Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Versteigerungen mit dem Sonnengott und Geschäftemachen in Chinatown

tom. «Ra», der Klang dieses Wortes hallt nach einer Partie des gleichnamigen Spiels noch lange in den Windungen des Gehörgangs nach. Denn während des Spiels ertönt immer wieder von links und rechts der Ruf: «Ra», was einem gehörig die Schweissperlen auf die Stirn treiben kann. Mit dem Spiel «Ra» lanciert der Ravensburger-Verlag seine neue Prestige-Marke «Alea». Es ist ein sehr schön gestaltetes, in einen fundierten historischen Hintergrund eingebettetes, raffiniertes Versteigerungsspiel von Reiner Knizia, durchdacht, spannend und überraschend einfach.

Geführt vom Sonnengott Ra

Jeder Spieler versucht – gelenkt durch die Kraft des Sonnengotts Ra – während dreier Epochen im alten Ägypten die erfolgreichste Dynastie zu etablieren. Je mehr Pharaonen er gestellt hat, je mehr Monumente er errichtet hat, je harmonischer der Nilwasser-Pegelstand war, je ausgeglichener Landwirtschaft, Religion und Schrift gepflegt wurden, um so erfolgreicher schneidet der Spieler ab. Kern des Spiels sind 180 bunte, viereckige Plättchen, auf denen ägyptische Gottheiten, Pharaonen, der Nil, Überschwemmungen, Errungenschaften, Katastrophen, Gold oder Bauwerke abgebildet sind. Eine möglichst geschickte Kombination dieser Plättchen bringt am Ende jeder Epoche Wertungspunkte. Die Wertungskriterien sind originell und unterschiedlich. Wer zum Beispiel am meisten Pharaonen besitzt, bekommt fünf Pluspunkte, wer am wenigsten besitzt, zwei Minuspunkte. Bei den Nilplättchen zählt die Anzahl, aber nur, wenn man auch Überschwemmungen gesammelt hat.
Kurz und ungenau zusammengefasst, deckt, wer an der Reihe ist, entweder ein neues Plättchen auf oder ruft «Ra», was eine sofortige Versteigerung aller offen ausliegenden Plättchen auslöst. Wer das Höchstgebot abgibt, erhält alle Plättchen aus dem ausliegenden Angebot, darunter allenfalls auch Katastrophen, die zwei eigene Kärtchen zerstören. Je nachdem, was man sammelt, kann das jeweilige Angebot für die Spieler sehr unterschiedlich attraktiv sein. Raffiniert ist der Versteigerungs-Mechanismus.

Lockeres Familienspiel

Jeder Spieler hat pro Epoche drei Sonnen mit aufgedruckten Zahlen zwischen 1 und 16 zur Verfügung, die er als Gebote verwenden kann. Wer gerade die Sonne mit der höchsten Zahl besitzt, ist naturgemäss im Vorteil. Erhält man als Höchstbietender den Zuschlag, muss man die gebotene Sonne allerdings in die Mitte legen und nimmt dafür jene Sonne, die bereits aus der vorhergehenden Versteigerung dort liegt, darf sie in der derselben Epoche aber nicht mehr einsetzen. Dadurch variiert die potentielle Bietstärke der einzelnen Spieler ständig. «Ra» eignet sich durchaus als lockeres Familienspiel mit Kindern, die bereits gut rechnen können. Eine Partie dauert etwa eine Stunde, der Wiederholungsreiz ist sehr gross. Die Marke «Alea» ist von Ravensburger laut eigenem Anspruch für Menschen geschaffen worden, die regelmässig und häufig Spiele kaufen, die Freude an anspruchsvollen Spielideen, gelungener Gestaltung und hochwertiger Ausstattung haben. Nimmt man «Ra» und auch das zweite «Alea»-Spiel, «Chinatown», als Massstab, stellt man erleichtert fest, dass dieser Anspruch nicht unbedingt für komplexe und schwierige, sondern durchaus für kurzweilige, spassige Spiele steht.

Lukrative Deals für Charakterspieler

In «Chinatown» von Karsten Hartwig müssen im New York der dreissiger Jahre möglichst lukrative Geschäfte eröffnet werden. Dazu erhält jeder zufällig Gebäudeparzellen und Kärtchen, die Geschäfte wie Wäschereien oder Restaurants darstellen. Die Geschäfte kann man in den Gebäuden placieren. Je mehr zusammenhängende Kärtchen des gleichen Geschäfts man besitzt, desto grösser wird der Gewinn. Das Besondere an «Chinatown» ist, dass (fast) alles, kreuz und quer, laut oder leise, offen oder verdeckt in völlig beliebiger Zusammensetzung, Qualität und Anzahl gehandelt werden kann: Geld, Gebäude und Geschäfte.

«Chinatown» lebt dadurch gewaltig von den Charakteren der beteiligten Spieler. Redegewandte Krämerseelen und Geschäftemacher werden ihren Spass haben. Nicht geeignet ist es allerdings für Romeo und Julia am Tisch, die das Spiel als gegenseitigen Liebesbeweis verstehen und sich gratis die lukrativsten Geschäfte zuschieben, was Mitspieler sehr rasch zum Gähnen finden.

 «Ra», Versteigerungsspiel von Reiner Knizia, Spieldauer: etwa 60 Minuten; «Chinatown», Handelsspiel von Karsten Hartwig, Spieldauer: 60 bis 90 Minuten; beide Spiele für jeweils 3 bis 5 Personen ab 12 Jahren, erschienen in der «Alea»-Reihe von Ravensburger. Preis je etwa Fr. 49.–.

Sämtliche bisher in der NZZ erschienenen Spielbesprechungen sind übrigens auf dem Internet abrufbar über die Adresse: www.toy-net.ch/forum/spielebesprechung/index.htm


Mit freundlicher Genehmigung von Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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