Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«San Marco» und «Doge»: Gerangel in Venedigs Stadtteilen
tom. Ich war noch nie in Venedig,
dennoch kenne ich Namen, Grösse und Lage aller Stadtteile auswendig. «San
Marco, San Polo, Santa Croce, Cannaregio, Dorsoduro, Castello . . .», leiert es
selbst im Bett vor dem Einschlafen noch eine Stunde lang in meinem Gehirn. Die
Spielverlage haben sich nämlich dieses Jahr einen Spass daraus gemacht, möglichst
viele Spiele herauszubringen, bei denen man Holzklötzchen in Venedigs
Stadtteile legen und dabei Mehrheiten erlangen muss: Bei Ravensburger erschien
«San Marco», bei Goldsieber «Doge» und bei Queen Games «Venezia». Zudem
ist Venedig Schauplatz einer Neuauflage von «Inkognito» bei Winning Moves.
Tja, die Message des englischen Lifestyle- Magazins «Wallpaper», wonach Zürich
die angesagteste Stadt Europas ist, scheint bei den Spielverlagen noch nicht
angekommen zu sein.
Weil so viel Venedig nicht in einen Artikel passt, seien vorerst zwei der Spiele
etwas beleuchtet: Unser Liebling ist «San Marco», das seinen Reiz aus
einem Mechanismus schöpft, mit dem sich schwierige Charaktere einen Kuchen zu
teilen pflegen: Der eine schneidet das Gebäck entzwei, der andere darf sich
sein Stück zuerst aussuchen. Bei «San Marco» werden so die Aktionsmöglichkeiten
verteilt: In jeder Runde werden die einen Spieler zu «Verteilern» und müssen
fünf «Aktionskarten» und drei «Limitkarten» in zwei Stapel aufteilen. Der
«Entscheider» sucht sich offen einen Stapel davon aus. Der «Verteiler» erhält
den Rest. «Limitkarten» wirken sich negativ als Handicap aus und werden von
Vorteil zu Stapeln mit starken Aktionskarten hinzugefügt. Wer nämlich wenig «Limitkarten»
sammelt, bekommt zusätzliche Punkte und ist öfters an der Reihe.
Die verschiedenen «Aktionskarten» erlauben unterschiedlich starke
Einflussnahmen auf die Mehrheiten in Stadtteilen mit dem Setzen von Holzklötzchen,
dem Bauen von Brücken, dem Austauschen gegnerischer durch eigene Klötzchen,
dem Verbannen von Klötzchen oder dem Werten eines Stadtteils. Bei einer Wertung
erhalten jene beiden Spieler, die am meisten Klötzchen in einem Gebiet haben,
Punkte. Das Dilemma, wie man als «Verteiler» ein Angebot aufteilt, um davon in
jedem Fall profitieren zu können und den Gegner nicht allzu sehr zu unterstützen,
kann halb wahnsinnig machen und dem Spiel einen ungeheuren Nervenkitzel und
Unterhaltungswert verleihen. Weil es eine kleine Anlaufzeit braucht, um die
Finessen des Spiels zu verinnerlichen, wird «San Marco» mit jeder Partie
interessanter.
Genau umgekehrt hat es sich in unseren Spielrunden mit «Doge»
verhalten, das wie «San Marco» schön gestaltet und reich ausgestattet ist. Während
die ersten zwei, drei Partien anregend verliefen, verlor sich der Spielreiz später
immer mehr. Mit Hilfe von Stimm-Marken, die man verdeckt auf Stadtteile
verteilt, versucht man zunächst Stimmen-Mehrheiten zu erlangen. Gelingt dies in
einem Stadtteil, bekommt man erstens einen Berater, der bei einer späteren
Abstimmung anderswo eine zusätzliche Stimme zählt. Zweitens darf man zwei Häuser
bauen. Hat man in einem Stadtteil genügend Häuser, werden diese in einen
Palazzo umgewandelt. Wer zuerst in jedem Stadtteil einen Palazzo stehen hat,
gewinnt. «Doge» ist zwar durchaus ein gefälliges und ausgefeiltes Spiel, das
den Anschein macht, als müsste man schlau sein, gekonnt bluffen und um die Ecke
denken. In der Praxis entscheidet aber zu oft der Zufall, der auch extrem knappe
Spielausgänge produziert. Deshalb bestimmt in vielen Partien der Zug eines
unbeteiligten «Königmachers» kurz vor Schluss, wer letztlich gewinnt.
«San Marco», Machtspiel von Alan R. Moon und Aaron Weissblum für 3 bis 4 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: 70 bis 100 Minuten. Verlag: Ravensburger. Preis: etwa 50 Franken. Carlit + Ravensburger AG, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos. Internet: www.ravensburger.de
«Doge», Machtspiel von Leo Colovini für 3 bis 4 Spieler ab 12 Jahren. Dauer: 60 bis 80 Minuten. Verlag: Goldsieber. Preis: etwa Fr. 60.–. Vertrieb in der Schweiz: Max Bersinger AG, Zürcherstrasse 505, 9015 St. Gallen. Internet: www.goldsieber.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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