Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

«Showmanager» – Provinzschauspieler auf Rollensuche

tom. Man stelle sich vor: in einer Stadt inszenieren sechs verschiedene Theater ein und dasselbe Musical. Da würden wohl selbst dem abgebrühtesten Musical-Fan die Ohren zu wackeln beginnen. Was in Wirklichkeit zum sicheren Ruin der konkurrierenden Theaterproduzenten führen würde, funktioniert im Spiel hervorragend und macht Spass. Bei «Showmanager», einer gelungenen Mischung aus Brett- und Kartenspiel, tobt ein unerbittlicher Konkurrenzkampf zwischen maximal sechs Intendanten. Jeder hat die Aufgabe, die vier Musicals «Ballet», «King Lear», «Wolf» und «Queenie» auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu bringen und dazu 18 verschiedene Rollen mit möglichst talentierten Künstlerinnen und Künstlern zu besetzen. Dies geschieht, indem die Spieler Karten sammeln.

Auf den witzigen Künstlerkarten sind 120 kreative Gesangs-, Schauspiel- und Tanztalente im Stile von Karikaturen abgebildet. Wer an der Reihe ist, hat die Auswahl aus vier Karten, die jeweils gleichzeitig in einer Agentur angeboten werden. Die Gagen sind unterschiedlich. Reihum muss sich jeder Mitspieler für eine der offen liegenden Karten entscheiden, wobei der knappe Geldvorrat bei der Wahl eine wesentliche Rolle spielt. Wer zu Beginn zu teure Künstler verpflichtet, ist bald nicht mehr in der Lage, aktive Personalpolitik zu betreiben, und muss später nehmen, was ihm die Konkurrenten übriglassen. Der Künstler, der am längsten in der Agentur ausharrt, ist jeweils gratis zu haben, passt aber meistens nicht ins Ensemble. Ist ein Künstler angeheuert worden, wird die Agentur mit einem neuen Talent aufgefüllt. Gegen Bezahlung dürfen die in der Agentur angebotenen Schauspieler auch alle in die Wüste geschickt werden. Dies ärgert dann nachfolgende Mitspieler, deren Hoffnungen auf Top-Besetzungen dadurch kurz vor dem Zugreifen zunichte gemacht werden.

Ziel ist es, jene Schauspieler zu engagieren, die sich am besten für eine Rolle eignen. Die Talente sind in Form von Talentpunkten auf die Karten gedruckt, aber höchst unterschiedlich verteilt. So will beispielsweise eine Diva namens Beatrice Piepenbrinck partout nur in der Rolle der Prinzessin in «King Lear» brillieren, dies aber in solch ungeheuerlicher Perfektion, dass es das Punktemaximum einbringt. In allen anderen Rollen ist die Piepenbrinck schlicht unbrauchbar. Hermann von Klappsack hingegen ist zwar weniger talentiert, hat aber schon zwei Rollen im Repertoire. Provinzschauspieler schliesslich krallen sich mit nur einem Talentpunkt an jede erdenkliche Rolle, die sie kriegen können. Das ist immer noch besser, als einen eigentlich talentierten Künstler in einer falschen Rolle zu verheizen, was Fehlbesetzung genannt wird und null Punkte einbringt.

Sind sämtliche Rollen eines Musicals (fehl)be setzt, kommt es zur Inszenierung. Jener Spieler, der ein Musical zuerst inszeniert, bestimmt den Ort der Premiere. Diese findet entweder im Provinznest Troisdorf (dem Sitz der Queen Games), in Bochum, Köln, Hamburg oder gar am New Yorker Broadway statt. Je nach Anzahl der Talentpunkte erreicht die Inszenierung einen bestimmten Rang unter den Konkurrenten. Am meisten Punkte gibt es für den Sieger in New York, gleichzeitig ist hier ein Misserfolg aber auch schlichtweg eine Katastrophe. Bei den Troisdorfer Kulturbanausen hingegen sind zwar keine goldenen Lorbeeren zu holen, andererseits werden hier auch an mittelmässige Inszenierungen noch grosszügig Punkte verteilt. Weil Geld zur Verpflichtung von neuen Künstlern dringend benötigt wird, können Inszenierungen auch mit Krediten belehnt werden, was ihre Punktezahl aber vermindert. Sieger wird, wer nach Aufführung seiner vier Musicals die höchste Gesamtpunktzahl erreicht. – «Showmanager» ist eines der Highlights des Spielejahrgangs 1997 und kam bei der Verleihung des Deutschen Spiele-Preises auf den dritten Platz. Der Wiederspielwert ist sehr hoch. Die Partien sind kurzweilig, amüsant und stets spannend. Risikobereitschaft ist ein bestimmender Faktor, wird aber nicht immer belohnt und kann auch in den finanziellen Ruin führen. Kartenglück ebnet den Weg zum Erfolg. Stets gilt es, im Auge zu behalten, für welches Musical die Konkurrenten gerade Karten sammeln. Mit einer gezielten Aktion zur richtigen Zeit kann man sie dann gehörig zurückbinden. Nachdem das Spiel bereits vor Jahren – vom Autor Dirk Henn selber zusammengebastelt – als «Premiere» im Kleinstverlag «db-Spiele» erschienen ist, hat es nun zu Recht den Sprung ins Programm eines bekannten Verlages geschafft. Dabei mag der Autor Dirk Henn Musicals ganz und gar nicht und meidet sie wie der Teufel das Weihwasser.

«Showmanager» von Dirk Henn. Verlag: Queen Games, 2 bis 6 Spieler ab 10 Jahren. Dauer einer Partie: 50 bis 90 Minuten. Preis: etwa 59 Fr.


Mit freundlicher Genehmigung von Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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