Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

«Laguna»: Flossrennen zwischen Nervenkitzel und Denksportaufgabe

tom. Diesen Sonntag wird in Berlin der Gewinner des Kritikerpreises «Spiel des Jahres» bekannt gegeben. Nominiert sind die drei Spiele «Torres» (NZZ 18. 3. 00), «Carolus Magnus» (NZZ 27. 5. 00) und «Ohne Furcht und Adel» (wird in der NZZ vom 22. 7. 00 vorgestellt). Für das preisgekrönte Spiel ist der Verkaufserfolg im Weihnachtsgeschäft garantiert. Der Preis ist nicht unumstritten. Dies merkt vor allem, wer in den Wochen und Monaten vor der Preisverleihung die zum Teil sehr heftigen Diskussionen unter Vielspielern in den einschlägigen Diskussionsforen im Internet mitverfolgt. Die Frage, ob auf der Auswahlliste mit zwölf Titeln und dann später bei der Nominierung die «richtigen» Spiele auserkoren worden sind, beschäftigt manchen Zeitgenossen stärker als Kohl-Skandal, Big Brother und Fussball-Europameisterschaft zusammen.
«Laguna» ist ein von der Jury verschmähtes Spiel, das es nicht auf die Auswahlliste geschafft hat. An unserem Spieltisch ist es allerdings nach wie vor Dauergast, während manch andere Spiele nach wenigen Partien ihren Reiz bereits merklich verloren haben. Im Kern ist «Laguna» eine Denksportaufgabe unter Zeitdruck und besitzt ein entscheidendes Element, das den meisten Brettspielen abgeht: Action nämlich. Hektik und Nervenkitzel prägen die Atmosphäre einer Partie. In einer Zeit, in der das Brettspiel am Markt immer mehr vom Computerspiel verdrängt zu werden droht, hätte ein solches Spiel eigentlich gut auf die Auswahlliste gepasst, zumal der Spielmechanismus von «Laguna» wirklich neu, originell und innovativ ist, während die meisten übrigen Neuerscheinungen doch eher altbekannte Spielmechanismen kombinieren und variieren.
Die Aufmachung stimmt: Das Schachtelcover mit dem Bild eines Perlentauchers in tiefblauem Ozean ist ein Blickfang, der Titel «Laguna» weckt Ferienträume, und das Spielmaterial aus glitzernden Glasmurmeln, dreidimensionalen Plastic- Inseln, löchrigen Holzflössen und einer Sanduhr machen neugierig. «Laguna» ist ein Flossrennen. Auf den Flössen müssen Perlen möglichst schnell über eine Lagune auf eine Vulkaninsel in der Spielmitte gebracht werden. Hauptgegner ist die Zeit. Wer Gemütlichkeit und Beschaulichkeit liebt, lasse darum unbedingt die Finger von diesem Spiel. Eine Sandladung lang, 30 Sekunden, hat jeder Perlentaucher in seinem Zug bestenfalls jeweils Zeit, um Perlen aufzuladen, abzuladen und sein Floss zu bewegen. Die Betonung liegt dabei auf dem Wort «bestenfalls». Denn läuft das Floss auf ein Riff auf, ist der Zug sofort beendet, und der nächste Perlenschipper ist an der Reihe.
Jedem Spieler sind Perlen einer Farbe zugeordnet. Auf den Inseln am Spielfeldrand müssen sie zuerst aufgeladen werden, wobei gezwungenermassen auch gegnerische Perlen ins Ladegut kommen, weil sich ständig (also auch nach dem Ausladen) zwei, drei oder vier Perlen auf dem Floss befinden müssen. Die Perlen kommen auf die Löcher im Floss. Feld für Feld wird das Floss dann Richtung Vulkaninsel über die Lagune gezogen, die mit Riffen übersät ist. Dabei gilt es, zwei Dinge zu beachten: Der Zug endet sofort, wenn durch eines der Löcher im Flossboden ein Riff zu sehen ist, und Strömungspfeile, die allenfalls durch Löcher sichtbar sind, zwingen das Floss ein Feld in die angegebene Richtung zu fahren. Vorausschauende Planung und gutes Vorstellungsvermögen helfen ungemein.
Während des Zuges darf man beliebig Perlen auf seinem Floss versetzen. Doch auch dann, wenn in den Löchern Riffe oder Strömungspfeile auftauchen, gelten die beschriebenen Konsequenzen. Mitspieler kann man zudem ärgern, indem man sein Floss unmittelbar neben ein gegnerisches zieht. Dann darf man Perlen zwischen den beiden Flössen hin und her tauschen. «Laguna» hat sehr einfache Regeln, die jeder sofort kapiert. Ein auf der Vorder- und Rückseite unterschiedlich bedruckter Spielplan, einleuchtend beschriebene Regelvarianten und die Möglichkeit, «Laguna» in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, allenfalls sogar ohne Sanduhr zu spielen, machen es für die unterschiedlichsten Ansprüche und Spielrunden interessant, sogar als Solitärspiel. Als Zweierspiel ist es allerdings nicht unbedingt zu empfehlen, da die typische hektische Stimmung – ähnlich wie beim «Schoggispiel» – dann nicht aufkommt.
Je mehr Spieler mitmachen, umso aufregender und fiebriger wird die Atmosphäre. Viele Flösse auf dem Brett bedeuten viele Behinderungen der eigenen Fahrt und wachsende Nervosität. Einen Heidenspass macht «Laguna» vor allem, wenn die Entscheidungen extrem knapp ausfallen. Fehler unterlaufen in der Hektik des Gefechts auch dem besten Strategen ständig. Auch wenn eigentlich schnelles Denken und überlegtes Handeln gefragt wären, machen Erwachsene gegenüber Kindern nicht immer eine gute Figur. Als Familienspiel ist «Laguna» deshalb höchst geeignet. Die kurze Spieldauer zwischen 20 und 45 Minuten macht es zum idealen Anheizer oder Lückenbüsser für jeden Spielabend. Es sollte aber nicht unbedingt vor dem Zubettgehen gespielt werden. Denn nach einer Partie kann es sehr lange dauern, bis sich die Wogen wieder geglättet und die Adrenalinspiegel gesenkt haben.

«Laguna», actiongeladenes Denkspiel von Bernhard Weber für 2 bis 4 Personen ab 8 Jahren; Verlag: Queen Games; Spieldauer: rund 30 Minuten; Preis: etwa 60 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstr. 14, 9445 Rebstein. Internet: www.queen-games.de.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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