Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
Im Kartenspiel Schweine versenken und Drachen zur Strecke bringen
tom. Ein gutes Spiel braucht
nicht unbedingt ein Spielbrett, braucht keine Kiste mit 2,5 Kilogramm Material,
keine komplizierte Regel und keine übergestülpte Geschichte. Pfiffige
Kartenspielautoren beweisen immer wieder, dass selbst mit einfachsten Regeln und
Mitteln faszinierende Spielerlebnisse möglich sind. Kartenspiele haben
ausserdem den Vorteil, dass sie klein und kompakt sind und überallhin
mitgenommen werden können. Zwei Kartenspiele haben es mir momentan besonders
angetan. Den Reise- und Strandtauglichkeitstest haben beide in den Sommerferien
mit Bravour bestanden.
«Land unter» von Stefan Dorra setzt die Tradition von schnellen Ärger-
und Bluffspielen à la «Hol's der Geier» oder «6 Nimmt» fort. Ein Schwein,
das bei steigendem Pegelstand allmählich in den Fluten eines Unwetters versinkt
und deshalb zu Schnorchel und Taucherbrille greift, ist das Hauptmotiv der schrägen
Kartengrafik. Das Sauwetter beginnt mit der Verteilung von zwölf «Wetterkarten»
mit Zahlenwerten zwischen 1 und 60 an jeden Spieler. Die besten Karten sind jene
mit ganz niedrigen und ganz hohen Werten. Wer mit solchen nur spärlich gesegnet
wurde, bekommt zum Ausgleich «Rettungsringe», so dass jeder mit
unterschiedlichem Handicap startet: je mieser die Karten, desto mehr
Rettungsringe.
Zwei «Wasserstandskarten», die zeigen, wie tief das Schwein gerade im Wasser
steckt, werden pro Runde aufgedeckt. Nun muss jeder Spieler aus seiner Hand
verdeckt eine Wetterkarte wählen. Ihr Wert bestimmt die Verteilung der
ausliegenden Wasserstandskarten. Der Spieler, bei dem der Wasserstand danach am
höchsten ist, muss einen Rettungsring abgeben. Weil viel geblufft und um die
Ecke taktiert wird, jagen sich die Überraschungen. Wer keinen Rettungsring mehr
hat, scheidet aus. Am Ende gibt es Punkte für alle unverbrauchten
Rettungsringe.
Das Besondere: Nach jedem Durchgang geben alle ihre Wetterkarten und
Rettungsringe an den Nachbarn weiter, der dann mit dem exakt gleichen Blatt sein
Glück versuchen muss. Erst wenn jeder mit jedem Blatt gespielt hat, ist das
Spiel zu Ende. So kann nicht nur eruiert werden, wer mit welchem Blatt am
meisten Punkte erreicht hat, es kann sich auch niemand mehr mit der blöden
Ausrede, er habe halt schlechte Karten gehabt, aus der Affäre ziehen. «Land
unter» war 1997 schon einmal unter dem Namen «Zum Kuckuck» auf dem Markt,
damals aber mit einer Grafik, die zu kindlich wirkte und deshalb die Zielgruppe
verfehlte. Das neue Thema ist zwar plausibler, die neue Grafik stiess in unseren
Kreisen allerdings auch nicht gerade auf Begeisterung.
Für eine Partie «Drachengold»
sind Spieler mit Freude an Verhandlungen gefragt. Gemeinsam geht man auf die
Pirsch gegen feuerspeiende Drachen, die wertvolle Schätze horten. Nur mit Hilfe
der Mitspieler können die Ungetüme erledigt werden, allerdings birgt die
Aufteilung der Beute Konfliktstoff und wird manchmal zur wahnwitzigen
Herausforderung. Als mögliche Jagdbeute liegen ständig mehrere Drachen offen
aus. Eine Zahl zwischen 5 und 10 gibt ihre jeweilige Stärke an. Jeder Spieler
hat vier Charakterkarten, deren Stärke von 1 bis 4 reicht. Reihum muss man
jeweils einen Charakter an einen Drachen anlegen. Hat die Stärke der
Jagdgesellschaft die Stärke des Drachens erreicht, haben die beteiligten
Spieler jeweils genau eine Minute lang Zeit, um sich über die Aufteilung der
Beute zu einigen. Einigt sich die Gruppe nicht, gehen alle leer aus.
Das führt zu hitzigen Wortgefechten, bei denen psychologisches Geschick gefragt
ist und die Positionen und Koalitionen ständig wechseln. Wer seinen Mitspielern
nichts gönnt und mit Sturheit provoziert, dass alle leer ausgehen, wird später
von seinen Gegnern als Jagdpartner gemieden. Die einzelnen Schätze bestehen
zudem aus unterschiedlich wertvollen Bestandteilen (Silber, Gold, Saphire,
Smaragde, magische Gegenstände usw.), was Verhandlungen und Verteilung zusätzlich
erschwert. Spezielle Fähigkeiten der an der Jagd beteiligten Charakterkarten
(Diebe dürfen zum Beispiel Edelsteine klauen) und Aktionskarten verleihen dem
Spiel zusätzliche Würze. So erlaubt die Karte «Unsichtbare Hand» doch tatsächlich
zu schummeln. Der Besitzer darf Schätze stibitzen, bis er erwischt wird,
verliert dann zwar seine Fähigkeit, darf aber die geklauten Schätze behalten.
Wer zum Schluss den wertvollsten Schatz gesammelt hat, gewinnt. Leider gibt es
Abstriche im Material. Die Sichtschirme sind zu klein, und einige Regel- und
Kartentexte entsprechen nicht genau der französischen Originalausgabe, was den
Spielverlauf ein bisschen negativ beeinflusst.
«Land unter», Kartenspiel von Stefan Dorra für 3 bis 5 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: 20 bis 40 Minuten. Verlag: Berliner Spielkarten. Preis: etwa 14 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstrasse 31a, 8820 Wädenswil.
«Drachengold», Kartenspiel von Bruno Faidutti für 3 bis 6 Spieler ab 8 Jahren. Spieldauer: etwa 30 Minuten. Verlag: Eurogames Descartes. Preis: etwa 28 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Fata Morgana, Güterstrasse 32, 3008 Bern, Internet: www.descartes-editeur.com/german.htm.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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