Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Europa 19452030»: Politik im Spiel als Balanceakt zur Realitättom. Spiele mit politischen Themen sind sehr rar, obwohl die Politik mit ihren
Verhandlungen, dem Ringen um Macht und dem Fällen von Entscheidungen eigentlich
hervorragend geeignet wäre, um in Spielideen verpackt zu werden. Nun hat Eurogames ein
grosses Politik-Spiel in schöner, aufwendiger Ausstattung herausgebracht: «Europa
19452030». Die Mitspieler entscheiden dabei über nichts Geringeres als die Zukunft
unseres Kontinents. Allgemeines Spielziel ist es, bis ins Jahr 2030 sämtliche Länder
Europas (auch die Schweiz) in die EU zu bringen. Dazu finden in bis zu 38 Ländern Wahlen
statt. Jeder Spieler hat das Interesse, bei möglichst vielen dieser Länder-Wahlen in der
Sieger-Koalition vertreten zu sein.
Das Spiel beginnt 1945 mit 15 Ländern, die als potentielle Beitrittskandidaten eines
europäischen Staatenbundes gelten. Es gibt vier Spielphasen, die unterschiedlichen
Zeitepochen entsprechen. In späteren Phasen kommen jeweils neue EU- Kandidaten hinzu.
Jeder Spieler verkörpert eine fiktive Partei, die in ganz Europa präsent ist. Alle
Parteien sind bezeichnenderweise EU-Befürworter! Jede Partei verfügt über
«Wahlmänner» in Form von Holzfiguren, die zu Beginn je nach Taktik auf die ersten 15
Länder verteilt werden.
Die einzelnen Länder benötigen unterschiedliche Mindestzahlen von Wahlmännern, um der
EU beizutreten. Erreicht eine Koalition oder ein Spieler allein in einem Land das
geforderte absolute Mehr, kommt es zum Beitritt. Darüber, wer zu einer Koalition gehören
darf, wird unter den im Land anwesenden Spielern frei verhandelt. Wer beim Erfolg den
Siegern angehörte, erhält einen Siegpunkt. Die Anzahl der Siegpunkte bestimmt in
späteren Phasen die Zahl neuer Wahlmänner. Die Ausdehnung der EU kann völlig im
Widerspruch zur historischen Wahrheit verlaufen. Allerdings sind die Vorgaben nah an der
Realität. Die Schweiz benötigt sehr viele Wahlmänner, ihr Beitritt ist somit extrem
schwierig zu realisieren.
Das Spiel lebt von immer neuen Koalitionsverhandlungen. Weil Gegner nicht zu mächtig
werden dürfen und in jedem Land andere Voraussetzungen herrschen, müssen ständig alte
Seilschaften aufgekündigt und neue Partner gesucht werden. Dies bedingt eine enorme
Flexibilität der Spieler und grosses diplomatisches Geschick. Im späteren Verlauf des
Spiels treten zudem Konflikte in Krisengebieten Osteuropas auf, welche Wahlen in diesen
Ländern erheblich erschweren oder verunmöglichen. Die Konflikte können nur gelöst
werden, wenn die Spieler genügend Wahlmänner für Friedensverhandlungen opfern. Diese
Männer stehen dann allerdings für Wahlen nicht zur Verfügung. Hierzu bedarf eine
Detail-Regel der Änderung. Wer nämlich am meisten Wahlmänner für Friedensverhandlungen
opfert, darf auf dem Brett Krisengebiete entfernen, was aber gar nicht in seinem Interesse
liegt, weil er damit seinen Gegnern die Wahlsiege erleichtert.
Das schwierigste an «Europa 19452030» ist die Auswahl der geeigneten Mitspieler
vor der Partie. Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl sind gefragt. Für Leute, die
gerne kommunizieren und verhandeln, andere überzeugen und übers Ohr hauen, die Vorgänge
während eines Spiels nicht in der Realität nachtragen und Beziehungen ausserhalb des
Spiels nicht in das Spiel integrieren, für die ist «Europa 19452030» ein
hervorragendes, psychologisch überaus spannendes Spiel. Wer hingegen Vorgänge während
eines Spiels persönlich nimmt und hilflos zusieht, wenn andere Intrigen schmieden, wird
mit diesem Spiel nicht umgehen können. Die Spieler bringen ihre Persönlichkeit voll ein
oder können wie Schauspieler in eine Rolle schlüpfen. Klar ist es verwerflich, wenn man
Koalitionen brechen muss, um Erfolg zu haben. Aber dem Theaterschauspieler verübelt es ja
auch niemand, wenn er auf der Bühne einen Nebenbuhler umlegt.
Es ist festzuhalten: «Europa 19452030» ist nur ein Spiel. Was innerhalb des Spiels
abläuft, darf nur mit dem Spiel zu tun haben. Das verlangt von den Mitspielern ein sehr
hohes Mass an Spielkultur. Die Grenzen zur Realität können schnell überschritten
werden, und dann wird es gefährlich. Die Frage lautet nicht: «Ist es ein gutes oder ein
schlechtes Spiel?», sondern: «Für wen ist dieses Spiel geeignet?»
Denn eine Partie «Europa 19452030» kann je nach Zusammensetzung der Spielrunde ein
total spannungsgeladener, prickelnder Anlass werden, aber genausogut in einer
zwischenmenschlichen Katastrophe enden, wenn etwa schwelende Beziehungsprobleme eines
Paares unbarmherzig zutage treten. Wer Spiele wie «Junta» oder «Rette sich, wer kann»
mag, wird auch «Europa 19452030» lieben.
Den holden Anspruch der Autoren, wonach das Spiel auch kooperativ sei und das
«europäische Bewusstsein» zum Ausdruck bringen wolle, wie es in der Spielanleitung
steht, kann man hingegen getrost vergessen. «Europa 19452030» ist «nur» ein
Spiel. Eines, bei dem es ums Gewinnen geht. Nicht mehr und nicht weniger, und das ist gut
so.
«Europa 19452030», Machtspiel von Duccio Vitale und Leo Colovini für 3 bis 6
Spieler ab 12 Jahren. Verlag: Eurogames. Dauer: 2 bis 4 h; etwa Fr. 68..
Verlagsadresse: Eurogames Descartes Deutschland, Am Dachsberg 6, D-78479
Konstanz-Reichenau. Tel. (0049) 7531 72789.
www.descartes-editeur.com
Mit freundlicher Genehmigung von Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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