Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Royal Turf» und «Jockey»: packende Pferderennen – spannende Wetten
tom. Earl Grey, Albino, Sahara
Wind, Caramello, Red Fox, Nougat und Othello. Die sieben Pferde am Start tragen
klingende Namen. Jeder Gaul hat eine andere Ausgangslage: Othello ist
pfeilschnell, Albino wird vom absoluten Star der Jockeyszene geritten, Caramello
bekommt von der Rennleitung das grosszügigste Handicap zugebilligt, und Earl
Grey ist unheimlich ausdauernd. Vier Eigenschaften sind es, welche die
Rennchancen der Starter bestimmen. Ganzheitlich betrachtet, sind die Stärkeverhältnisse
aller sieben Pferde zwar ausgeglichen. Durch den Zufallsfaktor eines Würfels
und fiese Mitspieler kommen die Eigenschaften im Rennen aber unterschiedlich
stark zum Tragen. Drei Rennen werden gelaufen, dreimal wird gewettet. Wer zum
Schluss das meiste Geld hat, gewinnt.
Die Pferde sind nicht den Spielern zugeordnet. Jeder am Tisch kann im Verlauf
eines Rennens jedes Pferd bewegen. Vor jedem Rennen placieren die Spieler ihre
Wetten auf drei der sieben Pferde, was je nach Variante verdeckt oder offen
geschehen kann. Das verdeckte Wetten bringt einen Bluff-Faktor ins Spiel und ist
witziger. Je weniger Spieler auf ein Pferd setzen, desto höher ist bei einem
Erfolg die Wettauszahlung.
Die vier Eigenschaften eines Pferdes werden mit den Symbolen «Pferdekopf»
(Schnelligkeit), «Mütze» (Jockey), «Sattel» (Handicap) und «Hufeisen»
(Ausdauer) dargestellt. Wer an der Reihe ist, muss einen Würfel werfen. Würfelt
er einen Sattel, bewegt er eines der Pferde entsprechend dessen Sattelwert eine
Anzahl Felder vorwärts. Da auf jedem Feld nur ein Pferd stehen kann, blockieren
sich die Gäule öfters gegenseitig. Ein bewegtes Pferd ist «tabu», bis alle
Pferde einmal bewegt worden sind. So schrumpft die Auswahl, und man muss plötzlich
ein Pferd mit einem hohen Wert lancieren, auf das man gar nicht gewettet hat.
Zudem kommt der eigene Favorit Earl Grey, der doch so ausdauernd wäre, dessen
Jockey aber eine Pfeife ist, nicht vom Fleck, weil einfach nie das richtige
Symbol gewürfelt wird. Je mehr Spieler auf das gleiche Pferd gesetzt haben,
desto einfacher läuft es theoretisch als Erstes ins Ziel. Sonderbar, wenn viele
dasselbe wollen, funktioniert es in der Praxis einfach nicht.
«Royal Turf» erfüllt sämtliche Eigenschaften eines guten «Bier- und
Brezel-Spiels»: Es dauert kaum eine Stunde, ist einfach zu kapieren und fetzig
zu spielen. Ständig flattern die eigenen Nerven. Man darf die Gegner ärgern
und rauft sich die Haare, weil der Würfel einfach nie das tut, was man will.
Zwischendurch kann man sich getrost zwei, drei Bierchen zuführen, weil
Geistesarbeiter bei diesem Spiel nicht wirklich im Vorteil sind. Zwar ist «Royal
Turf» in der Alea-Reihe erschienen, die sich an sogenannte «Vielspieler»
richtet. Auf der zehnstufigen Alea-Skala, welche die Komplexität eines Spiels
ausweist, ist das Spiel aber mit dem geringsten Wert, eins, bedacht worden.
«Jockey», ein Pferderennenklassiker, der 1973 erstmals bei Ravensburger
erschienen war und nun im Verlag «Berliner Spielkarten» neu aufgelegt worden
ist, funktioniert ähnlich. Auch hier geben die Spieler – in jedem Fall
verdeckte – Wetten ab, und alle Teilnehmer können alle Pferde bewegen.
Ebenfalls gilt: Wer nach drei Rennen am meisten Geld hat, gewinnt. Einen Würfel
gibt es allerdings nicht. Der hauptsächlichste Unterschied zu «Royal Turf»
besteht darin, dass an jeden Spieler zu Beginn jedes Rennens Karten ausgeteilt
werden, auf denen Zugweiten für Pferde angegeben sind. Bei «Jockey» herrscht
somit für die Spieler eine unterschiedliche Ausgangslage, aber die gleiche
Ausgangslage für alle Pferde. Bei «Royal Turf» ist es genau umgekehrt.
Bekommt man bei «Jockey» schlechte Karten auf die Hand, sind die Möglichkeiten
zur Rennbeeinflussung schon erheblich eingeschränkt. Es gibt Karten, die sich
auf die Farbe eines Pferdes beziehen, und Karten, die jenes Pferd betreffen, das
sich gerade in einer bestimmten Position befindet. Wer an der Reihe ist, spielt
eine Karte aus und bewegt entsprechend ein Pferd. Das Renngeschehen wird allein
durch die Karten bestimmt, ist demnach – im Gegensatz zu «Royal Turf» –
planbar. Dadurch erhalten die Spieler zwar das Gefühl, mehr taktische
Entscheidungen fällen zu können. Der eigene Erfolg hängt aber wesentlich von
der Kartenhand der Mitspieler und ihren Zügen ab. «Jockey» mit mehr als vier
Spielern zu versuchen, ist deshalb recht frustrierend. «Royal Turf» ist
ehrlicher, weil gewürfelt wird und diese Unvorhersehbarkeit des eigenen Zuges
– im Gegensatz zu einer miesen Kartenhand – immer wieder aufs Neue Raum für
Hoffnungen und Überraschungen bietet.
«Royal Turf», Renn- und Wettspiel von Reiner Knizia für 2 bis 6 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: 45 bis 60 Minuten. Verlag: Alea (Ravensburger). Preis: etwa Fr. 39.–. Verlagsadresse: Carlit + Ravensburger AG, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos.
«Jockey», Renn- und Wettspiel von S. Spencer für 2 bis 6 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: 45 bis 60 Minuten. Verlag: Berliner Spielkarten. Preis: etwa Fr. 39.–. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstrasse 31a, 8820 Wädenswil.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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