Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
U-Bahn- und Tram(irr)fahrten
tom. Wir schreiben das Jahr 1898.
Die Pariser Metro entsteht. Wie man aus der Spielanleitung von «Metro» erfährt,
wurden die Tunnels damals ebenerdig gebaut, um später in der Erde versenkt zu
werden. Da hat man es als Brettspieler einfacher. Die Strecken, die man ohne
Kraftaufwand mit Kärtchen aufs Spielbrett legt, haben allerdings mit dem
Pariser Schienennetz herzlich wenig zu tun, sondern sind abstrakt und chaotisch.
Am Rand des quadratischen Spielplans sind 32 U-Bahn-Stationen dargestellt, von
denen jeder Spieler je nach Anzahl der Mitspielenden zwischen 5 und 16 erhält.
In der Mitte des Spielbretts gibt es 8 weitere neutrale Stationen. Durch das
Legen von quadratischen Plättchen mit den unterschiedlichsten Schienenverläufen,
von denen jedes auf jeder Seite zwei Anschlüsse hat, versuchen die Spieler, möglichst
langgezogene eigene Strecken zu bauen und die Linien der Gegner so kurz wie möglich
zu halten. Kreuzungen und Abzweigungen gibt es nicht. Jede Linie führt von
einer Anfangs- zu einer Endstation. Am Schluss werden die Längen der eigenen
Linien zusammengezählt. Gelingt es, eine Linie zu einer Station in der Mitte zu
führen, zählt sie doppelt.
«Metro» besticht durch den einfachen Mechanismus und seine
einleuchtenden Regeln. Man nimmt ein Kärtchen, prüft es und legt es an der
optimalen Stelle hin. Basta! Glücksfaktor und Gegner ärgern sind wie in jedem
guten Familienspiel inbegriffen. Mit Regelvariationen kann man den Ablauf – je
nach Bedarf – auch taktischer gestalten. Das Beste: «Metro» funktioniert
wirklich in jeder Besetzung – egal ob mit zwei, drei, vier, fünf oder sechs
Spielern – hervorragend.
Wen nun die Schienenbauer-Leidenschaft gepackt hat, dem sei auch noch ein etwas
älteres – ebenfalls sehr kurzweiliges – Familienspiel aus dem Jahre 1995, «Linie
1», empfohlen, das dank Kreuzungen und Abzweigungen vielleicht noch ein
bisschen anspruchsvoller ist. Das Ziel ist umgekehrt: Man muss eine möglichst
kurze Tramstrecke bauen, um eigene Haltestellen zu verbinden. Auch hier gilt: Würden
Tramschienennetze nach dem Prinzip des Spiels gebaut, herrschte in den Städten
das nackte Chaos. Auf dem Plan sind Endstationen und Gebäude – vom Museum bis
zum Hallenbad – abgebildet, die durch das Schienennetz verbunden werden müssen.
Im Unterschied zu «Metro» erhält jeder Spieler verdeckt einen Streckenauftrag
zugelost, auf dem steht, welche Gebäude er verbinden muss. Der Auftrag bleibt
den Gegnern bis zum Schluss unbekannt. Mit dem Legen von Schienenkärtchen
entstehen aus Kurven, Geraden, Verzweigungen, Kreuzungen und Schlaufen
komplizierte Gleisanlagen. Linien von Gegnern können ebenfalls blockiert oder
an die ungünstigsten Orte umgeleitet werden. So kann es passieren, dass eine
Fahrt vom Hallenbad zum Industriegebiet, die auf dem Spielplan nur fünf
Zentimeter Luftlinie auseinander liegen, über den ganzen Spielplan führt.
Was bei «Metro» stets mehr oder weniger klar ist – wem das Legen eines Plättchens
schadet und wem es nützt –, kann bei «Linie 1» jeweils nur vermutet werden.
Für eine optimale Vorausplanung wären geometrische Vorstellungskraft und eine
gewisse Cleverness erforderlich. Da die Gegner aber mit Hartnäckigkeit die
Strecke garantiert immer in den «Gaggo» hinaus leiten, kann man auch hier sein
Schicksal nur bedingt selber lenken. Wer glaubt, seine Strecke endlich
erfolgreich vollendet zu haben, darf eine Jungfernfahrt mit seinem Tram
unternehmen. Immer wenn er am Zug ist, würfelt er und zieht ein kleines Tram über
seine Strecke. Je kürzer die gebaute Strecke, um so schneller ist er am Ziel.
Der Tramführer, der zuerst seine Endstation erreicht, gewinnt.
«Metro», Legespiel von Dirk Henn für 2 bis 6 Spieler ab 8 Jahren, 45 bis 60 Minuten. Verlag: Queen Games, etwa 40 Franken, Vertrieb in der Schweiz: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstrasse 14, 9445 Rebstein. www.queen-games.de
«Linie 1», Legespiel von Stefan Dorra für 2 bis 5 Spieler ab 10 Jahren, 60 bis 90 Minuten. Verlag: Goldsieber, etwa 50 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Max Bersinger AG, Zürcherstrasse 505, 9015 St. Gallen. Internet: www.goldsieber.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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