Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Mexica»: Auferstehung Tenochtitláns
tom. Bedeutungsvoll fixieren die beiden
leuchtenden Augen einer Maske aus einer fernen historischen Kultur den
Betrachter vom Cover einer Spieleschachtel. Das Bild erinnert an zwei
altbekannte Gesichter, die auf den Schachteln von «Tikal» und «Java»
prangen. Das kommt nicht von ungefähr: «Mexica» ist der Abschluss einer
Spieletrilogie von Michael Kiesling und Wolfgang Kramer, die innerhalb von vier
Jahren im Ravensburger-Verlag erschienen ist und zu der Franz Vohwinkel jeweils
die Grafik beigesteuert hat. In allen drei Spielen entsteht auf einem zu Beginn
leeren Spielplan eine antike Kultur. K. und K. sind mittlerweile zum wohl
erfolgreichsten Spielautoren-Gespann Deutschlands avanciert. «Tikal» war Spiel
des Jahres 1999, «Torres» der Spitzenreiter des folgenden Jahres. 2001 wurde
«Java» veröffentlicht. Dieses Jahr sind mit «Pueblo» und «Mexica» gleich
zwei hochkarätige Spiele von ihnen erschienen.
In «Mexica» geht es darum, auf einer Insel im Texcocosee die 1521 durch Hernan
Cortés zerstörte Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlán, neu zu gründen und
auszubauen. Ein Kanalsystem wird angelegt, durch das einzelne Bezirke (Calpulli)
abgetrennt werden. In die Bezirke hinein setzen die Spieler Gebäude und
versuchen dabei, in möglichst vielen Bezirken mit den meisten und grössten Gebäuden
vertreten zu sein, was Siegpunkte einbringt. Ein Vergleich mit «Tikal» und «Java»
drängt sich auf. Und da können Spieler, denen vor allem «Java» zu schwerfällig
war, erleichtert aufatmen: «Mexica» ist das einfachste der drei Spiele und
spielt sich wesentlich flüssiger als die Vorgänger. Trotzdem ist es ein durch
und durch taktisches Spiel. Eine Partie dauert normalerweise rund eine Stunde,
vorausgesetzt, es ist kein unschlüssiger Grübler am Tisch.
«Mexica» übernimmt das von den Vorgängern bekannte Spielsystem. Ist ein
Spieler an der Reihe, hat er jeweils eine Anzahl Aktionspunkte – in diesem
Fall sechs – zur Verfügung, die er für verschiedene Handlungen in freier
Entscheidung verwenden kann. Er kann Kanalteile auf die Insel legen und so
Gebiete abstecken und voneinander abtrennen. Er kann Brücken bauen, um die
Gebiete zu verbinden. Er hat eine Spielfigur, die er ziehen kann, wobei jedes
Feld einen Aktionspunkt kostet. Er kann Gebäude errichten, aber nur in
Gebieten, in denen sich seine Spielfigur befindet. Es gibt Gebäude in vier
verschiedenen Grössen, die Erstellungskosten sind von der Grösse abhängig.
Zwei Aktionspunkte pro Zug können eingespart und erst in späteren Runden
gebraucht werden.
Sogenannte Calpulli-Plättchen geben die Feldergrösse der Bezirke an, die gegründet
werden müssen. Diese können drei bis dreizehn Felder gross sein. Es gibt zwei
Wertungen, bei Halbzeit und zum Schluss des Spiels. Die Gesamthöhe aller Gebäude,
die man dann in einem Bezirk stehen hat, ergibt deren Wert. Wer im
Dreizehn-Felder-Bezirk die wertvollsten Gebäude hat, erhält zum Beispiel
dreizehn Punkte, wer Häuser auf der zweithöchsten Wertstufe besitzt, erhält
sieben Punkte, und der dritthöchste Rang im Wertvergleich der Hauseigentümer
bringt noch vier Punkte. «Mexica» ist ein Spiel der fast unbegrenzten Möglichkeiten.
Man möchte so vieles tun, hat aber immer zu wenig Aktionspunkte zur Verfügung.
Die Aktionspunkte wollen weise und sorgfältig geplant verbraucht werden. Die
Zahl der Bauplätze in den einzelnen Bezirken ist knapp. Kaum hat man seine
Mehrheit im einen Bezirk sichergestellt, wird man bereits wieder von einem
Gegner in einer anderen Ecke der Stadt überflügelt. Kurze Wege für die
Spielfigur sind wichtig, damit man darauf reagieren kann.
«Mexica» ist ein ruhiges, aber spannendes Spiel mit Atmosphäre. Es ist schön
anzusehen, wie aus den bunten Kunststoffhäuschen langsam eine kleine Welt
entsteht. Das Spiel funktioniert sowohl mit zwei als auch mit drei und vier
Spielern hervorragend. Es ist zweifellos ein erstklassiges Spiel. Leider gibt es
inzwischen aber zu viele Spiele, die nach dem Prinzip «Gebiete abstecken,
Mehrheiten bilden, Punkte werten» funktionieren. Auch wenn «Mexica» eines der
besten Spiele dieser Art und leichter zugänglich ist als «Tikal» oder «Java»,
kann es einen jetzt, im April 2002, nicht mehr wirklich zu Begeisterungsausbrüchen
hinreissen. Leider. Es kommt mindestens drei Jahre zu spät.
«Mexica»: Machtspiel von Michael Kiesling und Wolfgang Kramer für 2 bis 4 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: 60 bis 90 Minuten. Verlag: Ravensburger. Preis: etwa 70 Franken. Carlit + Ravensburger AG, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos, Internet: www.ravensburger.ch.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
© 1998/2000 - Felsberger S & A Spiel & Art AG, Tannenstrasse 40, CH-9010 St. Gallen. Update: 27.05.2002