Neue Zürcher Zeitung LEBENSART
Faites vos jeux«Löwenherz» Ritter, Fürstentümer und die Grenzen der Macht
tom. In Kreisen von Leuten, die viele Spiele spielen, galt «Löwenherz» im vergangenen Jahr als der grosse Favorit für den Kritikerpreis «Spiel des Jahres». Als Handicap entpuppte sich aber, dass es sich ausschliesslich an anspruchsvolle Taktiker und Strategen richtet. Die Auszeichnung wurde schliesslich dem Familienspiel «Mississippi Queen» verliehen. (NZZ 27. 8. 97). «Löwenherz»-Erfinder Klaus Teuber von Beruf Zahntechnikermeister ist trotzdem einer der erfolgreichsten Spieleautoren Deutschlands. Mit «Die Siedler von Catan», «Drunter & Drüber», «Adel verpflichtet» und «Barbarossa» hat er bereits viermal die Auszeichnung «Spiel des Jahres» gewonnen. «Löwenherz» entstand ursprünglich als Auftragsarbeit für ein Werbespiel einer Baufirma. In der Urfassung ging es darum, bei einer Hausrenovation Räume neu einzuteilen. Das Spielprinzip wurde seither verfeinert und das Thema einem breiteren Publikumsgeschmack angepasst.Nun werden zwei bis vier Spieler ins Mittelalter geschickt. Jeder versucht als Fürst auf einer Landkarte um drei Burgen herum drei möglichst grosse Gebiete abzustecken und dabei die Gegner auf kleine Gebiete auszugrenzen. Aber Vorsicht, wie erwähnt: «Löwenherz» ist kein Spiel für Gelegenheitsspieler. Es ist kein Spiel, das man aus der Schachtel nehmen, ausbreiten und nach kurzem Blick in die Regeln sofort spielen kann. Die Spielregeln bedürfen vor der ersten Partie einer eingehenden Lektüre. Mindestens einer der Teilnehmer sollte gut mit ihnen vertraut sein. Die Spielmechanismen sind vielschichtig und komplex, was aber nicht heisst, dass die Regeln kompliziert sind. In der ersten Partie geht es vor allem darum, auszuprobieren, welche Einflüsse die verschiedenen Aktionen aufeinander ausüben.
Das Spielbrett von «Löwenherz» ist variabel und kann für jede Partie aus sechs verschiedenen quadratischen Teilen neu zusammengestellt werden. Wälder, Gebirge und Städte geben der Landschaft eine eigenwillige Struktur, die strategisch ausgenützt werden will. Eine Anfängerversion mit vorgegebenem Plan und fester Anfangsaufstellung erleichtert den Einstieg. Die Profis wählen ihre Ausgangslage auf dem Brett aber selber. Im Verlauf der Partie müssen die drei eigenen Burgen lückenlos von Grenzen umschlossen werden. Ritter stärken die Burgen. Je mehr Ritter um eine Burg herum gruppiert sind, desto mehr Ritter braucht der Gegner, um Felder dieses Gebietes zu übernehmen. Der Spielablauf ist originell; ob man in einer Runde eine Aktion ausführen darf, ist nämlich nicht sicher. Pro Runde wird eine Aktionskarte aufgedeckt. Darauf werden den Spielern jeweils drei Aktionen angeboten. Reihum muss sich nun jeder Fürst für eine einzige dieser Aktionen entscheiden. Möglich sind der Erhalt von Dukaten, das Setzen von Grenzen (um Gebiete zu gründen), die Erweiterung von Gebieten (indem man bereits bestehende Grenzen verschiebt), das Einsetzen von Rittern oder die Wahl einer «Politikkarte», welche weitere Überraschungen und Würze ins Spiel bringen kann.
Brenzlig wird's, wenn zwei oder drei Spieler dieselbe Aktion wählen (was bei vier Konkurrenten unvermeidbar ist). Dann kommen die Dukaten ins Spiel, mit denen Aktionen «gekauft» werden können. Entweder einigen sich die Kontrahenten gütlich, indem der eine dem anderen eine ausgehandelte Summe von Dukaten bezahlt, oder die Aktion geht an jenen Beteiligten, der verdeckt am meisten Dukaten bietet, was den Käufer mal ganz billig, mal ungeheuer teuer zu stehen kommen kann. Bluffen ist erlaubt. Die «Politikkarten» ermöglichen es schliesslich noch, dem Gegner Bündnisse aufzuzwingen, fremde Ritter zum Überlaufen zu nötigen, den Dukatenvorrat zu erhöhen oder ganz einfach Siegpunkte zu ergattern. Solche Siegpunkte werden immer bei Gebietsgründungen und -erweiterungen verteilt. Die Grösse der Gebiete und geographische Besonderheiten wie Minen oder Städte bestimmen die Anzahl der Punkte. Wer bei Spielende am meisten gesammelt hat, wird zum Thronfolger ernannt.
«Löwenherz» übernimmt zum Teil Spielmechanismen und Abläufe aus bereits bekannten Strategiespielen, erfindet neue hinzu und mischt alle Bestandteile schliesslich so ab, dass ein wunderbares neues Spiel entsteht, bei dem Planung sehr wichtig ist, aber auch Überraschungseffekte für eine eigenwillige Dynamik sorgen. Auch wer gerade nicht an der Reihe ist, wird dauernd ins Spielgeschehen einbezogen. Der Sieger der Partie steht lange Zeit nicht fest. Ständig müssen Entscheidungen gefällt werden, deren Tragweite man nicht genau abschätzen kann. Nur eine einzige Aktion darf man wählen, hat aber immer zuwenig Dukaten, zuwenig Grenzen und zuwenig Ritter. Oft ist es vorteilhaft, sich nicht in erster Linie zu überlegen, was man selber als nächstes tun soll, sondern, was wohl der Gegner als nächstes tun wird. Eine möglichst gegenteilige Strategie zu seinen Konkurrenten zahlt sich aus. Einen Preis erhielt «Löwenherz» übrigens trotzdem noch: den «Deutschen Spiele Preis 1997».
«Löwenherz» von Klaus Teuber. Verlag: Goldsieber. 2 bis 4 Erwachsene oder spielerprobte Kinder ab 12 Jahren unter sich. Dauer einer Partie: 90 bis 120 Minuten. Preis: etwa 59 Fr.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
© 1998 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Leimatstrasse 32, CH-9000 St. Gallen. Update: 08.03.1999