Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Eschnapur»: Zu viele Zutaten verderben auch ein indisches Curry
tom.
Mit Geschichten verkauft man Spiele. Nachdem im vergangenen Jahr im
guatemaltekischen Regenwald von «Tikal» nach versunkenen Maya-Tempeln und Schätzen
gegraben werden musste und sich der Ravensburger-Verlag damit den Preis «Spiel
des Jahres» holte, kann das Erscheinen eines Spiels mit dem Titel «Eschnapur,
das Geheimnis des goldenen Tempels» in diesem Frühling nicht erstaunen. Laut
Spielanleitung geht es auch hier darum, Schätze zu finden, die sich diesmal im
indischen Dschungel versteckt haben. «Eschnapur» ist optisch gelungen. Auf dem
Spielplan wartet ein verwinkelter Grundriss des sagenumwobenen, nie gefundenen
goldenen Tempels mit Gängen, Nischen und versteckten Schatzkammern auf die
Entdeckungslust der Spieler. Zum reichhaltigen Spielmaterial gehört auch ein
goldenes «Jö wie herzig»-Buddha-Figürchen. In vorbildlicher Weise sind der
Schachtel Mini-Grip-Säcke beigelegt, so dass das Material nach Gebrauch
effizient verstaut werden kann.
Spätestens wenn man das Spiel seinen Mitspielern erklären will und einfach
keinen roten Faden findet, stellt man jedoch mit Schrecken fest, dass «Eschnapur»
zwar ein Thema, aber keine Geschichte und keine Seele hat. Das Spiel sieht zwar
tatsächlich danach aus, als ob es darum gehe, Schätze zu entdecken. Doch beim
Spielen entpuppt sich «Eschnapur» als eine ziemlich abstrakte Konstruktion aus
unzähligen verschiedenen Spielelementen, wobei vor allem Feilschen, Bieten und
der geschickte Umgang mit Haushaltsgeld in den Vordergrund treten. Das Spiel lässt
sich hervorragend gewinnen, ohne jemals auch nur einen einzigen Schatz selber
entdeckt zu haben. Deshalb fragt man sich, ob die Vermarktung unter diesem Thema
wirklich nötig war.
Trotzdem: in 15 geheimen Kammern des Tempels sind 15 Kultgegenstände versteckt,
zu jeder Kammer gibt es eine verschlossene Geheimtüre. Diese kann nur geöffnet
werden, wenn man die richtigen geheimnisvollen Symbole besitzt, die vor der
Kammer in den Fussboden eingelassen sind. Die Symbole sind auf «Symbolkarten»
(S) abgebildet. Hat man die richtigen Karten und steht mit seiner Spielfigur,
die man zuvor mit «Bewegungskärtchen» (B) durch den Tempel gezogen hatte, auf
dem Feld vor der Kammer, darf man die Türe öffnen. Mit «Zahlenkarten» (Z)
wird dann um den entdeckten Schatz gefeilscht. S, Z und B können jederzeit während
des Spiels mit Goldmünzen (G) gekauft werden.
Was nun folgt, ist nur ein kleiner Teil der Regeln, aber tatsächlich so weit
her geholt, wie es klingt: Wer an der Reihe ist, muss zwei «Vorrats- Plättchen»
aufdecken, auf denen G, B, S oder Z in einer bestimmten Anzahl abgebildet sind.
Das eine «Vorrats-Plättchen» behält der Spieler, das andere verkauft er
jenem Mitspieler, der ihm das lukrativste Angebot dafür macht. Als Bezahlung
ist jede Anzahl und Kombination von G, B, S oder Z möglich. Die glücklichen
Gewinner der beiden Plättchen erhalten dann jene Dinge, die auf den Plättchen
abgebildet waren. Der Spieler, der an der Reihe ist, darf danach im Tempel
herumlaufen und einen Schatz heben, wenn er die Voraussetzungen dazu erfüllt.
Auf dem aufgedeckten Schatz sind jeweils zwei Zahlen abgebildet. Die kleinere
Zahl darf der Entdecker auf einem Erfolgspfad voranschreiten, um die grössere
Zahl wird mit den «Zahlenkarten» verdeckt geboten. Wer die höchste «Zahlenkarte»
bietet, muss Gold bezahlen und marschiert den Zahlenwert auf dem Erfolgspfad
voran. Mit der kleinsten «Zahlenkarte» bekommt man den Schatz. Wer knapp bei
Kasse ist, kann eine Passe-Karte spielen und erhält vier Goldmünzen. Das Spiel
ist zu Ende, wenn 13 Schätze gehoben sind. Wer am meisten Schätze hat, bekommt
noch Extrapunkte, für wenige Schätze gibt's Minuspunkte.
«Eschnapur» hat extrem viele Elemente, die miteinander kombiniert und
komponiert worden sind, eine Sinfonie ist dabei aber nicht entstanden. Zu viele
Zutaten verderben das indische Curry. Es gibt keine Basis, an der sich die
Beteiligten während der ersten Partie festhalten können, das Spiel bleibt
undurchschaubar, das Gefühl des Ausgeliefertseins breitet sich aus. Niemand hat
eine Ahnung, welches Element was bewirkt. Doch aufgepasst: Das Spiel wird immer
besser, je öfter man es spielt.
Ich muss zugeben, dass mir «Eschnapur» vor allem wegen des oft etwas
chaotischen, undurchschaubaren und eigenwilligen Spielverlaufs recht gut gefällt,
es hat verborgene Qualitäten, die sich nach mehreren Partien erschliessen.
Leider musste ich feststellen, dass ich oft der einzige am Tisch mit dieser
Meinung war. Obwohl die «Zahlenkarten» von 1 bis 30 reichen und man denken könnte,
mittlere Kartenwerte seien nichts wert, haben seltsamerweise immer wieder
Spieler mit Werten wie 12 oder 17 gross abgeräumt, weil alle Konkurrenten
gerade passten oder auf den kleinen Wert spielten. «Eschnapur» kann sich
durchaus als kurzweiliges Familienspiel eignen, vorausgesetzt, alle Beteiligten
haben das Spiel mindestens dreimal gespielt. Mit dem sympathischen Element des
«Jö wie herzig»-Buddha-Figürchens kann zudem niemand abgehängt werden.
Sobald ein Spieler auf dem Erfolgspfad alleiniger Letzter ist, bekommt er das
Figürchen. Unter dessen Einfluss werden alle Punkte, die er gewinnt,
verdoppelt, bis ein anderer Mitspieler Letzter ist.
«Eschnapur», Machtspiel von Reinhard Staupe für 3 bis 5 Spieler ab 9 Jahren. Verlag: Schmidt Spiele, Spieldauer: rund 60 Minuten; Preis: etwa 60 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstr. 14, 9445 Rebstein. Internet: www.schmidtspiele.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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