Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
"Durch die Wüste": bunte Kamele zu langen Karawanen aufreihen
tom. Gäbe es eine wissenschaftliche Untersuchung darüber, welche Tierart als Thema
von Brettspielen am häufigsten zu Ehren kommt, würde das Kamel wohl einen der vordersten
drei Plätze belegen. Bekannte Spieltitel aus der Vergangenheit sind etwa «Targui»,
«Kameltreiber», «Das letzte Kamel», «Nomadi» oder «Karawane». Erstaunlicherweise
gibt es wesentlich mehr Kamelspiele als Spiele über Hunde oder Katzen (Kinderspiele
ausgenommen). Beim Blick auf die letzten Auswahllisten zum Spiel des Jahres stellt man
fest, dass selbst Eisbären, Ameisen oder Känguruhs bei Autoren und Verlagen wesentlich
höher im Kurs stehen als Waldi oder Schnurrli. Da sich grundsätzlich jedes Spiel auf
abstrakte mathematische Formeln reduzieren lässt und Spielthemen sehr austauschbar sind,
verwundert diese Tatsache. Liegt es möglicherweise daran, dass Spielautoren Hunde- und
Katzenhasser sind, weil diese ihnen während des Spiele- Erfindens immer das Material
wegschnappen und durcheinander bringen?
Das neueste Kamelspiel heisst «Durch die Wüste». Vom Mechanismus her ist es wiederum
nicht zwingend, dass man ausgerechnet Kamele auf das Spielbrett legen muss, um zu
gewinnen. Das Spiel würde mit Kartoffeln, Melkstühlen oder rein abstrakten Elementen
ebenso gut funktionieren. Die 170 Plastic-Kamele in fünf verschiedenen Farben sehen aber
recht niedlich aus. Die Farbabstimmung des ausserordentlich bunten Spiels, bei dem zehn
Farben ihre eigene Funktion haben, ist hervorragend gelöst. Die fünf Kamelfarben sind
durch Pastelltöne zu den fünf Spielerfarben abgegrenzt. Die Regeln sind vorbildlich,
reich illustriert und gut verständlich.
Es gilt, pro Zug jeweils zwei Kamele auf eine wabenartige Wüstenkarte zu setzen,
möglichst lange Karawanen zu bilden und Flächen einzuschliessen. Dabei gibt es lukrative
Zusatzpunkte, wenn man mit den eigenen Karawanen Oasen oder Wasserstellen erreicht, die
auf dem Plan verteilt sind. Besonders trickreich ist das Spiel, weil jeder Spieler mehrere
Karawanen in verschiedenen Farben legen muss. Nur wer jeweils die längste und
zweitlängste Karawane einer Farbe schafft, erhält Punkte. Bei jedem Zug stehen die
Spieler dabei vor einem Dilemma: Es scheint immer viele sehr gute Züge zu geben. Man
möchte zehn Dinge gleichzeitig tun. Vor allem wenn ein «Lama» der Spielrunde angehört,
das über jedem Zug eine Viertelstunde brütet, kann sich die Spieldauer in die Länge
ziehen.
Auch wenn Spielmaterial und Verpackung suggerieren, dass es sich um ein Familienspiel
handelt, «Durch die Wüste» ist kein Spiel, bei dem auch die Jüngsten gegen Erwachsene
Chancen haben. Zwar sind die Regeln sehr einfach und bereits für Achtjährige ohne
Probleme zu begreifen, ein Erfolgserlebnis wird sich aber ohne fremde Hilfe kaum
einstellen. Glück ist nicht sehr wichtig. Die Situation auf dem Spielbrett ist im Prinzip
immer nach rein mathematischen Gesichtspunkten analysierbar. Im Spiel zu zweit ist «Durch
die Wüste» ein reines Denkspiel. Unverkennbare Go-Elemente lassen auf die
Entwicklungsgeschichte schliessen. Autor und Doktor der Mathematik Reiner Knizia hat
übrigens dieses Jahr mit «Durch die Wüste» und «Euphrat und Tigris» gleich zwei
seiner Titel auf die Auswahlliste zum «Spiel des Jahres» gebracht. Das gleiche
Kunststück ist auch Reinhard Staupe mit «Basari» und «David und Goliath» gelungen.
«Durch die Wüste», Legespiel für 2 bis 5 Personen ab 10 Jahren von Reiner Knizia. Spieldauer: etwa eine Stunde. Kosmos-Verlag, Preis: ungefähr 60 Franken.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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