Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Als Händler, Jäger und Sammler zum erfolgreichen Pokémon-Trainer

tom. Die Spielkarten-Decks sind frisch gemischt, zwei Karten mit Kreaturen liegen aus, die gegeneinander antreten sollen. Allerdings täuscht die Drolligkeit des «Maus-Pokémon» namens Pikachu auf der ersten Karte. Mit scharfen Zähnen nagt es am «Raupen-Pokémon» «Hornliu» – der Karte des Gegners – und teilt 10 Schadenspunkte aus. Dank Giftstachel setzt sich Hornliu zur Wehr, brennt seinerseits Pikachu 10 Schäden in den Pelz und vergiftet den Nager als Zugabe. Pikachu rächt sich mit einem «Donnerschock», fegt Hornliu vom Tisch, die Vergiftung besorgt ihm jedoch den Rest. Deshalb rückt das aus dem «PSI-Pokémon» «Abra» mit einer «Evolutionskarte» weiterentwickelte «Kadabra» von der Ersatzbank in die Arena nach. Es besitzt die Fähigkeit «Super-Psychoschlag». Der Gegner ist derweil nicht untätig geblieben und hat sein harmloses «Fisch-Pokémon» «Karpador» zum «Grausam-Pokémon» «Garados» aufgemotzt, das zum «Blubberstrahl»-Angriff ansetzt.
«Pokémon» (der Name ist von «Pocket Monsters» abgeleitet) sind Kreaturen, deren Lebensaufgabe darin besteht, einander zu verdreschen. Es gibt sie als Figuren in einem Nintendo-Spiel, als Trickfilmhelden, Plüschtiere, Gummibälle und als Sammelkartenspiel. 1996 wurden die wunderlichen Lebewesen in 150 verschiedenen Arten in die Welt eines Gameboy-Spiels hineingeboren, in dem es gilt, wilde Pokémon aufzuspüren, einzufangen, zu zähmen und zu trainieren. Die Kreaturen werden durch das Training immer stärker, und einige entwickeln sich zu regelrechten Kampfmaschinen, die sich mit anderen Pokémon messen. Mehrere Arten sind extrem selten, und nicht alle sind in einem Spielmodul vorhanden. Wer seine Sammlung komplettieren will, muss deshalb regen Handel betreiben und die Kreaturen mittels Linx-Kabel von Gameboy zu Gameboy laden. Seit der Lancierung einer gleichnamigen Trickfilmserie entwickelte sich in Japan eine regelrechte Pokémon-Hysterie, die sich zum Milliardengeschäft ausweitete, 1500 Merchandise- Artikel vom Schleckstengel bis zur Bettwäsche hervorbrachte und schon auf die USA hinübergeschwappt ist. Nun ist Europa fällig
. Nach dem Vorbild von «Magic the Gathering» wurde auch ein Sammelkartenspiel entwickelt, von dem bisher weltweit über 500 Millionen Karten im Umlauf sind. Die Firma «Wizards of the Coast», die mit «Magic» das erfolgreichste Kartenspiel aller Zeiten hervorgebracht hatte und inzwischen für 325 Millionen Dollar von Hasbro geschluckt worden ist, kaufte den japanischen Urhebern die Rechte an «Pokémon» ab. Wie bei «Magic» gibt es auch im «Pokémon»-Sammelkartenspiel seltene, nicht sehr häufige und häufige Karten. Der Käufer weiss nie, was sich in einem Ergänzungs-Set versteckt. Auch punkto Erfolg und in bezug auf die damit einhergehenden Begleiterscheinungen steht das Kartenspiel «Pokémon» dem Vorbild «Magic», vor allem in den USA, bisher in nichts nach: ständig ausverkaufte Läden, Kartenhandel per Internet sowie Verbot des Spiels auf Schulhöfen. Der grosse Unterschied zum komplexen «Magic» besteht darin, dass sich «Pokémon» mit einem eher schlichten Duell-Mechanismus speziell an Kinder richtet, was natürlich auf das Portemonnaie der Eltern zielt. Wer sich alle Karten schnappen will, gibt rasch einige hundert Franken aus.
Jeder Spieler schlüpft im Kartenspiel in die Rolle eines «Pokémon»-Trainers. Wer zuerst sechs gegnerische Pokémon kampfunfähig gemacht hat, gewinnt. Ein «aktives Pokémon» kämpft jeweils gegen ein Pokémon des Gegners. Bis zu fünf weitere Kreaturen warten auf der «Ersatzbank» auf ihren Einsatz. «Evolutionskarten» entwickeln die Wesen zu komplexeren Arten. Mit «Energie-Karten» erhalten sie Kraft, um anzugreifen. «Trainerkarten» wie «Energie-Absauger» oder «Hyperheiler» rufen spezielle Ereignisse hervor. 102 Karten sind vorderhand auf deutsch erschienen. Weitere sind in Vorbereitung.
Die Faszination von Pokémon ist eher im Sammeln aller Karten und im Zusammenstellen möglichst schlagkräftiger Decks als im eigentlichen Mechanismus des Spiels begründet. Die taktischen Möglichkeiten während einer Partie bewegen sich auf bescheidenem Niveau. Sind die Karten einmal gemischt, überwiegt der Zufall über die Taktik. Es gibt zum Beispiel wenig Gründe, Karten, die man in der Hand hat, nicht sofort zu spielen. Im Prinzip geht es im Spiel darum, rein mathematisch Zahlen voneinander zu subtrahieren. Jedes Pokémon verfügt über eine bestimmte Anzahl Kraftpunkte und teilt bei einem Angriff, von dem es verschiedene Arten gibt, einen Schaden in bestimmter Höhe aus. Der Angegriffene ist jeweils zum Zuschauen verdammt und kann im selben Zug nicht reagieren. Übersteigt der erlittene Schaden die Kraftpunkte eines Pokémon, wandert es auf den Ablagestapel, und der Gewinner erhält eine zusätzliche Karte als Preis.

«Pokémon», Sammelkartenspiel für zwei Spieler ab 8 Jahren. Verlag: Wizard of the Coast. Spieldauer: 15 bis 30 Minuten. Starter-Sets: Fr. 19.90, Themen-Sets: Fr. 19.90, Ergänzungs- Sets: Fr. 5.50. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstrasse 31a, 8820 Wädenswil, www.wizards.com/Pokemon.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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