Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Don Pepe» und «Family Business»: Bandenkrieg am Familientisch
tom. «Ich ballere deinem Messer-Mike eine
Kugel in den Grind» – was an einem harmlosen Spielnachmittag aus dem Mund
eines achtjährigen Mädchens vom Nebentisch herübertönt, lässt einen beinahe
den Speichel in der Kehle gefrieren. «Dann lege ich deinen Knarren-Joe um oder
jage den Boss mit der Torte in die Luft», wird gekontert. Konsterniert schaut
man in die Runde, fürchtet, dass gleich eine brutale Keilerei ausbricht und
mustert die Beteiligten. Doch sie lachen alle. Es ist eine normale, friedliche
Familie, die sich mit «Don Pepe» vergnügt, einem politisch nicht ganz
korrekten Brettspiel, bei dem es darum geht, gegnerische Mafiosi «in den
Ganovenhimmel zu schicken», selber möglichst lange im Spiel zu bleiben und
dabei am meisten «Zaster» zu verdienen.
Chicago 1930, im Hinterzimmer eines Restaurants haben sich die Mafia-Familien
aus der Nachbarschaft versammelt. Sie sitzen an einem grossen ovalen Tisch mit
30 Plätzen. Einige der ehrenwerten Herren haben Geschäftsunterlagen vor sich
liegen, vor anderen stehen Drinks, Messer oder Revolver griffbereit. Je nach
Spielerzahl startet jeder mit 5 bis 10 Familienmitgliedern, zu denen ein Boss
sowie eine bestimmte Anzahl von «Messer-Mikes», «Knarren-Joes» und «Gorilla-
Jims» gehören, die unterschiedliche Fähigkeiten besitzen. Bald bricht ein
unerbittlicher Machtkampf aus. Durch das Ausspielen von Handkarten nimmt das
grosse Aufräumen seinen Lauf.
Eine Karte, die einen Gangster nur seinen Platz am Tisch wechseln lässt, ist
fast unanständig nett. Bereits beim Ausspielen einer Karte mit einem
Revolversymbol wird es dagegen «Zeit, den Sarg zu bestellen», wie es in der
Spielanleitung heisst. Ein vis-à-vis sitzender Gangster darf beseitigt werden,
falls der Schütze einen Revolver an seinem Platz liegen hat oder Knarren-Joe
ist. Benachbarte Gangster werden mit Messern gemeuchelt, explosive Torten ins
Spiel gestellt, auf dem Tisch weitergeschoben und mit einer «Ka- Boum!»-Karte
zum Detonieren gebracht, was gleich drei hoffnungsvolle Goodfellas «in die Kälte»
schickt. Trinkfreudige Gangster träumen dank Schlummercocktails bald «den längsten
Traum». Blasen «die Bullen» zur Razzia, werden alle Plätze am Tisch neu
verteilt. Am begehrtesten, aber auch am gefährlichsten sind die sechs
Buchhalter-Stühle. Wer dort sitzt, darf jeweils Schutzgeld einkassieren. Wie
bei den zehn kleinen Negerlein wird Bandenmitglied um Bandenmitglied eliminiert.
Gewonnen hat zum Schluss, wessen Familie zu Lebzeiten am meisten Geld verdient
hat. Das kann durchaus auch eine Familie sein, die bei Spielende längst
ausgestorben ist.
«Don Pepe» ist ein typischer Vertreter einer Spielsparte, die wir «fiese
Spiele» nennen. Bei fiesen Spielen darf man seinen Mitspielern ständig
schlimme Dinge antun, was auch stets postwendend gerächt wird. Nicht jedermann
findet das lustig. «Fiese Spiele» darf man niemals ernst nehmen. Das
Comic-Design von «Don Pepe» lässt da auch keinen Zweifel offen. Viel Taktik
ist bei «Don Pepe» nicht gefragt. Auch wer sich anstrengt, bekommt ständig
seinen Teil ab. Abgesehen von einer grossen Dynamik lebt das Spiel von
originellen Wortgefechten. Jeder versucht, von sich abzulenken und andere
anzuschwärzen. Vor allem Kinder, die gegen ihre Eltern spielen, zeigen oft
einen Heidenspass an der Sache. Ein stolzer Preis von 60 Franken ist für das,
was «Don Pepe» bietet, aber doch etwas viel Geld.
Wer ein ähnliches Spielerlebnis billiger haben möchte, dem sei «Family
Business» empfohlen. Dabei handelt es sich um ein bei Spielefreaks seit
Jahren sehr beliebtes amerikanisches Kartenspiel, das vor zwei Jahren auch in
einer deutschen Übersetzung erschienen ist. Leider ist es in der Schweiz nur in
wenigen Spielfachläden erhältlich. Jeder hat zu Beginn eine Bande von neun «Mobstern»,
die realen Charakteren aus der frühen amerikanischen Kriminalgeschichte
entsprechen: Al Capone, Lucky Luciano, John Dillinger, Bonnie Parker, Clyde
Barrow, Ma Barker usw. Durch das Ausspielen von Handkarten werden Gangster zunächst
auf eine Abschussliste gesetzt. Mit sechs Gangstern ist die Abschussliste voll,
und es beginnt der «Mob War»: pro Runde wird jeweils der oberste Mobster auf
der Liste endgültig aus dem Spiel eliminiert. Mit Karten wie «Police
Protection», «Pay Off» oder «Substitution» können Mobster von der Liste
gerettet oder ausgetauscht werden. Karten wie «St. Valentine's Day Massacre»,
«RIP» oder «Vendetta» richten dagegen sofortiges Unheil an. Wer als Letzter
im Spiel bleibt, gewinnt. «Family Business» ist ein schnelles Kartenspiel, bei
dem die Taktik des schlauen Koalierens zur rechten Zeit eine wichtige Rolle
spielt. Hervorragend lässt es sich stundenlang bei Bier und Brezel spielen.
«Don Pepe», Machtspiel von Dominique Ehrhard für 3 bis 6 Spieler ab 8 Jahren.
Verlag: Parker (Hasbro). Spieldauer: etwa 60 Minuten. Preis: etwa 60 Franken.
Vertrieb in der Schweiz: Hasbro, Alte Bremgartenstrasse 2, 8965 Berikon.
«Family Business», taktisches Kartenspiel für 3 bis 6 Spieler ab 10 Jahren, Autor unbekannt. Verlag: Welt der Spiele (unter Lizenz von Mayfair Games Inc.). Spieldauer: etwa 30 Minuten. Preis: etwa 24 Franken. Vertrieb im deutschsprachigen Raum: Cutting Edge Publishing & Design House GmbH, Gottlieb- Daimler-Str. 7, D-35423 Lich. Vertrieb in der Schweiz: Froschkönig, Rathausgasse 2, 8180 Bülach.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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