Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
Klondike»: «Kinderspiel des Jahres» mit Schweizer Wurzeln
tom. Als am Galaabend zur
Verleihung des «Spiels des Jahres» in Berlin vor zwei Wochen unmittelbar vor
der Bekanntgabe des Preisträgers «Kinderspiel des Jahres» talerschwingende
und jodelnde Trachtenleute auftraten, war das Erstaunen im mehrheitlich
deutschen Publikum gross. Was war denn das, und was hatte es mit Spielen zu tun?
Die Erklärung ist einfach: Das Basler Spiele-Autoren-Paar Stefanie Rohner und
Christian Wolf hat sich ursprünglich durch den Brauch des Talerschwingens, bei
dem ein Fünfliber – von kreisenden Handbewegungen angetrieben – dem steilen
Rand eines grossen Keramiktellers entlangrollt und Töne erzeugt, zu seinem
Spiel «Klondike» inspirieren lassen. Wie der Name des «Kinderspiels des
Jahres 2001» aber verrät, hat die ursprüngliche Idee im Laufe der
Spiele-Entwicklung eine Metamorphose durchgemacht.
«Klondike» steht nämlich für Goldwaschen und einen Fluss im Westen des
kanadischen Yukon Territory. Als man 1896 im Bonanza Creek, einem Nebenfluss des
Klondike, Seifengold fand, brach der berühmte Goldrausch aus. Das Spiel
versetzt die Spielenden in die Rolle von Goldwäschern. Sie müssen möglichst
viele Goldnuggets aus dem Flusskies herauswaschen. Dazu ist vor allem
Geschicklichkeit gefragt. Ein glänzender Metallteller dient als
Goldwaschpfanne. Nuggets und Kieselsteine werden mit gelben, grauen und
schwarzen Holzkugeln simuliert. Damit die Kugeln nicht verloren gehen, wird mit
einem Seil ein Claim abgesteckt.
Wer an der Reihe ist, zieht jeweils verdeckt drei Kugeln aus einem Beutel und
legt sie in die Goldwaschpfanne. Sind schwarze und graue Kugeln darunter, muss
der Spieler versuchen, diese durch vorsichtiges Drehen, Schwenken und Kippen vom
Teller zu bugsieren, ohne dass gelbe Nuggets verloren gehen. Die anderen Spieler
dürfen wetten, wie viele Nuggets am Schluss im Teller für den Goldwäscher übrig
bleiben. Wer richtig wettet, erhält so viele Nuggets vom Goldwäscher, wie sein
Wetteinsatz hoch war. Auf diese Weise ist es auch für Ungeschickte möglich,
das Spiel zu gewinnen. Mechanismen, die auf reinem Glück beruhen, ergeben zudem
eine ausgewogene Mischung: Wer nämlich graue Kugeln aus dem Beutel zieht, erhält
eine Waschbärfigur. Falls Göttin Fortuna jemandem gleich drei gelbe Kugeln
beschert, muss dieser jenem Spieler, der gerade den Waschbären besitzt, ein
Nugget abgeben und darf zwei Nuggets behalten.
Es gewinnt natürlich, wer zum Schluss die meisten Nuggets hat. Wie bei allen
Geschicklichkeitsspielen gilt auch bei «Klondike»: Übung macht den Meister.
Die Spielerfahrung mit Kindern zeigt allerdings, dass auch weniger Geschickte
ihren Spass am Spielablauf haben und im Vergleich zu anderen
Geschicklichkeitsspielen keine Frustration oder Langeweile aufkommt, wenn das
Goldwaschen mal nicht optimal gelingen sollte. Es ist auch möglich, die
wettenden Mitspieler hereinzulegen, indem man einfach die ganze Goldwaschpfanne
mitsamt den Nuggets auskippt. So erhält man zwar selber kein Gold, bleibt aber
für die Gegner unberechenbar. Auch in reinen Erwachsenen-Runden kann «Klondike»
zum Hit werden. Mit etwas komplizierteren Regeln und wesentlich edlerer und
teurerer Ausstattung war das Spiel bereits 1993 im Handel, damals aber nicht als
reines Kinderspiel. Die Überarbeitung hat «Klondike» gut getan.
Dieses Jahr hat die Jury «Spiel des Jahres» zum ersten Mal zwei Hauptpreise
vergeben: den Preis «Spiel des Jahres» an «Carcassonne» von Klaus-Jürgen
Wrede aus dem Hans-im-Glück- Verlag (NZZ 17. 3. 01) und den Preis «Kinderspiel
des Jahres» an «Klondike». Die Aufwertung des Preises für Kinderspiele
erfolgte bewusst, um das klassische Kinderspiel, das immer mehr in Konkurrenz zu
elektronischem Spielzeug und Computerspielen gerät, zu stärken und zu fördern.
Mit dem Preis soll das Kinderspiel neben dem Familien- und Erwachsenenspiel
wieder mehr Gewicht erhalten, und Erwachsene sollen dazu animiert werden,
vermehrt mit ihren Kindern zu spielen. Der Preis versteht sich auch als unabhängige
und kompetente Empfehlung. Das «Kinderspiel des Jahres» ist kein pädagogischer
Preis, sondern ein Kritikerpreis. Er wird von einer Jury von sieben unabhängigen
Journalisten vergeben, die sämtliche Neuerscheinungen eines Jahrgangs zusammen
mit Kindern ausgiebig gespielt haben. Nebst anderen Faktoren stehen Spielreiz
und Spielspass im Vordergrund. Es werden nur Spiele ausgezeichnet, die Kinder
unter sich spielen können, aber auch Erwachsene herausfordern. Erwachsene und
Kinder sollten ähnliche Gewinnchancen haben, ohne dass die Erwachsenen dabei
ihre Fähigkeiten zurücknehmen müssen. Kurz: Die Spiele sollten die Qualität
aufweisen, die Eltern dazu bringt, nachts auf leisen Sohlen ins Kinderzimmer zu
schleichen, um sich das Spiel zu holen, was bei «Klondike» allerdings nicht
unbemerkt bleiben dürfte, da eine Partie doch rechte Geräusche verursacht.
Der Autor dieses Artikels, Tom Felber, ist Mitglied der beiden Jurys «Spiel des Jahres» und «Kinderspiel des Jahres».
«Klondike», Geschicklichkeits- und Wettspiel von Stefanie Rohner und Christian Wolf für 2 bis 4 Spieler ab 6 Jahren. Spieldauer: 15 bis 30 Minuten. Verlag: Haba. Preis: etwa 60 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstrasse 31a, 8820 Wädenswil. Internet: www.haba.de.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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