Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Besiedlung einer Insel mit Würfeln, Feilschen und Jammern

tom. Es gibt tatsächlich Leute, die der Ansicht sind, dass sich die Spiel-Verlage seit 1995 die Mühe sparen könnten, ständig neue Spiele zu entwickeln. Damals brachte der Kosmos-Verlag «Die Siedler von Catan» heraus. Dem Zahntechnikermeister Klaus Teuber aus Rossdorf bei Darmstadt war es gelungen, das ultimative Spiel zu erfinden, das Jung und Alt, ob weiblich, ob männlich, gleichermassen anspricht, logisch aufgebaut ist, Taktik und Glück ausgewogen vereint und dessen Thema derart faszinieren kann, dass unauffällige Bürger jahrelang Woche für Woche in eine seltsame Inselwelt eintauchen, um Landschaften zu besiedeln und mit Rohstoffen zu handeln. Der Kosmos-Verlag rechnet bis Ende 1999 mit fünf Millionen verkauften Siedler-Spielen. «Monopoly», das früher als Synonym für Familienbrettspiele galt, ist dieser Funktion längst durch «Die Siedler von Catan» beraubt worden.

«Catan» ist eine Insel, die aus 19 sechseckigen Kärtchen mit Landschaftstypen wie Wäldern, Weiden und Gebirgen in stets neuer Ausgangslage zusammengefügt wird. Einen festen Spielplan gibt es nicht. Die Sechsecke werden zu Beginn mit Zahlenplättchen von 2 bis 12 versehen. Liegt etwa auf einem Wald eine 8, bedeutet dies später im Spiel, dass dieser Wald bei einem Würfelwurf von 8 einen Rohstoff Holz produziert. Alle Spieler, die angrenzend an den Wald eine Siedlung gebaut haben, erhalten dann ein Holzkärtchen. Eine Stärke des Spiels ist der logische und einfache Spielablauf. Zu Beginn eines Zuges werden die Erträge mit zwei Würfeln ausgewürfelt. Wer an der Reihe ist, darf dann mit seinen Mitspielern Rohstoffe handeln. Als letztes können mit den Rohstoffen neue Strassen, Siedlungen oder Städte gebaut und «Fortschrittskarten» erworben werden. Für jeden Ausbau ist eine bestimmte Anzahl an Rohstoffen erforderlich. Es gibt Siegpunkte für Siedlungen und Städte, aber auch für spezielle Errungenschaften wie etwa die längste Strasse.

Wichtig sind die taktischen Entscheidungen, wo man seine Strassen und Siedlungen hinbaut, sowie das Würfelglück, gute Handelsabschlüsse und nicht zuletzt die Fähigkeit, brillant zu jammern. Zwar gibt es klare mathematische Wahrscheinlichkeiten dafür, welche Rohstoffe wie oft gewürfelt werden, doch klaffen zwischen theoretischer Erwartung und den tatsächlich gewürfelten Zahlen oft Welten, was unheimlich an den Nerven schleifen kann. Ich kenne kein anderes Spiel, bei dem die Beteiligten zur Stärkung ihrer Moral ständig so erbärmlich viel jammern. Obwohl 1995 mit dem Preis «Spiel des Jahres» ausgezeichnet, hat das Spiel auch einen kleinen Schwachpunkt: Der bereits erreichte Erfolg setzt sich im Spielverlauf potentiell fort; wer schon hat, dem wird immer mehr gegeben. Liegt man nach einer Viertelstunde an letzter Stelle, hat man eigentlich keine Chance mehr, den Rückstand aufzuholen, und könnte bereits aufgeben – es sei denn, man fände noch einen Dummen, den man zu einer milden Gabe überreden kann.

«Die Siedler von Catan» spricht durch sein Thema, durch das weitgehend gewaltfreie Spielkonzept und die kommunikativen Elemente offenbar vor allem auch Frauen an. Die Fan-Gemeinde erweitert sich inzwischen im Schneeballeffekt über die Hobby- und Gelegenheitsspieler hinaus. Eingefleischte Siedler-Fans wie etwa der Zürcher Peter Kohl treffen sich auch noch nach Jahren fast wöchentlich zum Siedler-Abend. In Kohls Runde zahlen die drei Verlierer jeweils fünf Franken in eine gemeinsame Kasse. Davon hat sich die Truppe diesen Frühling Ferien in Portugal geleistet. Kohls Taktik-Tip, der auf jahrelanger Erfahrung gründet: «Konsequent die Getreide- und Erz-Felder besiedeln, das ist der halbe Sieg.»

Mittlerweile sind zahlreiche Ergänzungen zum Grundspiel auf dem Markt. Die Catanier lernen die Seefahrt, bauen ihre Städte zu Handelszentren und Ritterburgen aus und üben sich in historischen Szenarien. Alle Ergänzungen bewirken eine Verlängerung der Spieldauer und eine Verbreiterung der Aktionsmöglichkeiten, ohne dass jedoch die Spieltiefe merklich zunimmt. Würfeln, Handeln, Jammern und der «Wer schon hat, dem wird immer mehr gegeben»-Mechanismus prägen nach wie vor den Spielablauf. Für zwei Personen gibt es ferner das sehr empfehlenswerte «Siedler- Kartenspiel», zu dem erst kürzlich fünf Erweiterungen mit neuen Spielkarten erschienen sind. Diese Erweiterungen sind allerdings eher für Fans gedacht. Mit Ausnahme des Sets «Zauberer und Drachen», das die neue Variable «Magie» einführt, ändern sie das Grundspiel nur unwesentlich. Der Siedler-Boom hält unterdessen an. Auf den Herbst hat Kosmos mit «Sternenfahrer» eine Besiedelung des Weltraums angekündigt, allerdings als völlig eigenständiges Spiel mit aufwendigem Material und neuen Mechanismen. Und bei Ravensburger wird die offizielle Computerumsetzung «Catan – die erste Insel» erscheinen.

«Die Siedler von Catan», Machtspiel von Klaus Teuber. Das Grundspiel ist für 3 oder 4 Spieler ab 10 Jahren geeignet. Verlag: Kosmos. Spieldauer: 60 bis 120 Minuten. Preis: etwa Fr. 59.–. Folgende Erweiterungen, die das Grundspiel erfordern, sind erhältlich: «Ergänzungs-Set für 5 und 6 Spieler» Fr. 24.90; «Die Seefahrer-Erweiterung» Fr. 49.50; «‹Städte & Ritter›-Erweiterung» Fr. 49.50, «Historische Szenarien, Alexander der Grosse & Cheops» Fr. 19.90. Sodann gibt es «Seefahrer»- und «Städte & Ritter»-Ergänzungen für 5 bis 6 Spieler für Fr. 15.–.

«Die Siedler von Catan, das Kartenspiel» von Klaus Teuber für zwei Personen ab 10 Jahren, Dauer einer Partie: 60 bis 90 Minuten. Preis: etwa Fr. 24.90. «Turnier-Set» Fr. 24.90. Folgende Ergänzungen sind erschienen: «Zauberer & Drachen», «Ritter & Händler», «Handel & Wandel», «Politik & Intrige», «Wirtschaft & Fortschritt» je Fr. 11.90. Vertrieb in der Schweiz: Lemaco SA, Chemin du Croset 9, 1024 Ecublens.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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