Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Kardinal & König»: Karten spielen, Klöster gründen,
Karten ziehen
tom. Wer taktische Spiele zum Thema Mittelalter mag,
aber vor hochkomplexen Spielabläufen, langem Regelstudium und archaischen
Materialschlachten zurückschreckt, für den ist «Kardinal & König» eine
Wohltat. Dieses Spiel ist «straight» und kommt ohne grossen Schnickschnack
aus. Der Spielmechanismus ist auf das Wesentliche reduziert: Karten spielen,
Spielsteine entsprechend den gespielten Karten auf ein Spielbrett einsetzen,
fehlende Karten von einem Stapel nachziehen, basta.
Diese Einfachheit im Ablauf und eine kurze Spieldauer
machen das Spiel zu einer kleinen Perle im diesjährigen Angebot. Anspruchslos
ist es trotzdem nicht. Zumindest in der ersten Partie sind die speziellen
Wertungsregeln nicht leicht zu erfassen und die anzuwendende Taktik sehr
undurchschaubar. Das legt sich aber. Bis ein Sieger feststeht, verstreichen
meistens weniger als 45 Minuten, was die Motivation, es gleich noch einmal zu
versuchen, sehr fördert.
Auf dem Spielbrett führt ein rudimentäres
Strassennetz durch neun Länder einer Mitteleuropakarte des 12. Jahrhunderts. An
den Strassen gibt es Bauplätze für Klöster, je nach Land unterschiedlich
viele: beispielsweise acht in Frankreich, vier in Schwaben, fünf im Burgund.
Auch das Kloster Wettingen ist erkennbar. Drei Karten mit Ländernamen hat jeder
Spieler stets auf der Hand, und wer an der Reihe ist, darf welche ausspielen und
gemäss sehr speziellen Regeln in einem Land maximal zwei eigene Spielsteine
einsetzen. Dazu kann er aus zwei Sorten von Spielsteinen wählen, den
geistlichen Klöstern und den weltlichen Räten. Im Wahl des Landes ist er nicht
ganz frei, sie hängt von seinen Karten ab. Da man beim Nachziehen auch aus
offen liegenden Karten wählen darf, kann man aber versuchen, seine Kartenhand
jeweils zu optimieren.
Der Glücksfaktor ist erheblich, vor allem zu fünft.
Wer die besten Karten nachziehen kann, ist schon sehr im Vorteil. Das gehört in
diesem Spiel aber dazu und macht überhaupt nichts, weil es wegen der
originellen Wertungsmechanismen aussergewöhnlich spannend bleibt. Schwer ist
auf Anhieb wirklich ersichtlich, wer gerade in Führung liegt. Wer in einem Land
allein baut oder mit Abstand am meisten Klöster besitzt, schneidet schlecht ab.
Denn hier muss man versuchen, seine Ressourcen zu verteilen und die Gegner dazu
zu animieren, dort zu bauen, wo man selber gebaut hat. Der Spieler mit den
meisten Klöstern in einem Land erhält nämlich für alle Klöster im Land –
auch für gegnerische – einen Punkt. Der Spieler mit den zweitmeisten Klöstern
erhält für jedes Kloster des Spielers mit den meisten Klöstern einen Punkt.
Jener mit den drittmeisten Klöstern erhält für jedes Kloster des Spielers mit
den zweitmeisten Klöstern einen Punkt usw. Punkte gibt es ferner für
Mehrheiten von Räten in benachbarten Ländern und für möglichst lange
ununterbrochene Weg-Ketten von Klöstern.
Vom gleichen Autor, Michael Schacht, ist im gleichen
Verlag vor einem Jahr ein anderes, ebenfalls empfehlenswertes Spiel erschienen:
«Kontor». Dabei handelt es sich um ein Zweipersonenspiel, das auch als
Zweiparteienspiel mit vier Spielern in Angriff genommen werden kann. Mit dem
Legen von quadratischen Gebäude- oder Wasserkärtchen versuchen die Gegner,
eine möglichst Gewinn bringende Hafenanlage mit Kontoren zu errichten, um die
Kontrolle über die Handelswaren Tee, Kaffee und Wein zu erlangen. Es gibt eine
recht glücksbetonte Anfänger- und eine taktische Profivariante mit einer
ganzen Anzahl von speziellen Szenarien. Die Möglichkeit, das Spiel zu viert im
Team zu spielen, ist dabei aber doch eher als Marketingstrategie denn als
unabdingbarer Spielgenuss zu betrachten.
«Kardinal & König», Machtspiel von Michael
Schacht für 3 bis 5 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer: 35 bis 60 Minuten. «Kontor»,
Legespiel von Michael Schacht für 2 oder 4 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer: 40
bis 70 Minuten. Beide Spiele erschienen im Goldsieber-Verlag, Preis: je etwa 40
Franken. Vertrieb in der Schweiz: Max Bersinger AG, Zürcherstrasse 505, 9015
St. Gallen. Internet: www.goldsieber.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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