Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART


Anspruchsvolle Taktik in klarem Design für dampfende Gehirnzellen 

tom. Doch, doch, auf Taktik und Schlauheit kommt's an. Auch wenn das Spiel «Kardinal» wie jene Holzklötze aussieht, mit denen die Gschpänli im Kindergarten wacklige Türme bauten (während man selber zu den Banausen gehörte, die sich lieber mit buntem, billigem Plastic-Spielzeug vergnügten und sich von den Einschüchterungsversuchen der Pädagogen, wonach Holzspielzeug viel, viel schöner, sinnvoller und wertvoller sei, nicht beeindrucken liessen). Auf der Schachtel zu «Kardinal» steht «Bauspiel», und in der Anleitung werden die Spieler beauftragt, eine Burgfestung zu errichten. Der Ausdruck «Legespiel» kommt der Sache aber näher, geht es doch darum, Klötze mit drei verschiedenen geometrischen Formen auf einer Ebene möglichst schlau aneinander zu legen, um viele Punkte zu sammeln.

Ein Spielbrett gibt es nicht. Die 24 Spielsteine – «Höfe», «Türme» und «Häuser» in vier verschiedenen Farben – werden um einen «Dom» herum placiert. Neue Klötze müssen mindestens einen bestehenden Klotz über eine Seitenfläche berühren. Für jede Berührung gibt es einen «Punktestein» in der Farbe des berührten «Bauwerks». Vor der Endwertung erhält man zudem alle Punktesteine der eigenen Farbe, die nicht an die Konkurrenz gegangen sind. Deshalb ist es wichtig, nicht nur auf seinen eigenen Vorteil zu achten, sondern auch zu verhindern, dass Gegner an eigene Klötze anlegen können. Sieben Setzregeln, «Erlasse» genannt, gilt es zu beachten. Weder dürfen gleichförmige noch gleichfarbige Klötze nebeneinander gesetzt werden. Höfe und Türme müssen immer ein Haus berühren. Niemals dürfen zwei gleichförmige oder gleichfarbige Klötze nacheinander gesetzt werden. Und wer einen Klotz placiert hat, setzt einen Spielstein namens «Kardinal» an eine freie Stelle, die damit für den nächsten Spieler als «Bauplatz» tabu ist. Da jeder Spieler – je nach Spielerzahl – über lediglich sechs bis zwölf Züge verfügt, ist eine Partie schnell zu Ende. Die Zahl der sinnvollen Zugmöglichkeiten wird durch die sieben Setzregeln und den schwindenden Klotz-Vorrat, vor allem im Spiel zu viert, stark eingeschränkt. So verzeiht «Kardinal» nicht den geringsten taktischen Fehler, und es kann durchaus sein, dass während einer Partie die Hälfte der eigenen Züge von einem klugen Gegner vorbestimmt werden.

Einfache Regeln, ein klares Design, eine kurze Spieldauer und viel Nahrung für die Gehirnzellen bietet auch «Zèrtz», das dritte Spiel – nach «Gipf» und «Tamsk» – der im «project Gipf» miteinander kombinierbaren Taktikspiele für zwei Personen von Kris Burm. Bei «Zèrtz» schrumpft das Spielfeld, das zunächst aus 37 schwarzen Kunststoffringen besteht, während einer Partie. 5 weisse, 7 graue und 9 schwarze Kugeln warten auf ihren Einsatz. Wer an der Reihe ist, darf entweder eine Kugel beliebiger Farbe auf das Spielbrett setzen und gleichzeitig einen Ring am Spielfeldrand entfernen, oder er muss, falls möglich, gemäss der Halma- oder Dame-Regel eine oder mehrere Kugeln auf dem Spielfeld überspringen, schlagen und behalten. Es gewinnt, wer entweder 2 Kugeln jeder Farbe oder 3 weisse oder 4 graue oder 5 schwarze Kugeln erobert. Werden Ringe, auf denen sich Kugeln befinden, vom übrigen Spielfeld als Inseln isoliert, können die Kugeln ebenfalls als geschlagen behalten werden. «Zèrtz» verfügt nicht nur über einen originellen neuen Spielmechanismus, sondern auch über einen strategischen Tiefgang, mit dem es sich vor den Klassikern dieses Genres nicht zu verstecken braucht. Die Vorausplanung mehrerer Züge wird durch den Umstand diffizil, dass kein Spieler eine eigene Farbe besitzt und mit demselben Material dieselben Ziele wie sein Gegner verfolgt. Im Vergleich zu «Kardinal» bietet «Zèrtz» eher das subtilere und komplexere Denkvergnügen.

«Kardinal», Legespiel von Wolfgang Panning für 2 bis 4 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer: 10 bis 30 Minuten, Verlag: Holzinsel, Preis: Fr. 55.–, Vertrieb in der Schweiz: Froschkönig, Rathausgasse 2, 8180 Bülach. Internet: www.holzinsel.de

«Zèrtz», Denkspiel von Kris Burm für 2 Personen ab 10 Jahren, Spieldauer: 10 bis 30 Minuten, Verlag: Schmidt Spiele, Preis: etwa Fr. 35.–, Vertrieb in der Schweiz: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstrasse 14, 9445 Rebstein. Internet: www.schmidtspiele.de


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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