Erschienen in der Zürichsee-Zeitung: www.zsz.ch/spielend

Planung und Chaos

Haben Sie sich auch schon gefragt, wie wohl Ihr Arbeitsplatz mitten in der Nacht aussieht, wenn die Menschen längst schlafen und die Maschinen abgestellt sind? Eine freche Antwort auf diese Frage liefert "Robo Rally": Die Roboter in dieser Fabrik warten nicht etwa darauf, am nächsten Morgen reaktiviert zu werden - sie vertreiben sich die Zeit mit einem halsbrecherischen Wettrennen quer über Fliessbänder und Öllachen, durch mörderische Laserstrahlen und haarscharf an gähnenden Abgründen vorbei. Wer zuerst den letzten Checkpoint erreicht, ist Sieger.
Doch die vielen Hindernisse zu überwinden wäre ein Kinderspiel, wäre da nicht die Natur (?) der Roboter, die verlangt, dass sie nicht einfach drauflos fahren können, sondern programmiert werden müssen. Dies geschieht mittels Karten, die den Roboter beispielsweise zwei Felder nach vorn fahren oder eine 90-Grad-Drehung nach rechts ausführen lassen. Von diesen Karten (anfänglich erhält jeder Spieler deren neun) müssen nun fünf in der Reihenfolge verdeckt abgelegt werden, wie sie anschliessend ausgeführt werden. Dann decken alle ihre erste Karte auf, und es darf gezogen werden.
Dass Programmierung und Endergebnis nicht immer identisch sind, dafür sorgen zwei Faktoren: Erstens passiert jedem, und ganz besonders Anfängern, ab und zu ein Fehler. Schnell ist eine Rechts- mit einer Linksdrehung verwechselt, und dann läuft das ganze folgende Programm natürlich mit falschen Vorzeichen ab. Besonders wenn der Fehler bei der ersten oder zweiten Karte passierte, steht der liebe Roboter nach fünf Zügen ganz woanders als geplant - oder ist sogar im Loch gelandet und muss nochmal neu starten. Zweitens sind da ja noch die anderen Roboter. Wenn nun ein Roboter in einen anderen hineinfährt, schiebt er ihn vor sich her, was dessen Pläne auch ziemlich durcheinander bringt.
Drei Eigenschaften helfen, Spass an "Robo Rally" zu haben: Ein gutes Vorstellungsvermögen (um Fehler zu vermeiden), eine gewisse Freude am Chaos und eine nicht zu tiefe Frustrationstoleranzgrenze (um mit Misserfolgen fertig zu werden). Denn häufig wird schon einige Runden vor Schluss klar, wer den Sieg unter sich ausmacht und wer keine Chance mehr hat. Da gilt es, die gute Laune nicht zu verlieren - und sich auf eine Revanche zu freuen...
Was diesem Spiel fast völlig fehlt, sind Absprachen unter den Spielern sowie das "Psycho-Element": Wie reagiert ein Mitspieler wohl, wenn ich diese Aktion mache? Da jeder primär darauf bedacht ist, schnell ans Ziel zu kommen, entfallen diese Elemente meist. Dafür zeichnet sich "Robo Rally" durch einen sehr grossen Variantenreichtum aus: Nie ist eine Rennstrecke gleich wie die letzte. Die Checkpoints können in beliebiger Zahl und an beliebigen Orten gesetzt werden, und das Grundspiel enthält vier verschiedene Spielbretter, die auch zu grösseren Rennstrecken zusammengesetzt werden können. Davon ist aber eher abzuraten: Je mehr sich die Roboter in die Quere kommen, desto lustiger wird das Spiel.
Aus demselben Grund liegt die ideale Spielerzahl auch bei fünf bis sechs Spielern. Die Grundversion enthält aber nur vier Roboter. Das Ausbauset "Crash & Burn" sei deshalb wärmstens empfohlen. Darin finden sich neben vier weiteren Robotern vier neue Spielpäne sowie "Optionskarten", die dem Roboter, der sie ergattert, zusätzliche Fähigkeiten verleihen. Ohne dieses Salz wird die Robo-Rally-Suppe bald fad.

"Robo Rally" und "Robo Rally Crash & Burn" von Richard Garfield, für 2 bis 4 bzw. bis 8 Spieler ab 12 Jahren. Preis je ca. 65 Franken, Spieldauer variabel, aber mindestens eine Stunde. Verlag: Amigo, Vertrieb: Carletto AG, Wädenswil

Das amerikanische Original (erschienen 1994 bei Wizards of the Coast) enthält 8 Roboter, 6 Spielpläne sowie Optionskarten und ist in einzelnen Spielläden für ca. 75 Franken erhältlich.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Christian Egg im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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