Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Java»: Prüfstein für räumliches Denken, taktisches Feeling und Geduld
tom. Wäre «Java» ein
Hollywoodfilm oder ein Computerspiel, würde sein Name wohl «Tikal III»
lauten. Das Durchnummerieren von Nachfolgeprodukten erfolgreicher Werke gehört
aber nicht zu den Gepflogenheiten deutscher Spielverlage. 1999 haben Michael
Kiesling und Wolfgang Kramer mit «Tikal» die Auszeichnung «Spiel des Jahres»
gewonnen und im Jahr 2000 ihren Erfolg mit «Torres» wiederholt. Der Hattrick
wird ihnen mit ihrem dritten Streich aber nicht gelingen. «Java» ist zwar
erneut ein hervorragendes und eigenständiges Spiel, das sich einiger der besten
Elemente der Vorgänger bedient und wiederum Dreidimensionalität gekonnt in ein
strategisches Aufbauspiel verarbeitet. Es ist aber zu langfädig und zu
anspruchsvoll geraten, um einer Gruppe Normalsterblicher Vergnügen bereiten zu
können. Eine Partie «Java» ist Denken pur und kann mit gewissen Mitspielern
zur Schinderei ausarten.
Die Schachtel ist schwer, das Material üppig und die Grafik von Franz Vohwinkel
stark an «Tikal» angelehnt. Wieder sitzt die Spielgemeinde zu Beginn vor einem
leeren Brett, das diesmal den unentdeckten Teil Zentral-Javas darstellen soll.
Und wieder wird mit dem Legen von sechseckigen «Geländetafeln» eine
Landschaft aufgebaut. Diese fällt jeweils ziemlich eindrücklich aus und gibt
jenen Spielern, die verkappte Modellbauer sind, zum Schluss der Partie das Gefühl
einer wohligen Wärme im Herzen, die Befriedigung, eine Welt erschaffen zu
haben. Wer nun aber eine runde atmosphärische Geschichte wie bei «Tikal»
erwartet, wo doch ein Hauch von Abenteuer durch den Urwald blies, als man Tempel
und Schätze ausgraben musste, der wird enttäuscht. Das Aufeinandertürmen von
abstrakten Formen, die Reisterrassen und Dörfer darstellen sollen, würde erst
dann plausibel, wenn man als Spieler die Rolle eines Gottes verkörpern würde.
Gemäss Spielregel ist unsereiner aber nur ein javanischer Herrscher, der mit
seinem Gefolge aus zwölf Holzsteinen in Zentral-Java ein möglichst grosses
unbesiedeltes Gebiet erschliessen und eine Hochkultur errichten möchte. Dazu
gibt es ein-, zwei- und dreiteilige Geländetafeln, auf denen Sechsecke mit Dörfern,
Reisfeldern oder Wasser abgebildet sind. Pro Runde hat ein Spieler jeweils sechs
Aktionspunkte zur Verfügung, die er auf acht verschiedene Weisen verbrauchen
darf. Er kann zum Beispiel mit dem Legen von Geländetafeln Dörfer vergrössern,
diese mit dem Bau von Palästen zu Städten ausbauen oder Spielfiguren nach
Zentral-Java schicken, um in den Städten die besten Positionen zu besetzen.
Wenn in einem Dorf ein Palast errichtet wird, erhält immer jener Spieler «Ruhmespunkte»,
der in der betreffenden, sich über mehrere Terrassenstufen erstreckenden Stadt
mit seine(r)(n) Figur(en) die höchste horizontale Position einnimmt. Mit dem
Anwachsen der Städte können die Paläste weiter ausgebaut werden, wodurch es
zusätzliche Punkte gibt. Auch das vollständige Umschliessen von Wasserfeldern
wird mit Punkten belohnt.
«Java» bietet eine enorme Spieltiefe und eine Unzahl taktischer Möglichkeiten,
die ein zeitintensives Überlegen der Züge notwendig macht. Mit dem Legen neuer
Geländetafeln wird die Situation in Zentral-Java ständig verändert. Dorfteile
werden durch Reisfelder wieder vernichtet und gegnerische Figuren von Palästen
abgeschnitten. Die Glückskomponente kommt mit dem Ausrichten von sogenannten «Palastfesten»
ins Spiel. Dabei bieten die Spieler jeweils mit «Palastkarten», deren Erwerb
ebenfalls Aktionspunkte kostet. Wer Karten mit dem höchsten Gesamtwert bietet,
darf ein Fest ausrichten und erhält dafür wiederum Ruhmespunkte. Es gewinnt,
wer am Ende der Partie, nach einer «grossen Wertung», bei der in jeder Stadt
noch einmal die Vorherrschaft bestimmt und mit Punkten subventioniert wird, am
meisten Ruhm erlangt hat.
«Java» stellt nicht nur hohe Anforderungen an die räumliche Vorstellungskraft
der Mitspieler, sondern auch an ihre Geduld. Auf die Züge der Mitspieler zu
warten, ist der typische Zustand während einer Partie. Dabei ist es leider unmöglich,
den eigenen Zug in der Wartephase vorauszuberechnen, da die Züge der Gegner die
Lage oft total verändern. Deshalb kann man es niemandem verübeln, wenn er das
Optimum heraus- holen will und halt immer wieder neue Geländetafeln prüft,
dreht, in der Landschaft ausprobiert und wieder zurücklegt. Das dauert, und man
kann zwischendurch durchaus ein Kreuzworträtsel lösen, seine Socken stopfen
oder den Hund und auch noch das Minipig verprügeln.
«Java» ist das optimale Spiel für die Integration von Rauchern in
Nichtrauchergruppen. Es bietet derart viele Rauchpausen, dass auf dem Balkon
locker eine «Cohiba Esplendido» vernichtet werden kann. Ideal ist es auch für
Leute, die beim Spielen ein schlechtes Gewissen haben, weil sie zum Beispiel
noch die Steuererklärung ausfüllen müssten. Denn «Java» offeriert neben dem
mehrstündigen anspruchsvollen Spielerlebnis viel freie Zeit, um darin alle
Pendenzen zu erledigen.
Java, Aufbauspiel von Michael Kiesling und Wolfgang Kramer für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer: etwa 2 bis 3 Stunden. Verlag: Ravensburger. Preis: etwa 65 Franken. Vertrieb: Carlit + Ravensburger AG, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos. Internet: www.ravensburger.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
© 1998/2000 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Tannenstrasse 40, CH-9010 St. Gallen. Update: 07.03.2001