludomaniac.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Egg im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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2001 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Tannenstrasse 40, CH-9010 St. Gallen. Update: 25.06.2001