Erschienen in der Zürichsee-Zeitung: www.zsz.ch/spielend
Hunnen tauschen am Familientisch
Vor 1500 Jahren hat sich die Szene vielleicht 1:1 abgespielt: «Ich such' zwei Hunnen.» - «Die kannst Du haben. Gib mir dafür aber zwei Goten» .Ein Kopfnicken, der Deal war perfekt, vier finster dreinschauende Bärtige wechseln die Hand. In die Welt des Kartenspiels übertragen sind die Dialoge und Handlungen der Sklavenhändler von damals im Falle von «Res Publica». Auch hier werden «Langobarden» feilgeboten oder «Hunnen» gesucht. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Repräsentanten der beteiligten Stämme nicht in Fleisch und Blut, sondern in Form pittoresker Karten über den Tisch gehen.
Wer nicht sattelfest ist, was die Völkerwanderungszeit betrifft, braucht sich keine Sorgen zu machen: Geschichtskenntnisse sind bei «Res Publica» überhaupt nicht gefragt. Die grimmigen Köpfe auf den Karten gehören ebenso wie der historisch nicht ganz stimmige Titel «Res Publica» lediglich zur Verpackung und haben mit der Spielidee nichts zu tun. Denn hier geht es nur um eines: Karten geschickt anbieten und weggeben, um so möglichst schnell fünf gleiche Karten abzulegen und Punkte zu sammeln.
Den Reiz des Spiels machen also nicht die Hunnen selbst aus, sondern die Art und Weise, wie man sie erwirbt. Wer an der Reihe ist, darf seinen Mitspielern Karten anbieten oder von ihnen Karten erbeten, nicht aber beides miteinander verknüpfen. Mit beispielsweise vier Hunnen und zwei Angelsachsen in der Hand wird die Forderung am Tisch aus einem «Ich such' einen Hunnen» bestehen. Was man dafür zu geben bereit wäre, darf nicht verraten werden. Gegenforderungen zu stellen ist Sache derjenigen Mitspieler, die einen Hunnen im Blatt haben. Über die Angebote wird nicht verhandelt. Der erste Spieler wählt aus, ob und mit wem er den Tausch durchführen will.
Auf einen Handel einzusteigen, ist nicht immer ratsam. Schliesslich gilt es ja nicht nur das eigene Fünferblatt zu vervollständigen, sondern ebenso zu verhindern, dass die Mitspieler ihre fünf Goten oder Langobarden zusammenkriegen. Nur Karten suchen lohnt sich also nicht, ab und zu muss man auch selber Karten anbieten. Wer mit seinen Angeboten und Nachfragen nicht zum Ziel kommt, kann immer noch aufs Kartenglück hoffen, das bei «Res Publica» eine wichtige Rolle spielt. Nach jeder Runde wird nämlich eine zusätzliche Karte aufgenommen, und damit vergrössern sich automatisch die Chancen.
Sobald die ersten fünf Karten auf dem Tisch liegen, darf der betreffende Spieler Karten einer zweiten Kategorie aufnehmen. Statt wilder Krieger sind darauf zivilisatorische Errungenschaften wie Schiffbau und Metallkunde abgebildet. Das Spielprinzip bleibt sich aber gleich. Einiges Kopfzerbrechen bereitet von nun an aber die Frage, wie man in einem Tausch die wertvollen Zivilisationskarten gegen die verbliebenen Hunnen und Goten einsetzt. Regeln dafür gibt es nicht. Denn auch in diesem Punkt gilt das Prinzip der freien Sklavenmarktwirtschaft.
Jedes Spiel dauert etwa eine halbe Stunde. «Res Publica» eignet sich deshalb bestens als lockere Abendunterhaltung am Familientisch. Die Spielregeln sind einfach, jedes Spiel entwickelt sich anders, und selbst erfahrene «Sklavenhändler» vermögen sich, wegen der grossen Rolle, die das Kartenglück spielt, nicht ohne weiteres gegen Neulinge durchzusetzen. Das Spieltempo ändert sich übrigens je nach Teilnehmerzahl,weshalb es durchaus reizvoll ist, Hunnen und Goten mal mit zwei und mal mit vier Mitspielern zu tauschen.
«Res Publica» von Reiner Knizia, für 3 bis 5 Personen ab 10 Jahren. Spieldauer etwa 30 bis 45 Minuten, Preis rund 24 Franken. Verlag: Queen Games, Importeur: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstr. 14, 9445 Rebstein.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Benjamin Geiger im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -