Erschienen in der Zürichsee-Zeitung: www.zsz.ch/spielend

Adliges Gerangel mit wenig Taktik

Zugegeben, das Thema ist nicht neu. Aber selten wurden Machtkämpfe mittelalterlicher Adliger so stimmig umgesetzt wie in "Rheinländer". Über den Spielplan mäandriert der Rhein, aufgeteilt in durchnummerierte Felder. Wer die zu einem Feld passende Zahlkarte ausspielt, darf einen Ritter auf das entsprechende Feld legen. Zwei oder mehr Ritter bilden ein Herzogtum, wer darin die meisten Ritter hat, bekommt einen Herzog. Als Alternative zum gezielten Platzieren kann man auch eine beliebige Karte ausspielen und einen Ritter neben einen eigenen legen, vorausgesetzt, es befindet sich kein gegnerischer Ritter in der Nähe.
Wer die Mehrheit an Rittern in einem Herzogtum verliert, erhält dessen Wert - bestimmt durch die darin liegenden Städte, Burgen und Kirchen - in Punkten ausbezahlt. Doch dies ist ein schwacher Trost: Am Ende des Spiels geben alle Herzogtümer Punkte, und zwar deutlich mehr als zuvor. Eine spezielle Bedeutung haben die Kirchen: Ein Herzog, der über eine Kirche herrscht, setzt einen Bischof ein. Derjenige Spieler mit den meisten Bischöfen ist Erzbischof und kann fremde Ritter "bekehren". Er darf den Ritter vom Feld nehmen und durch einen eigenen ersetzen. Dazu muss er aber die passende Zahlkarte haben, und darum dieses an sich reizvolle Spielelement nur in wenigen Partien überhaupt zum Einsatz. Der bunte und detailreiche Spielplan dieser Parker-Neuheit erfreut zwar zunächst das Auge, wirkt sich aber negativ auf die Übersichtlichkeit aus. Zudem wurden ärgerlicher- und unnötigerweise als drei der fünf Farben für die Herzogsfiguren violett, lila und rot gewählt, so dass diese bisweilen schlecht unterschieden werden können.
Am meisten Spass macht wohl die zweite Partie von "Rheinländer": Jetzt hat man die Regeln voll begriffen (die Anleitung ist, an heutigen Massstäben gemessen, alles andere als benutzerfreundlich) und schöpft die taktischen Möglichkeiten voll aus, das Spiel ist flüssig und spannend. Doch ab der dritten Partie macht sich Ernüchterung breit. Man erkennt, dass es genau eine Strategie gibt, die zum Erfolg führt, nämlich möglichst viele kleine Herzogtümer zu schaffen; eine Übernahme eines gegnerischen Herzogtums lohnt sich meist nicht. Dass diese Strategie zwar erfolgreich, aber langweilig ist, trägt nicht gerade zum Spielspass bei. Und wenn alle diese Strategie verfolgen, wird der Erfolg massgeblich davon bestimmt, wer die besten Karten zieht.
Zum (bedauernswerten) Erfolg dieser Strategie trägt bei, dass das Spiel meist dann endet, wenn es spannend würde, nämlich wenn der Platz langsam eng wird und es zu Zusammenschlüssen von mehreren kleinen Herzogtümer kommen könnte. Dem kann begegnet werden, indem pro Spieler zwei oder drei Ritter mehr verteilt werden, als die Regel vorsieht. "Rheinländer" erhält dann ein spannenderes Endspiel.
Positiv fällt auf, dass ein einzelner Zug sehr schnell geht, so dass auch bei fünf Spielern keine lange Wartezeiten entstehen. Auch beträgt die Spieldauer sehr konstant und unabhängig von der Spielerzahl rund 45 Minuten. Eingefleischten Taktikern bietet "Rheinländer" sicher zu wenig Wahlmöglichkeiten, es ist eher ein Familienspiel. Dagegen ist nichts einzuwenden; schade ist aber, dass dies nicht gleich ersichtlich ist. Sowohl die (eher zu hoch angesetzte) Altersgrenze von 12 Jahren als auch Thema und Spielregel liessen auf ein anspruchsvolles Spiel schliessen. Solchen Erwartungen wird "Rheinländer" aber nicht gerecht.

"Rheinländer" von Reiner Knizia, für 3 bis 5 Spieler ab 10 bis 12 Jahren. Spieldauer rund 45 Minuten, Preis ca. 60 Franken. Verlagsadresse: Hasbro (Schweiz) AG, Alte Bremgartenstrasse 2, 8965 Berikon.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Egg im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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